Gloria Steinem hasste die Ehe, kämpfte für Playmates und legale Abtreibungen: Sie war das Gesicht der US-Frauenbewegung der 1960er und 1970er Jahre.

Die coolste Brille des Feminismus trug stets Gloria Steinem

Bill Young

Gloria Steinem, die am Mittwoch in New York im Alter von 92 Jahren starb, besaß eine seltene Gabe: Sie konnte Dinge so klar benennen, dass man sie, sobald sie einmal ausgesprochen waren, nicht mehr übersehen konnte. So prägte Steinem etwa den Begriff der „reproduktiven Freiheit“ und gab der Abtreibungsdebatte damit eine neue Perspektive, in der das Recht auf körperliche Selbstbestimmung im Mittelpunkt stand. Mit ihrem Essay „If Men Could Menstruate“ („Wenn Männer menstruieren könnten“) von 1978 holte sie die Menstruation aus der Tabuzone. In dem satirischen Gedankenexperiment fragte sie, wie anders mit der Menstruation umgegangen würde, wenn nicht Frauen, sondern Männer sie erlebten. Der Essay wurde zu einem der meistgelesenen und meistübersetzten feministischen Texte des Jahrhunderts.

Als das von ihr herausgegebene Magazin Ms. das von blauen Flecken gezeichnete Gesicht einer Frau auf seine Titelseite setzte – zu einer Zeit, als der Begriff „häusliche Gewalt“ gerade erst Eingang in den öffentlichen Sprachgebrauch fand – rückte es ein Thema ins Zentrum der öffentlichen und politischen Aufmerksamkeit, das bis dahin hinter verschlossenen Türen verborgen geblieben war. Steinem sagte von sich selbst, sie sei keine Theoretikerin. Ihre Stärke lag darin, Generationen amerikanischer Frauen eine Sprache für Dinge zu geben, die, bevor Steinem sie benannt oder ihnen Gehör verschafft hatte, unausgesprochen geblieben waren.