Die Niederlande ziehen 78 Tonnen Gold aus New York ab – warum Notenbanken Trumps Amerika zunehmend misstrauenWeltweit machen sich Notenbanken unabhängiger von den USA und dem Dollar. Für die Schweiz präsentiert sich die Ausgangslage anders.04.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Notenbanken der Welt stocken ihre Goldreserven auf – aber lagern sie immer weniger in den USA.Mike Groll / APDie niederländische Notenbank hat mit einer Verlagerung ihrer Goldreserven für Aufsehen gesorgt. Laut einer Mitteilung hat sie seit dem Frühling rund 78 Tonnen Gold aus New York abgezogen. Das entspricht rund 40 Prozent aller Goldreserven, welche die Niederländer bisher in den USA eingelagert hatten – konkret in den Tresoren der Federal Reserve Bank in New York. Das Gold liegt jetzt stattdessen in London in den Kellern der Bank of England.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Angesichts zunehmender geopolitischer Unruhen stärken wir unsere Krisenvorsorge», erklärte die niederländische Notenbank. In London seien die Goldreserven im Krisenfall leichter handelbar. «Wir gehen davon aus, dass wir sie niemals einsetzen müssen, aber wir müssen unsere Widerstandsfähigkeit und Vorsorge erhöhen», sagte der Notenbankgouverneur Olaf Sleijpen.Streit übers Gold in DeutschlandDie Aktion der Niederländer fügt sich ein in einen breiteren Trend. Im vergangenen Jahr hat bereits die französische Zentralbank ihre Goldbestände in New York vollständig aufgelöst und 129 Tonnen des Edelmetalls in die Heimat verschoben. Sämtliche Goldreserven Frankreichs liegen nun in Paris. Hinter der Verlagerung stünden allerdings keine politischen Gründe, erklärte der französische Notenbankgouverneur damals.Doch die Vermutung liegt nahe, dass die Aktionen auch etwas mit dem Verhalten des amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu tun haben. In Deutschland ist jüngst offen eine Debatte darüber geführt worden. Vom Bund der Steuerzahler sowie von der AfD und von Linksparteien kamen Forderungen, wonach die Deutsche Bundesbank ihre amerikanischen Goldbestände vollständig in die Heimat zurückholen müsse, weil sie unter Trump nicht mehr sicher seien. Der amerikanische Präsident könnte sie als Druckmittel missbrauchen, hiess es.Die Bundesbank hat zwar im Jahr 2013 schon einmal Goldbestände von New York und Paris nach Deutschland zurückgeholt. Aber rund ein Drittel der deutschen Goldreserven liegen immer noch in den USA.Die Bundesbank hat die Forderungen wiederholt zurückgewiesen. Das Gold sei bei der Federal Reserve Bank in New York sicher aufbewahrt, erklärte der Bundesbank-Präsident Joachim Nagel.Tatsächlich gibt es Gründe, warum die US-Regierung kaum auf ausländische Goldreserven zugreifen wird. Die amerikanische Notenbank (Fed) als Verwahrungsort ist unabhängig. Staatliche Goldreserven geniessen völkerrechtlich einen besonderen Schutz vor Beschlagnahmung. Zudem könnte Trump mit einem Zugriff eine Finanzkrise riskieren. Investoren hielten dann womöglich auch amerikanische Staatsanleihen nicht mehr für sicher – neben Gold die weltweit wichtigste Anlageklasse für das Halten von finanziellen Reserven.Notenbanken stocken Goldreserven aufDie Notenbanken dieser Welt haben allerdings schon lange vor Trump begonnen, ihre Goldreserven anzupassen. Bereits ab der Finanzkrise von 2007/08 haben Zentralbanken kräftig Gold zugekauft. Vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer wollen sich so vom Dollar, der faktischen Reservewährung der Welt, unabhängiger machen. Beispielsweise hat China die Goldreserven deutlich aufgestockt. Das Land will den Yuan als Alternative zum Dollar positionieren.Zahlreiche Länder wollen sich auch vor amerikanischen Strafmassnahmen schützen. Forschungsarbeiten des Finanzhistorikers Barry Eichengreen zeigen: Schwellenländer halten mehr Reserven in Gold, wenn sie finanziellen Sanktionen ausgesetzt sind oder wenn sie in geopolitischen Konflikten stecken. Das gilt nicht nur für China oder Russland, sondern auch für Polen, Indien oder die Türkei.Ein weiterer Trend ist, dass die Notenbanken die Goldreserven zunehmend in heimischen Tresoren bunkern. Die Bedeutung der USA als Lagerort hat abgenommen: Im Jahr 2005 wurden noch rund 30 Prozent der weltweiten Goldreserven in New York aufbewahrt, heute sind es gut 20 Prozent. Viele Länder wollen physischen Zugriff auf ihr Goldvermögen.Konflikt zwischen Sicherheit und HandelbarkeitDoch die Notenbanken geraten dadurch in ein Dilemma. In den heimischen Tresoren ist das Gold zwar sicher. Aber die Zentralbanken halten es nicht als Selbstzweck. Im Krisenfall wollen sie es in Fremdwährung umtauschen können, um die finanzielle Lage im eigenen Land zu stabilisieren. Das geht am einfachsten, wenn das Gold physisch an den weltweit wichtigsten Handelsplätzen in London und New York lagert.Wie umständlich es sonst werden kann, hat etwa Venezuela erfahren. Laut Medienberichten soll Caracas im Jahr 2019 eigens ein russisches Grossflugzeug gechartert haben, um einige Tonnen Gold nach Uganda zu bringen. Venezuela wollte so angeblich amerikanische Sanktionen umgehen und Devisen beschaffen, um dringend benötigte Güter im Ausland zu kaufen.Für westliche Notenbanken geht es vor allem darum, im Krisenfall handlungsfähig zu sein. Die niederländische Zentralbank findet offensichtlich, dass London dafür der bessere Ort sei als New York. London gilt als der Handelsplatz mit der grössten Liquidität, pro Woche wechselt dort Gold im Wert von rund 900 Milliarden Dollar die Hand. Doch die Niederländer kehren Nordamerika nicht ganz den Rücken. Je 18,5 Prozent der Goldreserven bleiben in New York und im kanadischen Ottawa.SNB lagert 70 Prozent des Goldes im InlandEine Sonderstellung nimmt derweil die Schweiz ein. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat – entgegen dem weltweiten Trend – seit 2008 kein Gold zugekauft. Die Goldbestände liegen unverändert bei 1040 Tonnen. Rund 70 Prozent dieses Goldes wird in der Schweiz verwahrt. 20 Prozent liegen bei der Zentralbank von England und 10 Prozent bei der Zentralbank Kanadas. Mit anderen Worten: Die SNB hat gar kein Gold in den USA, das sie von dort abziehen könnte.Passend zum Artikel