Zum bevorstehenden Jubiläum des Konzerthauses zieht man in Hamburg Bilanz. Auf dem Podium sitzt auch der Basler Architekt Pierre de Meuron, dessen kühne Vision den Anstoss für das Projekt gab. Wie blickt er heute auf die schwierige Baugeschichte?Marcus Stäbler, Hamburg04.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie charakteristische wellenförmige Dachstruktur war der Ursprung einer folgenreichen Idee: Hamburgs 2017 eröffnete Elbphilharmonie im Abendlicht.Markus Tischler / ImagoDie Initialzündung kam aus der Schweiz. Erst dieser Impuls habe die Entstehung der Elbphilharmonie in Hamburg überhaupt auf den Weg gebracht: «Ohne den Entwurf der Architekten Herzog & de Meuron gäbe es die Elbphilharmonie nicht», so betonte es kürzlich auch noch einmal deren Intendant Christoph Lieben-Seutter. Zum Auftakt der Jubiläumssaison – im Januar jährt sich die Eröffnung des Konzertsaals zum zehnten Mal – hatte das Haus zu einer Podiumsdiskussion geladen, an der man die ungewöhnliche Geschichte des Baus und die bisherigen Erfahrungen Revue passieren liess. Unter den Gästen auf dem Podium war auch Pierre de Meuron, einer der beiden Gründer des verantwortlichen Basler Architekturbüros.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Architekt Pierre de Meuron.NZZGemeinsam mit Lieben-Seutter, der wie er durch alle Höhen und Tiefen der Baugeschichte gegangen ist, blickte Pierre de Meuron unter anderem auf die Anfangszeit des Projekts, als der Hamburger Projektentwickler Alexander Gérard und seine Frau, die Kunsthistorikerin Jana Marko, im Frühjahr 2001 die Vision von einem herausragenden Konzertort im neu entstehenden Stadtquartier Hafencity hatten – und mit dieser Idee an Jacques Herzog und Pierre de Meuron herantraten. «Wir haben natürlich sofort zugesagt und schon früh einen Entwurf vorgezeichnet und entwickelt», so erinnerte sich de Meuron.Dieser Entwurf, 2003 veröffentlicht, zeigte bereits die charakteristische wellenförmige Silhouette des gläsernen Baus, der sich dynamisch auf einem bestehenden Gebäude türmen sollte, dem Kaispeicher A des Nachkriegsarchitekten Werner Kallmorgen. Ein Geniestreich. Mit der einprägsamen Form hätten die Basler Architekten «die Welt erobert» und die Stadtgesellschaft in Hamburg wie auch die Politik für ihre Pläne begeistert, sagte Lieben-Seutter. «Mit einem anderen Entwurf», da ist sich der Intendant sicher, «wäre nichts passiert.»Tiefen und HöhenDie Begeisterung über das Zukunftsbild aus der Schweiz ist seinerzeit so gross, dass man in Hamburg auf einen Architektenwettbewerb verzichtet. Die visionäre Welle von Herzog & de Meuron soll es sein, Alternativen werden gar nicht erst erwogen. Doch die Euphorie weicht mit der Zeit, nach unzähligen Bauverzögerungen und Kostenexplosionen, einer langanhaltenden Phase wachsender Frustration. Der Tiefpunkt ist erreicht, als es im Jahr 2011 so aussieht, als könne der bereits in die Höhe gewachsene Bau nicht fertiggestellt werden.Eine desaströse Situation – für das Image der Stadt, aber auch im Hinblick auf die Realisierbarkeit von Grossprojekten in Deutschland. Zeitweilig wird die Elbphilharmonie in einem Atemzug mit Stuttgart 21 und dem Berliner Flughafen BER zum Synonym für Planungsversagen.Aber die Hamburger Bürgerschaft ringt sich unter der Ägide des damaligen Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz dann doch dazu durch, noch einmal Millionensummen in die Hand zu nehmen. Auch weil sie damals den Argumenten der Architekten gefolgt sei, so glaubt Pierre de Meuron. «Wir konnten alle überzeugen, dass das Projekt sowohl städtebaulich als auch architektonisch aussergewöhnlich ist.»Aus der Rückschau betrachtet, war es fraglos die richtige Entscheidung. Die Elbphilharmonie hat das Kulturleben in Hamburg und Norddeutschland auf ein neues, zuvor kaum denkbares Level gehoben. Das bestätigt die Schlagwerkerin Vivi Vassileva beim Podiumsgespräch. «Die Elbphilharmonie gehört zu den internationalen Top-Konzertsälen, wo man einmal gespielt haben möchte. Wenn man hier regelmässig auftreten darf, dann hat man es geschafft.»Dieser Ruf gelte, ergänzt Christoph Lieben-Seutter, nicht nur für den klassischen Musikbetrieb: «Es ist auch im Jazz so, dass wir regelmässig der Anlass für Europatourneen von amerikanischen Gruppen sind. Auch aus der Pop-Szene bekommen wir Anfragen von Künstlern, die eigentlich viel grössere Hallen füllen würden, aber bei uns auftreten wollen.»Die Anziehungskraft des Hauses hat dazu geführt, dass sich die Anzahl der Konzertbesuche pro Jahr im Grossraum Hamburg seit der Eröffnung verdreifacht hat. Heute liegt die Auslastung im Grossen Saal mit seinen 2100 Plätzen bei 96 Prozent. Zum Jubiläum im Januar 2027 werden 7,4 Millionen Menschen rund 6600 Konzerte und andere Veranstaltungen besucht haben. Auf der Plaza, dem öffentlich zugänglichen Bereich zwischen den beiden Gebäudeteilen, werden es sogar knapp 30 Millionen gewesen sein.Selbst wenn der Ansturm auf diese Aussichtsplattform demnächst abflauen sollte – der Zugang wird ab Oktober kostenpflichtig –, ist klar: Die Elbphilharmonie entfacht tatsächlich die verheissene Strahlkraft. Dass sie unter dem Spitznamen «Elphi» darüber hinaus zum modernen Wahrzeichen der Stadt avancieren würde, konnte niemand so planen. Die kritischen Stimmen, die in dem Bau vor allem ein letztes Aufflackern des Bildungsbürgertums sehen wollten, sind dagegen verstummt.«Das hat uns sehr geprägt»In Anbetracht dieser Erfolgsgeschichte kehrt Pierre de Meuron denn auch immer wieder gern zu dem Gebäude an der westlichen Spitze der Hafencity zurück. Zehn Jahre nach der Entstehung und bereits fünfundzwanzig Jahre nach der ersten Idee sei er sehr glücklich mit der Entwicklung. «Dass es so gut ankommt, dass die Leute sich wohlfühlen in dieser Architektur, das ist das Schönste, was einem Haus passieren kann», ergänzt er beim Gespräch in einer Garderobe der Elbphilharmonie, mit Blick auf die Elbe und den Hafen. «Architektur lebt mit den Menschen, sie kann Menschen bewegen. Das ist hier exemplarisch zu sehen.»De Meuron verschweigt im Nachhinein aber auch nicht die Schattenseiten: Natürlich sei die Krise während des Bauprozesses existenziell gewesen. «Das hat uns sehr geprägt, so etwas hatten wir mit unserem Büro noch nicht erlebt.» Doch in jeder Leidenszeit müsse man resistent sein und sich im Team unterstützen. Letztlich habe die Erfahrung alle zusammengeschweisst. «Und ich glaube auch, dass die lange Geschichte diesen Bau ausmacht und den Charakter der Elbphilharmonie geformt hat.»Passend zum Artikel