Gerade ist der Milliardär Klaus-Michael Kühne gestorben, der Hamburg ein neues Opernhaus bauen wollte. Ob es dazu, ohne dessen persönlichen Ehrgeiz, man kann auch sagen: manipulative Renommiersucht, noch kommen wird, ist fraglich. Die öffentliche Hand zagt, wenn es um die Finanzierung von Kulturbauten geht. Ein Fall wie die Elbphilharmonie wird nicht wiederholbar sein, meint Christoph Lieben-Seutter, der Intendant des Konzerthauses auf dem Dach von Hamburgs altem Kaispeicher A: „Wir hatten in Hamburg Glück mit dem Zeitfenster. Einige Jahre früher hätte sich niemand an so ein Projekt gewagt. Und zu den heutigen Zeiten würde das niemand mehr für finanzierbar halten. Dass die Elbphilharmonie dreimal so viel gekostet hat, wie vom Parlament bestellt, ist natürlich ein Schandfleck in der Geschichte – aber auch nicht gerade einzigartig. Das sieht bei diversen Bahnhöfen und Flughäfen auch nicht anders aus.“Jetzt geht die Elbphilharmonie in ihre zehnte Spielzeit, und niemand schimpft mehr über sie. Eigentlich war das schon beim Volksfest auf der Plaza, der Aussichtsplattform mit Blick auf den Hamburger Hafen, im November 2016 so. Heute, sagt Lieben-Seutter, habe die Elbphilharmonie in Hamburg von ganz links bis ganz rechts im Stadtparlament keine politischen Feinde. Niemand stelle sie bei Diskussionen zur Kulturfinanzierung infrage. Lieben-Seutter und sein Team haben programmatisch und finanziell bewiesen, dass die Elbphilharmonie – mit klassischen Orchesterkonzerten, Gastspielen von Popstars, eigenen Jazz-Reihen und mit Kartenpreisen, die sogar bei der Saisoneröffnung mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra noch den Besuch für fünfzehn Euro ermöglichen – „ein Haus für alle“ sei.In seinem wunderschön, mit Elbblick, gelegenen Intendantenbüro freut sich Lieben-Seutter kurz vor Saisonstart: Man verkaufe nach wie vor dreimal so viele Tickets für ein klassisches Konzerthaus wie vor der Eröffnung der Elbphilharmonie, bei der Laeiszhalle sei der Ticketverkauf stabil geblieben. Grob gerechnet habe sich also das Publikum für klassische Musik und Jazz in Hamburg verdreifacht.Doch fragen muss man, ob sich wirklich das Publikum für klassische Musik verdreifacht hat oder ob die Elbphilharmonie nicht einfach das Publikum aus dem Hamburger Umkreis, aus den Flächenländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen abzieht. Was in Hamburg zusammenkommt, fehlt nun vielleicht andernorts. Der Norddeutsche Rundfunk zahlt für seine Klangkörper eine jährliche Miete von 913.000 Euro an die Elbphilharmonie. Es ist immer befürchtet worden, dass dieser finanzielle Druck zu einer Veranstaltungskonzentration im metropolitanen Raum und zu einer Ausdünnung des Konzertangebots in ländlicheren Regionen führen werde. Doch zeigen Erhebungen zur Herkunft der Gäste, dass nach wie vor zwei Drittel aus dem Großraum Hamburg kommen, ein Drittel aus der ganzen Welt. Der Besuch eines klassischen Konzerts gehört inzwischen zum Programm vieler Hamburg-Touristen.Man wird genauer untersuchen müssen, ob der Publikumsanstieg nicht eher eine Publikumswanderung ist. Erstaunlich bleibt, dass das Phänomen anhält. „Ich hätte nie gedacht, dass wir nach zehn Jahren immer noch fast so viele Besucher haben wie nach der Eröffnung“, sagt Lieben-Seutter. „Anfangs hätte ich ein Abflauen nach zwei bis drei Jahren prognostiziert. Das macht mich zuversichtlich, dass es da so bald keinen Abriss der Besucherzahlen geben wird.“ Auch wenn es einen leichten Besucherrückgang nach der Covid-Pandemie gegeben habe, bewege man sich inzwischen fast wieder auf dem Stand von 2019. Die Auslastung im Großen Saal liege bei 97,5 Prozent.Abonnentenrückgänge gebe es kaum. Die Kurzfristigkeit beim Kauf von Tickets nehme aber hier wie überall zu, räumt Lieben-Seutter ein: „Das hat den positiven Effekt, dass mehr junge Leute ins Haus kommen, die sonst keine Chance hätten, günstige Karten zu bekommen. Dadurch, dass wir eine Woche vor dem Konzert Karten an junge Leute billiger abgeben, hat sich der Anteil der unter Dreißigjährigen fast verdoppelt.“Man kann nicht sagen, dass das künstlerische Programm der Elbphilharmonie auf billige Weise populär wäre. In den vergangenen Jahren hat es 130 Uraufführungen im Haus gegeben, im Schnitt alle vier Wochen eine. Schwerpunkte mit Musik von Helmut Lachenmann, Hans Werner Henze oder Bohuslav Martinů findet man hier ebenso wie Jazz-Reihen zu John Coltrane oder Miles Davis. Und dazu natürlich die Orchesterkonzerte mit dem klassischen Repertoire von Johann Sebastian Bach bis Richard Strauss.Für Lieben-Seutter ist es sogar so, dass der Bau Raum für mehr Wagnisse schaffe: „Durch die Architektur des Gebäudes kommen die Menschen mit sehr viel offeneren Ohren ins Haus. Ich kann’s oft gar nicht fassen, dass ‚Ausklang‘ von Helmut Lachenmann vor der siebten Symphonie von Beethoven im Abo-Programm funktioniert und mehr Applaus bekommt. Das Publikum schätzt beides gleichermaßen. Hätten wir das gleiche Programm in der Laeiszhalle gespielt, wäre die Hälfte des Publikums aus Protest gegangen. In der Elbphilharmonie ist das Publikum offener fürs Abenteuer. Auch die Menschen, die erst über die Elbphilharmonie mit klassischer Musik in Berührung kommen, sind ja nicht so voreingenommen. Für die beginnt Klassik nicht mit Haydn und endet bei Brahms, wie uns das bei Stammabonnenten immer noch begegnet.“Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg, im Foyer vor dem Großen Saal der ElbphilharmoniedpaTrotzdem beobachtet man, gerade in der Februar-Biennale „Visions“ mit Musik des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, dass sehr häufig Gäste mitten im Stück den Saal verlassen, wenn sie für die Eintrittsflatrate zwanzig Minuten Eventarchitektur genossen haben. Wegen der Musik waren sie nicht da. Aber das mag eine Minderheit sein unter den 7,4 Millionen Menschen, die seit der Eröffnung im Januar 2017 die Elbphilharmonie besucht haben.Deutlich verschoben habe sich ohne Zweifel die Wahrnehmung solch eines Konzerthauses von einem Ort der Präsentation von Kunstwerken hin zu einem Ort sozialer Interaktion: „Hätten Sie mich vor zwanzig Jahren gefragt, warum Hamburg ein Konzerthaus braucht, hätte ich Ihnen etwas von unserem kulturellen Erbe, von Beethoven und der großen Kunst erzählt. Heute würde ich eher sagen: Weil sich hier fremde Menschen treffen und anderen Menschen dabei zuschauen, wie sie gemeinsam etwas Besonderes schaffen.“ Mit der nachlassenden normativen Kraft des klassischen Kanons ist einerseits eine neue Vielfalt des Programms möglich, andererseits werde Vermittlungsarbeit, betont Lieben-Seutter, immer wichtiger als „Dienstleistung an der Gesellschaft: Hier kann man mit andern was erleben; hier sind politische Auseinandersetzungen Nebensache; dies ist ein neutraler Raum für Gemeinschaftserlebnisse; hier darf die Phantasie walten – auch jenseits des Dauerbombardements durch schlechte Nachrichten.“Die Akzeptanz der anfangs als überanalytisch empfundenen Akustik sei gewachsen. Das habe mit Erfahrungen der Ensembles und Dirigenten, vielleicht auch mit Entwicklungen der Baumaterialien zu tun, vermutet Lieben-Seutter. Daniel Barenboim und Simon Rattle empfänden den Klang heute als viel organischer. Inzwischen könne man, besonders bei der Aufstellung von Gesangssolisten, beratend eingreifen. Besonders problematisch blieben, das gibt Lieben-Seutter zu, elektrisch verstärkte Konzerte, vor allem dann, wenn sich die Tontechniker der reisenden Popstars nicht auf die Empfehlungen des hauseigenen Teams einlassen würden. Grigory Sokolov freilich spielt nach wie vor lieber in der Laieszhalle Klavier.Wie wird es weitergehen mit der Elbphilharmonie? Publikumssorgen hat Lieben-Seutter nicht. Kostensteigerungen werden aber langsam zum Problem, weshalb von Oktober an eine Eintrittsgebühr von fünf Euro fällig werde für Plaza-Besucher, die nicht in die Konzerte gehen wollen. Und, räumt der Intendant ein, es werde auf Dauer nicht „als nachhaltig gelten, wenn sechzig bis siebzig Orchester durch die Welt fliegen zu Gastspielen in der Elbphilharmonie. Noch ist die Nachfrage da, sowohl bei den Orchestern wie bei den Veranstaltern. Ich werde also keine Konzerte verhindern, glaube aber, dass es künftig weniger Tourneen geben wird.“ Dann allerdings braucht nicht nur die Elbphilharmonie ein neues Betriebsmodell für den Strukturwandel der Klassikindustrie.