Als Antwort auf den Hitzesommer: Die «Kartoffelfans» fordern einen neuen Umgang mit GentechnikWolle man in Zukunft genug Kartoffeln in der Schweiz haben, so sagen die Branchenvertreter in der Zürcher Wasserkirche, brauche es eine Teilliberalisierung von neuen Zuchtmethoden.04.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Kartoffelturm in der Zürcher Wasserkirche ist Teil einer neuen Ausstellung.Christian MerzAusgerechnet der Grossmünsterpfarrer Martin Rüsch profanierte die Zürcher Wasserkirche an diesem Donnerstag ein weiteres Mal. Diese Kirche, so Rüsch, sei ein frühes Beispiel für Umnutzungen. Nach der Reformation habe sie lange als Lagerhalle, dann als Stadtbibliothek gedient. «Und während des Ersten Weltkriegs war sie sogar ein Kartoffellager.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In den nächsten Tagen steht im Kirchenschiff nun ein Turm aus Holzkisten, die mit frisch geernteten Kartoffeln gefüllt sind. An den Wänden hängen Infotafeln zur Geschichte und zur Zukunft der Pflanze. Ein passendes Kochbuch ist in Arbeit.Als Rüsch sein Exposé über die Zwischennutzungen abgeschlossen hatte, übernahmen Vertreter der Branchenorganisation Swisspatat. Sie eröffneten den eigentlichen Gottesdienst.Christian Bucher, Geschäftsführer von Swisspatat, sagte: «Es freut mich, an einem so ‹kartoffelträchtigen› Ort eine Pressekonferenz abzuhalten.» Dann verlas er die etwas weniger spassige Bilanz des Hitzesommers.Die Schweizer Kartoffelbauern haben massiv unter der Trockenheit gelitten. Wo bewässert werden konnte, gelang es zwar, die Einbussen einzudämmen. Doch über alles gesehen, verzeichnen die Bauern fast 20 Prozent geringere Erträge pro Hektare als im Fünfjahresschnitt. Letztmals lag dieser Wert im Jahr 1965 so tief. In absoluten Zahlen wurden seit Beginn der Aufzeichnungen vor hundert Jahren noch nie so wenig Kartoffeln geerntet.Verkümmerte Kartoffelpflanzen auf einem Schweizer Acker. Laut der Branche wurden noch nie so wenig Kartoffeln geerntet wie dieses Jahr.Claudio Thoma / KeystoneDas alles, so Bucher am Ende der Bilanz, sei jetzt sehr negativ gewesen. «Aber wir Kartoffelfans sind Optimisten, und wir glauben, dass diese Knolle in der Schweiz eine rosige Zukunft hat.»Auf diese Botschaft folgte, ähnlich wie in einem richtigen Gottesdienst, die Predigt. Die Vertreter der Branche haben nämlich konkrete Pläne für die Zukunft der Kartoffel. Sie wollen robuste Sorten züchten und denken über einen neuen Umgang mit Gentechnik nach. So wollen sie in Zukunft sicherstellen, dass es in der Schweiz nicht zu einer Kartoffelkrise kommt.Kartoffelgraben als patriotische PflichtDas hohe Ansehen, das die Kartoffel heute – auch ausserhalb der Wasserkirche – geniesst, speist sich aus einer langen Geschichte. Ende des 17. Jahrhunderts wurden im Kanton Glarus urkundlich belegt erstmals auf Schweizer Boden Speisekartoffeln angebaut. In den folgenden Jahrhunderten galt die Kartoffel als Arme-Leute-Essen. Sie lieferte der Unterschicht überlebenswichtige Kohlenhydrate. Dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm die Verklärung.Angehörige der Schweizer Armee schälen im Herbst 1940 Kartoffeln.Photopress-Archiv/KeystoneIm Zuge des sogenannten Plans Wahlen versuchte die Schweiz den Grad ihrer Versorgung mit Lebensmitteln zu erhöhen – mit mässigem Erfolg. Entscheidend war aber ohnehin ein anderer Effekt: Kartoffelsäen und Kartoffelgraben wurden zur patriotischen Pflicht und für die Bevölkerung zum Sinnbild des Schweizer Wehrwillens. Selbst vor dem Bundeshaus West und auf der Sechseläutenwiese gediehen Kartoffeln.130 000 Tonnen Kartoffeln wenigerIn diesem Sommer bot sich vielerorts im Land ein anderes Bild. Kartoffelbauern sprachen schon im Juni von abgestorbenen Feldern und erklärten, mancherorts werde nichts mehr wachsen, selbst wenn endlich Regen falle.Laut Berechnungen der Branchenorganisation fehlen in der Schweiz deshalb nun 130 000 Tonnen Kartoffeln. In den vergangenen Jahren erzielten die Schweizer Kartoffelbauern jeweils einen Selbstversorgungsgrad von rund 85 Prozent. In diesem Jahr liegt er zwischen 70 und 75 Prozent. Die Qualität der Ernte stimme allerdings, erklärten die Branchenvertreter.Der fehlende Ertrag wird nun importiert, was sich auf die Preise auswirken dürfte. Zudem werden Kartoffelchips des Jahrgangs 2026 wohl kleiner sein als gewohnt. «Eine Kartoffelkrise», sagte der Geschäftsführer Bucher schliesslich, «wird es aber nicht geben.»Mittel- und langfristig sind laut der Branche jedoch weitere Massnahmen notwendig. Kulturen, die bewässert wurden, brachten in diesem Hitzesommer doppelt so hohe Erträge hervor. Entsprechend wird das Wasser für die Kartoffelproduktion immer wichtiger. Bereits seit mehreren Jahren fördert der Branchenverband zudem den Anbau von sogenannten resilienten Sorten. 2024 schloss die Branche eine entsprechende Zielvereinbarung mit dem Bund ab. Der Anteil der resilienten Sorten an der Produktion soll von heute 20 auf 80 Prozent im Jahr 2040 gesteigert werden.Laut Bucher gibt es hier jedoch ein Problem: Die traditionelle Züchtung von robusten Sorten dauere bis zu fünfzehn Jahre. Zeit, die man offenbar nicht hat.Unter stabilen klimatischen Bedingungen ist die grösste Gefahr für die Kartoffelproduktion die sogenannte Kraut- und Knollenfäule. Die Forschung an robusten Sorten konzentrierte sich lange vor allem auf diesen Pilz. Durch den Klimawandel kommt nun eine weitere Gefahr hinzu: die Trockenheit.Auf Hitze und fehlendes Wasser reagiert die Kartoffel sehr empfindlich. Oder wie Bucher es sagte: «Sie ist ein bisschen eine Diva.» Die Branche hofft deshalb auf Erfolge der Forschung und neue Zuchtmethoden in diesem Bereich. Am Donnerstag referierte dazu Etienne Bucher, Forscher bei Agroscope, der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt des Bundes.Im vergangenen Jahr hat Agroscope vom Bundesamt für Umwelt den Auftrag erhalten, eine krankheitsresistente Sorte zu züchten. Konkret entfernen die Forscher einzelne Bestandteile des Erbmaterials, das Anfälligkeiten aufweist, und ersetzen es mit resistenten Bestandteilen derselben Art. Daraus entsteht eine sogenannte cisgene Pflanze, die anders als transgene Kartoffeln kein artfremdes Erbmaterial enthält.Cisgene Pflanzen – so die Hoffnung der Branche und offenbar auch der Forscher des Bundes – sind nicht nur widerstandsfähiger, sondern kommen auch mit weniger oder gar keinen Pflanzenschutzmitteln aus.Der kommerzielle Anbau von gentechnisch veränderten Lebensmitteln – ob cis- oder transgen, spielt dafür bis anhin keine Rolle – ist in der Schweiz per Moratorium bis 2030 verboten. Forschungsprojekte wie jenes von Agroscope sind davon jedoch ausdrücklich ausgenommen. Doch innerhalb der Landwirtschaft sind sie trotzdem umstritten. Die Kleinbauern und auch Labels wie Bio Suisse haben sich klar dagegen positioniert.In der EU werden Anbau und Verkauf von cisgenen Pflanzen, im Gegensatz zu transgenen, in den nächsten Jahren schrittweise legalisiert. Der Branchenverband der Schweizer Kartoffel fordert deshalb eine politische Reaktion. Der Geschäftsführer Bucher sagt: «Wollen wir auch in Zukunft eine hohe Versorgungszuverlässigkeit mit Schweizer Kartoffeln garantieren, müssen wir in Sachen neue Züchtungstechnologien mit der EU Schritt halten können.»Ausgehend von der Zürcher Wasserkirche könnte das Ende des Hitzesommers also auch der Beginn der nächsten Gentechnikdiskussion sein.Passend zum Artikel
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