NBA-Strafen: Eine Schmach für den Microsoft-Milliardär Steve Ballmer, ein Triumph für den Journalismus – und Erinnerungen an den HC LuganoDie NBA verhängt drakonische Strafen gegen die Los Angeles Clippers, die versucht hatten, das System auszudribbeln. Der Mecano erinnert an jenen des HC Lugano rund um die Jahrtausendwende.04.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFolgenschwere Regelbrüche: Der Starspieler Kawhi Leonard (links) und der Multimilliardär Steve Ballmer.Ringo Chiu / Imago«Das ist ein historischer Moment für unsere Organisation und unsere Fans», sagte Lawrence Frank im Juli 2019 siegestrunken. Gerade war es den Los Angeles Clippers gelungen, den Superstar Kawhi Leonard zu verpflichten. Und Frank, so etwas wie der sportlich Verantwortliche dieses Teams, wollte die Gelegenheit nutzen, sich ein bisschen selbst auf die Schulter zu klopfen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Man kann ihm das nicht verübeln, schliesslich haben sich Angestellten der Clippers historisch gesehen kaum Anlässe dazu geboten: Seit die Organisation 1978 in San Diego die erste Saison unter diesem Namen bestritt, hat das Team die erste Play-off-Runde exakt einmal überstanden. Es ist eine Herausforderung, weniger erfolgreich Basketball zu spielen, als die Clippers das tun. Sie haben es nie geschafft, aus dem Schatten des populäreren und deutlich erfolgreicheren Lokalrivalen Los Angeles Lakers herauszutreten.Den einzigen Einzug in die Conference-Finals schafften die Clippers in der pandemiebedingt stark verkürzten Saison 2020/21, also in der Ära von Leonard. Aber ein «historischer Moment» für die Organisation war der Sommer vor sieben Jahren deswegen nicht.Am Mittwoch verhängte die NBA wegen Verfehlungen im Zusammenhang mit der Verpflichtung des heute 35 Jahre alten Leonard die härtesten Sanktionen ihrer Geschichte: Die Clippers müssen eine Busse in der Höhe von 30 Millionen Dollar bezahlen. Der Teambesitzer Steve Ballmer wird für ein Jahr gesperrt, Lawrence Frank, der «President of Basketball Operations», für ein halbes Jahr. Und den Clippers werden gleich fünf Erstrunden-Draft-Rechte entzogen. So düster die Vergangenheit der Clippers im sonnengeküssten Los Angeles auch war: Nach diesem Urteil sieht die Zukunft noch deutlich finsterer aus.Illegale Zahlungen einst auch im HC LuganoDie NBA veröffentlichte eine 35-seitige Zusammenfassung ihres Untersuchungsberichts zu einer Affäre, die der Investigativjournalist Pablo Torre ins Rollen gebracht hatte. Er schlüsselte auf, wie die Clippers die verbindliche Gehaltsobergrenze zu umgehen versuchten: Diese Geschichte ist auch ein Triumph des unabhängigen Journalismus, um den es in diesen Tagen nicht nur in den USA und im Sport generell schlecht bestellt ist.Torre fand heraus, wie die Clippers Leonard über verschiedene Geschäftspartner zusätzlich bezahlten. Es geht um Millionensummen, meist ohne oder gegen nur überschaubare Gegenleistung. Es war offenkundig der dreiste Versuch der Clippers und ihres schwerreichen Besitzers, ein System auszudribbeln, das Parität garantiert und ein Schlüssel zum enormen Erfolg dieser Liga ist.Oft genug gelingen solche Gaunereien, dafür gibt es genügend Beispiele. Auch aus der Schweiz: Der HC Lugano bezahlte knapp zwanzig ausländische Spieler und Trainer zwischen 1996 und 2006 systematisch aus «schwarzen Kassen». Insgesamt wurden 3,5 Millionen Franken an Kantons- und Bundessteuern hinterzogen. Weiter hat der Klub in jenem Zeitraum 1,5 Millionen Franken zu wenig in die AHV-Kasse einbezahlt.Der mitverantwortliche Geschäftsführer Beat Kaufmann sagte damals vor Gericht, dass Lugano ohne diese Praxis nicht mit den Teams aus der Deutschschweiz hätte mithalten können. Er wurde vor dem Strafgericht Lugano zu einer bedingten Freiheitsstrafe von vierzehn Monaten verurteilt. In die Ära von Fabio Gaggini und Kaufmann fallen drei Meistertitel der Luganesi: 1999, 2001 und auch die bislang letzte Meisterschaft von 2006.Millionenstrafe dürfte Milliardär nicht kratzenBallmer und seinen Vasallen droht kein Ärger mit der Justiz, immerhin das. Auch die 30 Millionen Strafgeld werden Ballmer, 70, wenig interessieren. Der ehemalige Microsoft-CEO gehört mit einem Vermögen von mehr als 150 Milliarden Dollar zu den zehn reichsten Menschen der Welt. Aber er hatte sich das Dasein als Teambesitzer fraglos anders vorgestellt.2014 kaufte Ballmer die Clippers für 1,5 Milliarden Dollar. Seither hat er der Organisation praktisch jeden Wunsch erfüllt. Er baute auf eigene Kosten für knapp 2 Milliarden ein neues Stadion in Inglewood, den Intuit Dome. Er hofierte und verpflichtete Stars – und zwar nicht nur Leonard. Man sieht ihn an den Partien fast immer in der ersten Reihe sitzen, bei gelungenen Spielzügen und Siegen hat er keine Scheu, seine fast kindliche Freude zur Schau zu stellen. Der Gegenwert ist bis jetzt überschaubar, die Clippers, bei denen der 23-jährige Schweizer Yanic Konan Niederhäuser unter Vertrag steht, treten an Ort.Verwunderlich ist das nicht: Der Kawhi-Deal war nicht die einzige folgenschwere Transaktion des Sommers 2019: Die Clippers tauschten damals ihren Jungstar Shai Gilgeous-Alexander zu Oklahoma City und addierten für den Zuzug von Paul George noch fünf Erstrunden-Draft-Rechte. Aus Gilgeous-Alexander wurde ein Liga-MVP, er hat 2025 mit Oklahoma den Titel gewonnen.George bewegte sich bei den Clippers zumeist im gehobenen Mittelmass, er spielt inzwischen in Boston. Schon ohne die fünf Erstrunden-Picks wäre es ein katastrophales Tauschgeschäft gewesen. So ist es der wahrscheinlich dunkelste Sommer, den je ein NBA-Team erlebt hat: Die George/Leonard-Epoche hat die Clippers zehn Erstrunden-Drafts gekostet. Und sie nicht einmal in den Dunstkreis des ersten Titelgewinns ihrer langen Klubgeschichte gebracht.Steven Ballmer beklagt eine «Hexenjagd»Ballmer nannte das Urteil eine «Hexenjagd», was seltsam vertrautes Vokabular darstellt, und kündigte an, vor Gericht ziehen zu wollen. Die Erfolgsaussichten dürften bescheiden sein – die NBA hat ihre eigenen Regeln, und die sind offenkundig verletzt worden.Leonard wurde im Sommer in einem Tauschgeschäft zu seinem ehemaligen Arbeitgeber Toronto Raptors transferiert. Seine Ära in Los Angeles war eine grobe Enttäuschung und wird das Team nun noch mindestens eine weitere Dekade lang belasten.Leonard war einst der vielleicht beste, weil kompletteste Basketballer der Welt. Aber er ist sehr verletzungsanfällig und hat einen eigenen Charakter. Leonard hat in seiner Karriere mehr als 375 Millionen Dollar verdient, er hätte die in aller Heimlichkeit übertragenen Zuwendungen wahrlich nicht benötigt. Sie sollen die Idee seines Onkels Dennis Robertson gewesen sein, der ihn jahrelang managte. Robertson ist von der NBA für fünf Jahre suspendiert worden. Leonard wurde mit 700 000 Dollar gebüsst. Er wird in Toronto in der am 20. Oktober beginnenden Saison 50,3 Millionen verdienen.Passend zum Artikel