Zürcher Strafverfolger suchten ihn, jetzt macht er für Donald Trump den grossen Öl-Deal: der Aufstieg von Alejandro BetancourtEr ist Teil der Wirtschaftselite Venezuelas und soll Geld im grossen Stil gewaschen haben. Die USA machen ihn zum Geschäftspartner. Wie hat er das geschafft?03.09.2026, 13.45 Uhr8 LeseminutenEiner, für den es sich anscheinend lohnt, sich in die Strafuntersuchungen eines anderen Landes einzumischen: Alejandro Betancourt.Imago, Wikipedia; Bearbeitung NZZAls sich Zürcher Strafverfolger am 19. März in einen Video-Call einschalten, rechnen sie mit einer Routine. Eine Aussprache mit einem Team von Anwälten eines reichen Venezolaners. Die Zürcher werfen ihm vor, ein Geldwäscher zu sein. Doch dann erscheint plötzlich das Gesicht von Todd Blanche auf den Bildschirmen – damals noch Vizejustizminister der USA.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Todd Blanche, freundlich im Ton, erklärt den Zürchern, die US-Regierung wünsche, dass der reiche Venezolaner reisen dürfe. Und dass strafrechtliche Sanktionen gegen ihn vermieden würden. Gleichzeitig sagt Blanche, er wolle sich «nicht einmischen». So berichtet es später die «Washington Post». Recherchen der NZZ stützen diese Darstellung.Dieser reiche Venezolaner heisst Alejandro Betancourt.In den vergangenen Tagen war sein Name in internationalen Medien oft zu lesen. Betancourt spielt eine Schlüsselrolle in den Plänen von Donald Trump. Der US-Präsident verkündete am vergangenen Samstag ein Öl-Abkommen mit Venezuela, dessen Dimensionen unglaublich erscheinen: Trump möchte mehr als einen Fünftel der Ölreserven des Landes unter amerikanische Kontrolle stellen.Venezuela besitzt die grössten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Der Deal soll laut dem Weissen Haus vor allem auf einer Partnerschaft zwischen den USA und dem privaten Unternehmen North American Blue Energy Partners (Nabep) basieren. Das ist das zweitgrösste private Ölunternehmen Venezuelas. Es ist im Besitz von Alejandro Betancourt.Im Interesse der Trump-RegierungDer Deal würde Betancourt zu einem zentralen Geschäftspartner der Trump-Regierung machen. Bereits jetzt ist er für die USA relevant. Betancourt, 46, dunkles, nach hinten gegeltes Haar, ist im sozialistischen Venezuela früh mit Geschäften im Energie- und Ölsektor zur einflussreichen Figur aufgestiegen.Doch in den 2010er Jahren wird Betancourt auch zu einer mutmasslich zentralen Figur in einem grossen Korruptionsskandal rund um die staatliche venezolanische Erdölgesellschaft PDVSA. 2019 werden Strafverfolger in Spanien und der Schweiz auf ihn aufmerksam.Die Zürcher Staatsanwaltschaft friert rund 500 Millionen Dollar auf seinen Schweizer Bankkonten ein und sucht ihn per internationalem Haftbefehl. Im September 2025 verhaftet ihn in London die Polizei. Er kommt gegen Auflagen frei, muss aber seine Reisedokumente abgeben. Die Zürcher stellen ein Auslieferungsbegehren. Es sieht schlecht aus für Alejandro Betancourt.Doch dann, in der Nacht auf den 3. Januar 2026, wendet sich Betancourts Schicksal. Tausende Kilometer von London entfernt dringt eine US-Spezialeinheit in das Anwesen von Nicolás Maduro ein, nimmt den damaligen Präsidenten Venezuelas gefangen und entführt ihn in einem grauen Trainingsanzug nach New York. Offiziell geht es darum, Maduro wegen Drogenhandels vor Gericht zu stellen. Bald aber zeigt sich Washingtons wahres Interesse: Venezuelas Öl.So wird Alejandro Betancourt zu einem interessanten Mann für die Trump-Regierung. Einer, der das Ölgeschäft seines Heimatlandes kennt und die richtigen Kontakte hat. Einer, für den es sich lohnt, sich in die Strafuntersuchungen eines anderen Landes einzumischen.Wie aber konnte ein potenzieller Geldwäscher so mächtig werden, dass die US-Regierung ihn zum Geschäftspartner macht? Rekonstruktion eines bemerkenswerten Aufstiegs.Aufstieg eines «bolichico»Alejandro Betancourt stammt aus einer wohlhabenden venezolanischen Familie. Einer seiner Vorfahren gilt als Erfinder des Lepra-Impfstoffes, ein anderer war interimistischer Präsident Venezuelas. Betancourt selbst studierte Wirtschaftswissenschaften, zuerst in Caracas, dann in den USA.Er ist das, was man in Venezuela einen «bolichico» nennt. Der Begriff beschreibt Angehörige eines Netzwerkes, die Anfang der 2000er Jahre durch ihre guten Beziehungen innerhalb des sozialistischen Regimes unter Hugo Chávez und Nicolás Maduro in Venezuela zu grossem Reichtum kamen. So begann seine Karriere als Geschäftsmann im Energiesektor.Es war eine Zeit, in der es im ganzen Land an Strom fehlte. Eine Dürre legte die Wasserkraftwerke des Landes lahm. Betancourt nutzt das. Er hatte einige Jahre zuvor gemeinsam mit Partnern sein erstes Unternehmen gegründet: Derwick Associates.Betancourt verfügte über wenig Erfahrung im Energiesektor. Trotzdem erteilte ihm die Regierung von 2009 bis 2011 Aufträge im Wert von mehreren Milliarden Dollar. Seine Firma baute zwar Kraftwerke. Einige davon aber sollen bis heute nicht richtig funktionieren. Mehr noch: Für die Bauteile soll er der Regierung viel zu hohe Preise verrechnet haben.Zu diesem Schluss kommt später der Bericht einer venezolanischen Parlamentskommission. Derwick Associates wies jegliches Fehlverhalten zurück. Die Anschuldigungen führten nicht zu einer Anklage.Betancourt selbst stellt sich gegenüber Medien als Mann dar, der seinem Heimatland zum Erfolg habe verhelfen wollen. Als Patriot. Auch einige Unternehmer in seiner Heimat sehen in ihm einen, der sich für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes einsetzt.Doch für viele Venezolaner symbolisiert er das Gegenteil: Er habe das Land verraten, um sich selbst zu bereichern, sagen sie. Ein Aktivist sagte kürzlich der «Financial Times», er sei «ein Dreckskerl, wie er nur einmal pro Generation vorkomme».Auf das Stromgeschäft folgte für Betancourt der Einstieg ins Ölgeschäft. 2011 sicherte er sich Anteile an der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA. Und baute sich Stück für Stück ein Imperium auf, das bis in die USA reichte.Im Jahr 2012 schrieb ein venezolanischer Geschäftsmann in einer E-Mail über Alejandro Betancourt, er sei erst 34 Jahre alt, aber habe schon Verträge im Wert von 3 Milliarden Dollar mit der venezolanischen Regierung abgeschlossen. Empfänger der E-Mail war der amerikanische Unternehmer und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Der Geschäftsmann aus Venezuela meinte, Epstein müsse Betancourt unbedingt einmal treffen. Er sei ein «sehr, sehr interessanter Junge».Aus dem «interessanten Jungen», dem «bolichico», ist in den vergangenen Jahren ein international tätiger Geschäftsmann geworden. In Venezuela verbrachte er immer weniger Zeit. Dafür finanzierte er Startups, reiste um die Welt, kaufte eine Villa nach der anderen. In einem Gespräch mit der Plattform «Cyprus Mail» sagte er erst diesen Frühling, er habe immer davon geträumt, jemand Wichtigeres zu sein.In Betancourts Portfolio befinden oder befanden sich die unterschiedlichsten Firmen: Das Spektrum reicht von Energieunternehmen in Venezuela über eine Finanzgruppe mit der Banque de Dakar in Senegal bis hin zu einem Sonnenbrillen-Startup namens Hawkers in Spanien.Betancourts Erdölfirma North American Blue Energy Partners mit Hauptsitz in Barbados ist in der Erkundung und Entwicklung von Ölfeldern tätig. Laut der «Washington Post» hat Nabep die Fördermenge in den vergangenen zwei Jahren von 18 000 Fass auf jüngst 200 000 Fass pro Tag gesteigert.Die Spur in die SchweizBetancourts Geschäfte führten ihn auch in die Schweiz. Ende 2013 stieg er als Minderheitsaktionär bei der Tessiner Bank Credinvest ein. Im November 2018 eröffnete die Finanzaufsicht Finma ein sogenanntes Enforcement-Verfahren gegen das Institut – um Hinweisen auf Verstösse gegen die Geldwäschereibestimmungen nachzugehen.Zwei Jahre später schloss die Finma das Verfahren mit der Feststellung ab, dass die Banca Credinvest im Umgang mit venezolanischen Kundenbeziehungen «schwer gegen die Geldwäschereibestimmungen verstossen» habe. Besonders im Zeitraum 2013 bis 2017 habe die Bank Sorgfaltspflichten verletzt. Zum Beispiel, indem sie ihre Kunden und deren Hintermänner ungenügend identifiziert und Transaktionen unzureichend überwacht habe.Die Finma ordnete die Überprüfung aller Private-Banking-Kunden an, um mögliche Geldwäschereirisiken zu identifizieren und zu begrenzen. Zudem musste sie den selbst beschlossenen Ausstieg aus allen Kundenbeziehungen mit Venezuela-Bezug rasch vollziehen. Und sie durfte drei Jahre keine neuen Kunden mit erhöhtem Risiko annehmen.Auf Anfrage teilte Credinvest mit, Betancourt sei seit dem Jahr 2022 kein Anteilseigner mehr bei der Bank. Auch sonst gebe es in der Eigentümerschaft keine venezolanischen Staatsbürger mehr.Geldwäscherei im grossen StilDie Ermittlungen gegen Alejandro Betancourt laufen derweil weiter. Seit 2019 führt die Zürcher Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen des Verdachts auf Geldwäscherei. Auch in Spanien läuft eine Strafuntersuchung gegen ihn, da verdächtige Gelder über Firmenkonstrukte und Bankkonten in beiden Ländern geflossen sein sollen. Betancourt selbst bestreitet bis heute alle Vorwürfe.Im Kern geht es bei der Strafuntersuchung in der Schweiz um die Plünderung der staatlichen venezolanischen Erdölgesellschaft PDVSA. Der Betrug funktionierte laut Gerichtsentscheiden aus der Schweiz und Unterlagen der amerikanischen Justizbehörden so: Firmen gaben dem staatlichen Ölkonzern Kredite in Bolívares, der Landeswährung. Die war damals wenig wert. Zurückgezahlt wurden die Kredite aber eins zu eins in Dollar, der aber etwa viermal so viel wert war. Wer also billige Bolívares verlieh, bekam teure Dollars zurück – und hat seinen Einsatz vervierfacht.Das Ganze funktionierte nur, weil zuvor Bestechungsgelder an venezolanische Funktionäre geflossen waren. Kriminelle Netzwerke transferierten dann die abgezweigten Gelder über ein kompliziertes und schwer nachvollziehbares System, unter anderem auf Konten von Schweizer Banken.Hunderte Millionen Dollar sollen so geflossen sein. Und Betancourt war nicht der Einzige, der davon profitiert haben soll. Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt gegen insgesamt acht Personen. Unter den Verdächtigen befindet sich auch ein Schweizer Treuhänder, dessen Räumlichkeiten die Polizei im Juli 2022 durchsucht hat.Insgesamt haben Ermittler im Zuge der Strafuntersuchung in der Schweiz rund 800 Millionen Dollar beschlagnahmt. Noch laufen alle Strafverfahren, es gilt die Unschuldsvermutung.Doch diesen Frühling haben die Interventionen der USA die Untersuchungen gestört. Dem Video-Call mit Todd Blanche im März ging eine andere Episode voraus. Anfang Februar hatte sich schon Todd Blanches Chefin Pam Bondi beim Schweizer Bundesanwalt Stefan Blättler gemeldet. Auch der damaligen US-Justizministerin ging es um Alejandro Betancourt. Auch Pam Bondi wollte, dass er reisen kann.Die Bundesanwaltschaft bestätigt auf Anfrage die Kontaktaufnahme durch Pam Bondi. In einem kurzen Gespräch habe Blättler auf die Zuständigkeit der Zürcher Staatsanwaltschaft verwiesen. Zu weiteren Kontakten mit Vertretern der US-Behörden sei es in diesem Fall nicht mehr gekommen.Das Auslieferungsersuchen an die Briten hat die Zürcher Staatsanwaltschaft im Mai jedoch zurückgezogen. Grund dafür seien Besonderheiten des britischen Auslieferungsrechts, heisst es auf Anfrage.Damit hat die US-Regierung erreicht, was sie wollte: dass Alejandro Betancourt wieder reisen kann. Und das, obwohl die Zürcher den internationalen Haftbefehl auf die USA ausgeweitet haben.Rückkehr des GeschäftsmannsEs ist Sommer 2026, und Alejandro Betancourt ist nach Venezuela zurückgekehrt. Am 27. Juni landete er laut Medienberichten mit einem Privatflugzeug in Caracas – nur wenige Tage nachdem das Land von einem heftigen Erdbeben erschüttert worden war, das Tausende Opfer forderte. Die Reise hätte unbemerkt bleiben sollen, hierfür seien gar Flugdaten manipuliert worden. Doch dafür ist Betancourt in Venezuela zu bekannt.Heute scheint klar, warum Betancourt nach Venezuela zurückgekehrt ist: nämlich um mit Interimspräsidentin Delcy Rodríguez über das Öl-Abkommen mit den USA zu verhandeln. So schreiben es mehrere spanische und amerikanische Medien. Offenbar gilt er bei der Regierung in Caracas noch immer als vertrauenswürdig.Betancourt hat den Ruf, seine Geschäfte zu kennen und auf jedes Detail zu achten. Auch den Amerikanern war Betancourt positiv aufgefallen. Weil er es jahrelang geschafft hatte, im wirtschaftlich angeschlagenen Venezuela Geld zu verdienen. Und weil er Nabep aus dem Nichts zu einem der wichtigsten Unternehmen des Landes gemacht hatte.Ein ehemaliger Trump-Berater sagte im Juli der Nachrichtenagentur Reuters, er habe Betancourt als Vermittler empfohlen – da Betancourt die Interessen beider Länder kenne.Das geplante Abkommen mit Venezuela bezeichnete Donald Trump am Samstag als «grösstes Ölgeschäft der Weltgeschichte». Die USA würden so ihre Reserven verdoppeln. Noch ist der Deal nicht publiziert, noch ist vieles unklar. Setzt Donald Trump seinen Plan aber um, würde ausgerechnet Betancourt im Auftrag der USA Ölgeschäfte in Venezuela in Milliardenhöhe verantworten. Und mutmasslich selbst daran verdienen.Auf seinen Schweizer Bankkonten sind noch immer 500 Millionen Dollar eingefroren. Doch das scheint momentan keine Rolle mehr zu spielen. Das wichtigste Ziel scheint die Trump-Regierung erreicht zu haben: dass Alejandro Betancourt wieder reisen kann. Da kann offenbar auch ein internationaler Haftbefehl gegen ihn nichts ausrichten.Passend zum Artikel
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