Rivalität zwischen Geheimdiensten: warum in Kiew Agenten auf Agenten schiessenEine Schiesserei zwischen Angehörigen des Inlandgeheimdienstes und des militärischen Nachrichtendienstes sorgt in der Ukraine für Empörung. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die Spannungen in den Sicherheitsstrukturen.03.09.2026, 17.00 Uhr4 LeseminutenDie unterschiedlichen Geheimdienste in der Ukraine stehen in einem Konkurrenzverhältnis zueinander, im Bild Angehörige des Inlandnachrichtendienstes SBU.Nurphoto / GettyDie ukrainischen Nachrichtendienste spielen im Verteidigungskampf gegen Russland eine wichtige Rolle. Besonders der Inlandgeheimdienst SBU und der militärische Nachrichtendienst HUR machen immer wieder mit spektakulären Aktionen von sich reden. Die Operation Spinnennetz etwa, ein von langer Hand geplanter Schlag gegen Russlands strategische Bomberflotte, erzeugte weltweit Schlagzeilen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieser Tage sorgen die beiden Organisationen jedoch aus weniger rühmlichen Gründen für Aufsehen. Es geht um eine Schiesserei mitten in Kiew, russische Anschlagspläne, ukrainische Geheimgefängnisse und – vermutlich in erster Linie – um die Rivalität zwischen den beiden Diensten.Selenski spricht von «beschämendem Vorfall»Am Mittwochmorgen haben sich Einheiten von SBU und HUR in einem Kiewer Wohnbezirk einen Schusswechsel geliefert. Ein Video zeigt, wie zwei Gruppen vermummter Männer in Militärkleidung zuerst aufgebracht miteinander diskutieren. Dann wird plötzlich das Feuer eröffnet. Drei Angehörige des HUR werden verletzt, einer von ihnen schwer. Die Schützen sind Mitarbeiter des SBU.Die Schiesserei fand vor der Wohnung von Stepan Kaplunow statt, einem Kommandanten des Russischen Freiwilligenkorps, der einige Tage zuvor spurlos verschwunden war. Später hiess es, er sei entführt worden. Das Russische Freiwilligenkorps ist eine aus russischen Staatsbürgern bestehende Einheit, die aufseiten der Ukraine gegen Putins Russland kämpft. Hierarchisch untersteht die Einheit dem Militärgeheimdienst HUR.Präsident Wolodimir Selenski bezeichnete in seiner abendlichen Videoansprache den ganzen Vorfall als beschämend. Schüsse seien in der Ukraine nur in einem Fall zulässig: zur Verteidigung gegen die russischen Angreifer. Er forderte die Leitung der beiden Dienste auf, die Sache lückenlos aufzuklären. Zudem entliess er noch am Abend einen führenden Offizier des SBU, den Leiter der Abteilung zum Schutz von Staatsgeheimnissen, Oleh Chmarow. Weitere personelle Konsequenzen könnten folgen.Gegenseitige BeschuldigungenZu den Hintergründen des verworrenen Vorfalls kursieren zwei Versionen. Beide setzen das Verhältnis der beiden Dienste in ein verheerendes Licht und werfen auch sonst einige Fragen auf. Laut dem Inlandgeheimdienst SBU erfolgte die Schiesserei, als seine Ermittler versucht hätten, Beweise zu einem geplanten Anschlag sicherzustellen.Stepan Kaplunow vom Russischen Freiwilligenkorps sei vom FSB angeheuert worden, um am ukrainischen Unabhängigkeitstag am 24. August einen russischen Oppositionellen zu ermorden, schreibt der SBU in einer Stellungnahme weiter. Dies belegten unter anderem Chatnachrichten. Es sei jedoch gelungen, Kaplunow zu ergreifen und so den Anschlag zu verhindern. Als die Ermittler am Mittwoch in Kaplunows Wohnung weitere Beweise sichern wollten, hätten sich ihnen Angehörige des Militärgeheimdienstes HUR entgegengestellt. Dabei seien die Schüsse gefallen.Ebenfalls am Donnerstag meldete sich aber auch Kaplunow zu Wort, nahm den HUR in Schutz und erhob Vorwürfe gegen den SBU. Der Kommandant des Freiwilligenkorps sagt, er sei am 23. August vom SBU entführt und neun Tage lang an geheimen Orten festgehalten worden. Dabei habe man ihm unter Morddrohungen ein falsches Geständnis abgepresst, dass er mit dem FSB zusammenarbeite. Dies sollte den Militärgeheimdienst HUR, dem das Freiwilligenkorps untersteht, diskreditieren.In der Nacht vor der Schiesserei sei er in seine Wohnung zurückgebracht worden, um bei deren Durchsuchung anwesend zu sein, sagt Kaplunow. Nach den Schüssen vor dem Haus sei eine Einheit des HUR in die Wohnung gestürmt und habe ihn befreit. Kaplunows Führungsoffizier beim HUR hat diese Aussagen bestätigt.Konkurrenzverhältnis zwischen den DienstenDie Rivalität zwischen den beiden Diensten ist nicht neu. Der Krieg hat die traditionelle Trennung zwischen Militärischem (HUR) einerseits sowie Inland und Spionageabwehr (SBU) andererseits ein Stück weit hinfällig gemacht. Kompetenzen und Zuständigkeitsbereiche überschneiden sich. Das führt zu einem Konkurrenzverhältnis.Besonders deutlich wird das bei den spektakulären Auslandoperationen, die beide Dienste durchführen und bei denen sie mitunter den Anschein machen, sich gegenseitig übertrumpfen zu wollen. Dabei geht es um Prestige, Ressourcen und Macht. Die langjährigen Chefs von SBU, Wasil Maljuk, und HUR, Kirilo Budanow, genossen dank den Aktionen ihrer Organisationen beide grosse Popularität in der Bevölkerung. Budanow wird sogar als möglicher künftiger Präsidentschaftskandidat gehandelt.In diesem Machtkampf scheinen Budanow und damit auch der Militärgeheimdienst HUR jüngst die Oberhand gewonnen zu haben. In der Personalrochade zum Jahresbeginn drängte Präsident Selenski Maljuk zum Rücktritt. Budanow machte er zum neuen Chef des Präsidialamts und damit zu seinem wichtigsten Berater. Doch auch der SBU ist in der Regierung prominent vertreten. Der neue Verteidigungsminister Jewheni Chmara leitete zuvor den Inlandgeheimdienst.Mysteriöser Anschlag in MonacoOffene Konfrontationen zwischen den Diensten sind bei aller Rivalität selten. Bekannt ist vor allem der Fall des HUR-Mitarbeiters Denis Kirejew, der in den ersten Kriegswochen als angeblicher Doppelagent getötet wurde. Der HUR stritt alle Vorwürfe gegen seinen Mitarbeiter ab und machte den SBU für dessen Tötung verantwortlich.Skandale gab es aber auch danach. Die Rolle der Dienste beim Anschlag auf den Geschäftsmann Wadim Jermolajew im monegassischen Exil etwa ist noch immer ungeklärt. Die vermutliche Attentäterin wurde wenige Tage nach dem Attentat erschossen gefunden. Als Tatverdächtige gelten ein HUR-Mitarbeiter und ein ehemaliger Angehöriger des SBU, allem Anschein nach die Auftraggeber der Frau. Die Männer beschuldigen sich gegenseitig des Mordes. Gleichzeitig behaupten sie, dass die Geheimdienste mit der ganzen Sache nichts zu tun hätten.Passend zum Artikel