Norwegen setzt ein russisches Passagierschiff in Spitzbergen fest – Putin spricht von «Staatsterrorismus»Für Russlands Präsenz in der Arktis ist die «Professor Moltschanow» wichtig. Dass das Schiff nun auf Antrag eines ukrainischen Staatsunternehmens beschlagnahmt wurde, passt dem Kreml gar nicht. Der Fall erhöht die Spannungen in der Arktis.03.09.2026, 16.00 Uhr3 LeseminutenDie Professor «Moltschanow» wird vorerst vor Barentsburg bleiben.Alexander Ermolin / HandoutDie norwegischen Polizisten gingen genau in dem Moment an Bord, als die «Professor Moltschanow» ablegen wollte. Die Behörden haben das russische Passagierschiff am Mittwoch im Hafen von Barentsburg auf Spitzbergen festgesetzt. Es hatte Fracht und Passagiere von Murmansk nach Spitzbergen transportiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Europa wurden in diesem Jahr mehrere Schiffe mit Verbindungen zu Russland beschlagnahmt. Anders als in früheren Fällen geht es diesmal jedoch nicht um einen Verdacht auf einen Sabotageakt oder Sanktionen gegen die russische Schattenflotte.Die Festsetzung vor Barentsburg erfolgte auf Antrag des ukrainischen Staatsunternehmens Naftogaz. Der Kreml spricht von «unverhohlener Piraterie» und «Staatsterrorismus». Was ist geschehen?Russland schuldet der Ukraine GeldDie Russische Föderation schuldet Naftogaz Geld. Nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim im Jahr 2014 bediente sich der russische Staat an den Vermögenswerten des ukrainischen Energiekonzerns. Die Russen stahlen unter anderem Bohrinseln, Pipelines, Förder- und Speicheranlagen. Für das unrechtmässig entzogene Eigentum verurteilte ein Schiedsgericht in Den Haag Russland zu einer Entschädigung von 5 Milliarden Dollar.Weil der Kreml nicht zahlen will, stellte Naftogaz den Antrag, das Schiff zu beschlagnahmen. «Wir werden weltweit russische Vermögenswerte verfolgen, bis die Naftogaz zugesprochenen Entschädigungen gezahlt worden sind», schreibt der CEO von Naftogaz, Serhi Fedorenko, auf der Website des Unternehmens. Der Schiedsspruch war in Norwegen als vollstreckbar anerkannt worden. Deshalb ordnete ein norwegisches Bezirksgericht am 31. August die Festsetzung an. Oslo betont, dass Norwegen nicht Partei des Verfahrens sei, sondern lediglich den Entscheid vollstreckt habe.Der norwegische Rechtsprofessor Ivar Alvik sagt zur Tageszeitung «Aftenposten»: «Dies ist ein reguläres Gerichtsverfahren, es handelt sich also nicht um Piraterie.» Schiedssprüche könnten in der Praxis weltweit vollstreckt werden. «Es ist erwiesen, dass der russische Staat der Eigentümer des Schiffes ist. Somit wird es zu einem Vermögenswert Russlands und kann beschlagnahmt werden.» Als Fracht- und Expeditionsschiff unterliege die «Professor Moltschanow» auch nicht der Staatsimmunität. Diese verhindert die Beschlagnahme von Botschaften oder Kriegsschiffen.Spitzbergenvertrag sichert Russland dauerhafte PräsenzDie «Professor Moltschanow» war für das russische Staatsunternehmen Arktikugol unterwegs. Dieses verwaltet die Infrastruktur der russischen Bergbausiedlung Barentsburg und ist unter anderem für die Wohnungen, die Kantinen und die Energieversorgung zuständig. Der Abbau von Steinkohle ist zwar schon lange nicht mehr rentabel, wird aber vom Kreml weiterhin subventioniert.Spitzbergen steht seit 1925 unter norwegischer Verwaltung, gilt jedoch als «internationales Territorium». Die Unterzeichnerstaaten des Spitzbergenvertrages haben das Recht, sich auf der Inselgruppe wirtschaftlich zu betätigen. Solange Arktikugol also auf Spitzbergen Kohle fördert oder wie in den letzten Jahren Tourismus betreibt, sichert sich Russland die dauerhafte Präsenz auf Nato-Territorium.Bevor die «Professor Moltschanow» im letzten Jahr den Betrieb zwischen Murmansk und Barentsburg aufnahm, mussten russische Staatsbürger, die nach Spitzbergen reisen wollten, über Oslo oder Tromsö fliegen. Dafür benötigten sie ein Schengen-Visum, auch wenn Spitzbergen ausserhalb des Schengenraumes liegt. Als Norwegen die Ausstellung von Touristenvisa an russische Staatsbürger stoppte, konnten nur noch Personen mit Verbindungen zu Arktikugol ein Visum für die Durchreise über Norwegen erhalten.Die geopolitische Bedeutung von Spitzbergen nimmt zuDie geopolitische Bedeutung von Spitzbergen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wollten die Grossmächte USA, China und Russland einst die Sicherheit der Arktis durch Kooperation sichern, ist diese zunehmend einem politischen und wirtschaftlichen Kampf gewichen. Die russische Nordflotte mit ihren atomaren U-Booten ist auf der Halbinsel Kola unweit von Spitzbergen stationiert. Auch deshalb hat der Kreml ein grosses Interesse daran, die Passage zwischen dem Arktischen Ozean und dem Nordatlantik zu kontrollieren. Spitzbergen liegt mittendrin.Der Flughafen, der Tiefseehafen und die Radarstation machen die Inselgruppe in der riesigen, sonst unerschlossenen Region zusätzlich interessant. Gemäss dem Spitzbergenvertrag sind ständige militärische Installationen auf der Inselgruppe unzulässig. Vertreter der russischen Staatsduma haben aber immer wieder genau solche zur Diskussion gestellt. Auch wenn das nicht die offizielle Position des Kremls ist, dürfte allen Beteiligten klar sein, dass der Kampf um die Arktis weiter zunehmen wird.Die Festsetzung der «Professor Moltschanow» hat zumindest nicht zur Entspannung der Beziehung zwischen Moskau und Oslo beigetragen. Am Donnerstag forderte der Kreml die Aufhebung der Zwangsmassnahmen und kündigte an, Berufung gegen den Entscheid des norwegischen Bezirksgerichts einzulegen.Passend zum Artikel