Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat angekündigt, dass die Niederlassungen des Goethe-Instituts in Russland schließen müssen. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.Was hat Sergej Lawrow genau gesagt?„Natürlich, sie müssen schließen, nachdem sie unser Kulturzentrum dort hinausgeworfen haben“, sagte Lawrow auf dem „Östlichen Wirtschaftsforum“, das gerade in Wladiwostok stattfindet. Er meinte damit das Goethe-Institut sowie das Russische Haus in Berlin, das die Bundesregierung als Reaktion auf den Drohnenanschlag auf den Leipziger Flughafen vor knapp einem Monat schließen will, freilich erst im kommenden Jahr. „Das heißt, dass sie bewusst zu diesem Schritt greifen, der, das konnten sie nicht nicht verstehen, eindeutig die Beendigung ihrer kulturellen Präsenz in der Russischen Föderation bedeutet, die blieb, ungeachtet aller ukrainischer Peripetien in unseren Beziehungen zum Westen.“Ist die angekündigte Schließung eine Überraschung?Nein. Im sogenannten hybriden Krieg gegen den Westen weist der Kreml schon seit vielen Jahren Vorwürfe wie nun die aus Berlin stets als unbegründet, „antirussisch“ oder „russophob“ zurück. Obwohl Moskau nach deutscher Überzeugung das Russische Haus auch zur Spionage missbraucht hat, sind dessen Arbeit und die des Goethe-Instituts in Russland ein Geschäft, das auf Gegenseitigkeit beruht. Rechtsgrundlage sind zwei völkerrechtliche Verträge zwischen Deutschland und Russland, das „Abkommen über die Tätigkeit von Kultur- und Informationszentren“ von 2011 sowie das „Abkommen über die Bedingungen der Unterbringung des Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur in Berlin und des Goethe-Instituts in Moskau“ von 2013. Viele bezweifeln, dass diese Gegenseitigkeit angesichts der immer robusteren russischen Außenpolitik noch gegeben war, insbesondere nach dem Überfall auf die Ukraine von 2022.Wie hat das Goethe-Institut in Russland zuletzt gearbeitet?Das Institut war seit 1992 in Russland tätig. Vor Kurzem teilte es der F.A.Z. mit, bis 2023 habe man in dem Land rund 200 Personen beschäftigt. Heute könne man „aufgrund der vom russischen Außenministerium eingeführten Obergrenze für den Personalbestand“ nur noch 15 Mitarbeiter beschäftigen, davon zwei Entsandte aus Deutschland. Allein das beschränkt die Möglichkeiten.Allerdings hat das Portal „Correctiv“ gerade in einer Recherche zum Russischen Haus hervorgehoben, dass die Arbeit des Goethe-Instituts in Russland durch die Bindung an die Gesetzgebung in Russland als „Empfangsstaat“ schon zuvor eine „autoritäre Knebelung“ erfahren habe, zum Beispiel im Bereich des zusehends kriminalisierten Umgangs mit sexuellen Minderheiten in Russland. Zudem erinnert die Recherche daran, dass von russischer Seite nicht einmal der im Abkommen von 2013 zugesagte Bau eines Gebäudekomplexes an der Moskauer Baumanskaja-Straße umgesetzt worden sei. Stattdessen residierte das Goethe-Institut in der russischen Hauptstadt erst jahrelang in der ehemaligen Botschaft der DDR, zog dann Ende 2022 in Räumlichkeiten im neu gestalteten „Kultur- und Geschäftskomplex Bolschewik“ auf dem Gelände einer gleichnamigen früheren Konditoreifabrik.Aus welchem Anlass verhängte Moskau 2023 die Obergrenze?Das war eine Vergeltungsmaßnahme, die über eine deutsche Maßnahme hinausschoss: Unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hatte das damals von Annalena Baerbock (Grüne) geführte Auswärtige Amt im April 2023 im Bruch mit der jahrelangen deutschen Praxis, das Treiben russischer Geheimdienste im Land weitgehend zu billigen, 40 Scheindiplomaten zu unerwünschten Personen erklärt, die Deutschland umgehend verlassen mussten. Sie arbeiteten Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden zufolge in Wirklichkeit für die russischen Geheimdienste FSB, GRU und SWR. Weitere 34 mutmaßliche Spione wurden diskret aufgefordert, Deutschland zu verlassen.Moskau empörte sich öffentlich über das Berliner Vorgehen und kündigte im Mai 2023 an, schon mit Wirkung von Juni 2023 an müssten alle offiziellen deutschen Institutionen in Russland ihr Personal auf insgesamt 350 Personen verringern. Bis dahin waren an der Botschaft in Moskau, den damals vier Generalkonsulaten, den beiden deutschen Auslandsschulen in Moskau und Sankt Petersburg sowie den Einrichtungen des Goethe-Instituts insgesamt rund 700 Personen tätig. Das Auswärtige Amt bezeichnete die russische Vorgabe seinerzeit als „Schritt der Eskalation“.Welche Folgen hatte der personelle Aderlass für das Goethe-Institut in Russland?Es musste den erst 2009 in Nowosibirsk gegründeten Standort schließen, arbeitet nach eigenen Angaben aber als sogenanntes Kontaktbüro weiter, eine Mitarbeiterin sei als Ansprechpartnerin vor Ort. Die Vertretungen in Moskau und Sankt Petersburg arbeiteten daraufhin laut Institut „in reduzierter Form weiter“. Demnach bleiben an beiden Standorten Bibliotheken geöffnet. Digitale Angebote wie Sprachkurse würden weiterhin angeboten.Gibt es in Russland trotz der Propaganda noch ein Interesse an Deutschland und seiner Sprache?Ja. Das Interesse an der deutschen Sprache sei weiterhin „sehr hoch“ in Russland, teilt das Goethe-Institut mit. Daher bestehe die Hauptarbeit in Russland darin, die „bestehenden Sprachnetzwerke zu betreuen“, insbesondere Deutschlehrkräfte fortzubilden. 14.000 Personen nutzten solche Angebote. Im zu Ende gehenden Sommer habe man die Reise von zwei Stipendiatengruppen nach Deutschland ermöglicht. Lehrkräfte sagten über die Arbeit des Goethe-Instituts in Russland, dass sie dadurch in ihrer Tätigkeit unter erschwerten Bedingungen für das Fremdsprachenlernen an Schulen stark unterstützt werden, wie es in der Mitteilung heißt. „Bei manchen geben die Angebote der Goethe-Institute den Ausschlag, überhaupt weiter Deutsch zu unterrichten.“Im Netzwerk von Prüfungskooperationspartnern fänden jährlich 22.000 Deutschprüfungen statt, davon knapp 10.000 in Moskau und 3000 in Sankt Petersburg, so das Goethe-Institut. Das Auswärtige Amt hob kürzlich gegenüber der F.A.Z. hervor, das Goethe-Institut in Russland ermögliche „in eingeschränktem Umfang auch in Zeiten des russischen Angriffskriegs und zunehmender Repression und Propaganda einen direkten Kontakt mit der russischen Zivilgesellschaft“. Die Standorte bildeten „einen der wenigen verbliebenen Räume für Menschen, die Deutschland und Werten wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit weiter zugewandt sind“.