Machtkampf im Pentagon: Der Heeresminister Daniel Driscoll galt als Aufsteiger. Das gefiel seinem Chef Pete Hegseth nichtEr sollte die Army modernisieren und pflegte beste Beziehungen ins Weisse Haus. Doch das schützte den 40-jährigen Driscoll nicht vor Hegseths Personalpolitik. Experten warnen vor einer vergifteten Kultur im Verteidigungsministerium.03.09.2026, 11.18 Uhr5 LeseminutenDas Zerwürfnis zeichnete sich schon im Frühling ab. Daniel Driscoll im Mai bei der Abschlussfeier der United States Military Academy.Adam Gray / GettyAls das Weisse Haus am Montag den Rücktritt des zivilen Chefs des amerikanischen Heeres verkündete, fehlte eines: eine Begründung. Daniel Driscoll habe sich «äusserst erfolgreich dafür eingesetzt, die Agenda von Präsident Trump umzusetzen», hiess es. Auch für Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte die Sprecherin der Trump-Regierung nur lobende Worte übrig. Den jüngsten Eklat im Pentagon konnte sie allerdings kaum übertünchen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Rücktritt führte zu teilweise heftigen Reaktionen der Republikaner im Kongress: «Ich habe all diese Abgänge satt», sagte der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus, Mike Rogers. «Ich möchte endlich etwas Stabilität sehen.» Senator Thom Tillis, der nicht zur Wiederwahl steht, forderte erneut den Rücktritt von Hegseth: «Ihn schüchtert Kompetenz ein, und er stiftet Kulturkriege an, statt sich nüchtern um die Verteidigung der Nation und das Wohlergehen der Streitkräfte zu kümmern.»Dass Driscolls Tage in der von Trump in «Kriegsministerium» umgetauften Behörde gezählt sind, zeichnete sich schon im Frühling ab. Damals begann Hegseth gegen Driscolls Willen, die Heeresspitze zu demontieren. Zuerst zwang er den Stabschef der Army, Randy George, in den frühen Ruhestand. Danach setzte er ebenso kommentarlos David Hodne ab, der bei der Army für das Change-Management und die Ausbildung zuständig war. Gehen musste auch der Befehlshaber des amerikanischen Heeres in Europa und Afrika, Chris Donahue. Alle drei waren hochdekorierte und kriegserprobte Vier-Sterne-Generäle, mit denen Driscoll eng zusammengearbeitet hatte.Der pausbäckige Shootingstar im PentagonSie standen ihm unter anderem zur Seite, als er im November 2025 den Auftrag erhielt, dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski den amerikanischen 28-Punkte-Plan für einen Frieden mit Russland zu unterbreiten.Dass er plötzlich eine derart wichtige diplomatische Mission leitete, war eine überraschende Ehre für den relativ jungen, pausbäckigen Heeresminister. Eigentlich war Driscoll nur für einen Technologieaustausch nach Kiew gereist. Als Irakkriegsveteran und Investmentbanker hatte er keinerlei diplomatische Erfahrung.Auch wenn die Ukraine-Mission letztlich erfolglos blieb, katapultierte sie Driscoll ins mediale Rampenlicht. Das Nachrichtenportal «Axios» erklärte ihn zum Trump-Power-Player 2.0. Er galt als dynamische Kraft im Pentagon. Zusammen mit dem Army-Chef arbeitete er daran, das Heer zu modernisieren, was ihm den Übernamen «Drohnen-Typ» eintrug. Zudem war er als ehemaliger Kommilitone von Vizepräsident J. D. Vance an der Yale-Universität in der Trump-Regierung bestens vernetzt.Auch im Kongress gewann Driscoll über die Parteigrenzen hinweg Freunde. Er verteidigte in Senatsanhörungen Trumps Einsatz der Nationalgarde in amerikanischen Städten vehement, unterstützte aber auch einen Vorstoss der linken Senatorin Elizabeth Warren. Sie wollte den Landstreitkräften ermöglichen, ihre Ausrüstung selbst zu reparieren. Die Knebelverträge mit Rüstungsfirmen nannte Driscoll «sündhaft». Monate später führte er das sogenannte «Recht auf Reparatur» in der Army stillschweigend ein.Hegseth will LoyalistenDer Hype um Driscoll ging so weit, dass er in Washington offen als möglicher Verteidigungsminister gehandelt wurde. Damit habe Hegseth offenbar Mühe gehabt, sagt der Verteidigungsexperte Benjamin Friedman von der Denkfabrik Defense Priorities: «Hegseth wacht eifersüchtig über seine Vorrechte.» Friedman erklärt die Entlassungen in der Army vor allem mit Hegseths Machtanspruch. Der Verteidigungsminister habe zeigen wollen, dass er beim Personal das Sagen habe.Für Driscoll sei der Spielraum nach der Entlassung des Heereskommandanten George eng geworden, sagt Friedman. Dessen Stelle bleibt unbesetzt, und Hegseth soll laut der «New York Times» drei Offiziere aus dem Dienst gedrängt haben, die als mögliche Nachfolger galten. Das Magazin «The Atlantic» berichtete, Driscoll habe kurz vor seinem Rücktritt Donald Trump persönlich davor gewarnt, dass aufgrund der Entlassungen der Modernisierungsprozess des Heeres gefährdet sei. Doch offensichtlich fehlte dem Präsidenten der Wille, in den Machtkampf im Pentagon einzugreifen.Das mag auch daran liegen, dass der Kulturkämpfer Hegseth sein Amt als Verteidigungsminister mit dem expliziten Versprechen angetreten war, die Armee von Gleichstellungsmassnahmen zu befreien und sie wieder schlagkräftig – «lethal» – zu machen. Dazu sei es zuallererst nötig, alle Generäle zu entlassen, die im Entferntesten mit den Programmen zur Förderung von Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion (DEI) zu tun gehabt hätten, sagte Hegseth in der «Shawn Ryan Show» vor seiner Nominierung. Inzwischen hat Trumps Verteidigungsminister mehr als achtzig Generäle und Admiräle entlassen oder deren Beförderung blockiert. Die Massnahmen betreffen rund zehn Prozent der höchstrangigen Offiziere.Doch von Anfang an zielte Hegseth nicht nur auf ideologische Gegner in den Reihen der amerikanischen Streitkräfte. Im Frühling 2025 entliess er neben dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs und der obersten Navy-Chefin nach einer Untersuchung zu an die Medien geleakten Informationen auch mehrere Mitglieder seines eigenen Teams.Der Militärexperte Friedman bezweifelt, dass die jüngste Entlassungswelle bei der Army noch etwas mit einer Wokeness-Säuberung zu tun habe: «Dieses Argument dient oft der persönlichen Rechtfertigung.» Die Gleichstellungsprogramme habe man in den ersten Monaten der Trump-Regierung stoppen können. Nun gehe es Hegseth vor allem darum, Schlüsselpositionen mit Loyalisten zu besetzen.Kein unmittelbares operatives RisikoDerweil ist die Army ohne regulär besetzte Führung. Nach Driscolls Abgang fehlen ihr sowohl ein ziviler als auch ein militärischer Chef. Für Driscoll wird wohl sein bisheriger Stellvertreter Michael Obadal ad interim einspringen; General Chris LaNeve kommandiert vorläufig das Heer. Laut Gesetz dürfen Amtsträger, die nicht vom Senat bestätigt wurden, maximal 210 Tage lang im Amt bleiben. Unter gewissen Bedingungen kann die Frist aber verlängert werden.Experten erwarten keine unmittelbare operative Lähmung, warnen jedoch vor längerfristigen Führungs- und Kulturproblemen. Es gebe in den Rängen genügend fähiges Ersatzpersonal, sagte Frank Kendall, ehemaliger Luftwaffenminister, gegenüber PBS. Doch strategische Entscheidungen über die zukünftige Ausrichtung des Heeres könnten Interimsführungen nicht treffen.Das American Enterprise Institute zeigte auf, dass in den allermeisten Fällen erfahrene Kräfte nachgerückt sind. Der Schaden stelle vielmehr eine vergiftete Kultur dar, die «Offiziere wissen lässt, dass ehrliche Einschätzungen und institutionelle Integrität eher eine Hypothek darstellen als einen Vorteil», schreibt die Analystin Kori Schake.Benjamin Friedman von Defense Priorities glaubt nicht, dass die Modernisierung oder das Drohnenprogramm der Army gefährdet seien, wovor Driscoll gewarnt hatte. Gute Noten stellt er Hegseth trotzdem nicht aus: «Er ist unerfahren und so unsicher, dass er Mühe hat, sein Personal normal zu behandeln.» Insgesamt schade es der Armee, wenn sie zum Spielball von Persönlichkeiten degradiert werde.Viel Goodwill scheint Pete Hegseth in Washington nicht mehr entgegenzukommen. Doch solange Präsident Trump ihn stützt, kann er im Pentagon weitermachen wie bisher.Passend zum Artikel
Pentagon-Intrigen: Driscolls Abgang und Hegseths Machtpolitik
Er sollte die Army modernisieren und pflegte beste Beziehungen ins Weisse Haus. Doch das schützte den 40-jährigen Driscoll nicht vor Hegseths Personalpolitik. Experten warnen vor einer vergifteten Kultur im Verteidigungsministerium.











