PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungLeere Kassen ab OktoberJetzt muss Carsten Linnemann unpopuläre Maßnahmen ergreifenStand: 03.09.2026Lesedauer: 3 MinutenNeuer Bundesgesundheitsminister: Carsten Linnemann (CDU)Quelle: JOHN MACDOUGALL/AFPDen Pflegekassen geht im Herbst das Geld aus. Nothilfen des Bundes reichen nicht. Auf Minister Linnemann wartet eine Herkulesaufgabe.Die soziale Pflegeversicherung funkt SOS. Im kommenden Oktober geht ihr das Geld aus. In der ersten Hälfte 2026 schossen die Ausgaben um elf Prozent in die Höhe und wuchsen damit dreimal schneller als die Einnahmen. Zwar kann die Sozialversicherung nicht bankrottgehen, betont der Chef des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Oliver Blatt. Doch Nothilfen des Bundes schaffen keine solide Basis. Zumal das Loch in der Pflege im kommenden Jahr auf zehn Milliarden Euro anzuwachsen droht – und die Beitragszahler nicht noch höhere Lasten schultern können. Die schwarz-rote Koalition muss ihre angekündigte Pflegereform jetzt endlich liefern.Auf den gerade erst ins Amt gekommenen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) wartet eine Herkulesaufgabe. Denn klar ist, dass Abstriche bei den Leistungen unvermeidbar sind. Den Bürgern dies klarzumachen, wird schwer. Denn trotz des lange absehbaren Finanzdesasters haben Union und SPD seit 2017 die Ansprüche immer weiter ausgebaut. Und zwar sowohl für die zu Hause betreuten als auch für Heimbewohner.Fatale AusgabentreiberSchon bei kleinen Einschränkungen und unabhängig vom Einkommen zahlen die Pflegekassen heute einen „Entlastungsbeitrag“ (Pflegegrad 1). Kein Wunder, dass sich bei einer so großzügigen Gewährung von Leistungen die Zahl der Pflegefälle binnen zehn Jahren von drei auf knapp sechs Millionen fast verdoppelte. Nur ein Zehntel dieses Anstiegs hängt mit der Demografie zusammen. Denn die Alterung trifft die Pflegekassen erst in 20 Jahren mit voller Wucht, wenn die Babyboomer hochbetagt sein werden.Als fataler Ausgabentreiber erweist sich auch die vom früheren Ressortchef Jens Spahn 2021 durchgesetzte Einführung eines Zuschusses zum Eigenanteil der Heimbewohner an den Pflegekosten. Mit der Länge des Aufenthalts steigt der Zuschuss bis auf 75 Prozent nach 36 Monaten. Diese Beteiligung der Solidargemeinschaft an den bis vor wenigen Jahren gänzlich allein zu tragenden Kosten ist nicht nur bei den Pflegebedürftigen selbst populär, sondern auch bei den Angehörigen und Erben. Aber diese Weichenstellung hat Nebenwirkungen. Tatsächlich dürften die Kassenzuschüsse in vielen Familien die Entscheidung erleichtern, einen Heimplatz für die Eltern oder Großeltern zu suchen. Die Pflege oder Alltagsunterstützung selbst ganz oder teilweise zu übernehmen, ist schließlich kräftezehrend. Das Gros der Älteren wünscht sich jedoch, nie ins Heim zu müssen.Linnemanns Vorgängerin Nina Warken hatte noch vor ihrem Wechsel ins Kanzleramt Eckpunkte vorgelegt, die – auch nach Einschätzung des GKV-Chefs – in die richtige Richtung weisen, aber unpopulär sind. So sollen wieder strengere Kriterien für den Zugang zu Pflegeleistungen gelten. Auch sollen die Zuschüsse zum Eigenanteil in der stationären Versorgung erst später gewährt werden.Lesen Sie auchBeide Punkte sollte Linnemann unbedingt aufgreifen. Sonst laufen die Ausgaben völlig aus dem Ruder. In einer rasant alternden Gesellschaft sind die begrenzten Mittel wieder stärker auf diejenigen zu konzentrieren, die auf die Unterstützung der Solidargemeinschaft angewiesen sind. Im Interesse der Pflegebedürftigen wie auch der Beitragszahler ist es, der ambulanten Versorgung absoluten Vorrang einzuräumen. Das harte Los, im Alter von Helfern abhängig zu sein, lässt sich meist leichter ertragen, wenn man in der vertrauten Umgebung bleiben kann. Auch deshalb sollte die finanzielle Unterstützung beim Eigenanteil erst deutlich später als heute einsetzen.Einen Punkt aus Warkens Pflegeplänen hat Linnemann allerdings schon kassiert. Der Minister will pflegenden Angehörigen nun doch weiterhin Rentenbeiträge gewähren. Die gut fünf Milliarden Euro pro Jahr an Kosten muss Linnemann dann aber an anderer Stelle einsparen. Seine Vorgängerin erwies sich beim Gesundheitsspargesetz trotz heftigem Gegenwind als durchsetzungsstark. Hoffentlich gelingt dies ihrem Nachfolger bei der Pflege ebenso.