Eine Gentherapie senkt zu hohe Cholesterinwerte – für immerDurch die Ausschaltung bestimmter Gene lassen sich zu hohe Blutfettwerte korrigieren. Weil es Medikamente gibt, die ähnlich wirken, ist die Frage: Welche Patienten können davon profitieren?03.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenBesonders gefährdet durch hohe Cholesterinwerte: das Herz und die Gefässe, die es versorgen.Magicmine / iStockphoto / GettyEine Spritze, die Schluss macht mit Cholesterinproblemen. Arterien, die dank einer neuen Gentherapie nicht mehr verstopft werden. Es klingt fast zu schön, was Wissenschafter jetzt in den USA verkünden. Aber sie haben tatsächlich ein solches Produkt anzubieten – nur, das lässt sich jetzt schon sagen: Es taugt sicherlich nicht für jeden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf dem Kongress der europäischen Fachgesellschaft der Kardiologen hat Luke Laffin von der Cleveland Clinic im amerikanischen Gliedstaat Ohio vor wenigen Tagen eine solche Behandlung vorgestellt. Sie ist in der Lage, in der Leber ein Gen auszuschalten, das die Bauanleitung für ein besonderes Protein liefert.Das sogenannte Angiopoietin-like-3-Protein, kurz ANGPTL3, blockiert in der Leber normalerweise den Abbau von LDL-Cholesterin, das oft auch als böses Cholesterin bezeichnet wird, und von anderen Blutfetten, den sogenannten Triglyceriden. Beide gelten als Hauptverursacher von Atherosklerose und Gefässverschlüssen. Wird das ANGPTL3-Gen deaktiviert, werden von dem Organ mehr dieser Blutfette verstoffwechselt. Bei den 15 Patienten, die die Therapie in der Studie ausprobierten, sanken die LDL- und Triglycerid-Werte deshalb um rund die Hälfte. Diese niedrigen Werte waren noch nach einem Jahr zu messen.Es gibt Medikamente, die ähnlich wirken«Dass das funktioniert hat, ist keine wissenschaftliche Überraschung», sagt Gerald Schwank, der am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich selbst Gentherapien entwickelt. Es gebe bereits ein Medikament, das ganz ähnlich wirke. Auch der Antikörper Evinacumab kann die Wirkung des Angiopoietin-like-3-Proteins blockieren.Auf die Idee, über diesen Weg das Cholesterin zu senken, kam die Wissenschaft durch eine Beobachtung: Menschen, bei denen aufgrund einer Mutation das ANGPTL3-Gen nicht aktiv ist, erkranken seltener an verstopften Herzkranzgefässen. Noch interessanter wurde diese Entdeckung, als sich zusätzlich herausstellte: Sonst sind die Betroffenen vollkommen gesund. Das Ausschalten des Gens hat keine grösseren Nebeneffekte. In den USA leben rund eineinhalb Millionen Menschen mit einem überhaupt nicht oder nur teilweise aktiven ANGPTL3-Gen.Vor drei Monaten haben Wissenschafter in der Fachzeitschrift «New England Journal of Medicine» bereits über die Entwicklung einer ähnlichen Gentherapie berichtet. Sie hatten auf einem anderen Weg versucht, die Cholesterinwerte im Blut zu senken. Sie hatten sich als Ziel das sogenannte PCSK9-Gen ausgesucht. PCSK9 ist ein Protein, das auf den Leberzellen die Zahl der Rezeptoren verringert, die das LDL im Blut abfangen und in die Zelle aufnehmen. Mit einer entsprechenden Gentherapie lassen sich deshalb die LDL-Spiegel um bis zu 60 Prozent senken, das konnten die Wissenschafter bei 35 Versuchspersonen belegen.Die Initialzündung: Menschen mit ErbfehlernAuch in diesem Fall hatte am Anfang der Entwicklung eine Beobachtung gestanden: Es gibt auch Menschen, die von Geburt an ein nicht funktionierendes PCSK9-Gen besitzen. Menschen, die damit nicht nur sehr gut leben können, sondern auch seltener an Herzinfarkten sterben.Auch im PCSK9 erkannten die Pharmaunternehmen schon frühzeitig ein lohnendes Ziel. 2015 wurden die ersten Antikörper zugelassen, die das Protein ausschalten können. 2020 erfolgte die Zulassung eines sogenannten siRNA-Wirkstoffs, der die Produktion des Proteins innerhalb der Zelle hemmt. Mitte Juli wurde in den USA die erste PCSK9-Pille zugelassen. Die Wirkung ist jeweils ähnlich stark wie die der Gentherapie: Der Cholesterinspiegel sinkt um 50 bis 60 Prozent.Angesichts dieser Konkurrenz würden es die neuen Gentherapien schwer haben, prognostiziert Gerald Schwank. «Es darf nicht das kleinste Risiko geben, es gibt ja genug Alternativen.» Eine Gentherapie könnte vor allem mit einem Vorteil punkten: Im Gegensatz zu den Alternativen muss sie nur einmal im Leben verabreicht werden, die Antikörper müssen dagegen alle zwei bis vier Wochen gespritzt werden, der siRNA-Wirkstoff alle sechs Monate.Noch sind die Risiken nicht ausreichend geklärtGenau dieses «kleinste Risiko» kann momentan aber noch niemand ausschliessen. Zwar wurden in den bisherigen Studien nach einem Jahr keine problematischen Nebenwirkungen beobachtet, abgesehen von einer vorübergehenden Erhöhung der Blut-Leber-Werte. Aber die grossen Risiken bei Gentherapien sind eher langfristiger Natur.Wenn Erbgutabschnitte zerschnitten oder verändert werden, können theoretisch auch andere Stellen im Genom unbeabsichtigt verändert werden. Diese beschädigten DNA-Stücke wiederum können die Umwandlung von normalen Zellen in Krebszellen begünstigen. «Nach unseren bisherigen Erfahrungen sind solche malignen Entartungen unwahrscheinlich, aber letztlich wird man das erst in zehn bis zwanzig Jahren beurteilen können», sagt Julian Grünewald, Assistenzprofessor für Gen-Editierung in der Kardiologie der Technischen Universität München. Ein weiteres Problem: Die Auswirkungen einer Gentherapie lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Medikamente kann man absetzen.Grünewald glaubt deshalb, dass die beiden neuen Verfahren vor allem für eine Patientengruppe eine Alternative darstellen: für Menschen, die aus genetischen Gründen extrem hohe Cholesterinwerte aufweisen. Bei manchen kann eine solche Erkrankung bereits im Kindesalter zu Herzinfarkten führen. «Wenn man diese Menschen früh mit dieser Gentherapie behandeln würde, liesse sich das Risiko von gefährlichen Therapieunterbrechungen reduzieren.»Der Traum: alle Herzinfarkt-Gene abschaltenAuch Heribert Schunkert, der Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen des Deutschen Herzzentrums in München, bleibt angesichts der Entdeckungen zunächst einmal nüchtern. «Ich glaube, dass der Effekt der beiden neuen Gentherapie-Studien auf kurze Sicht sicher überschaubar bleiben wird. Auf lange Sicht ist er aber kaum zu überschätzen.»Denn Schunkert sieht in Therapien, «die genetische Fehlsteuerungen korrigieren», die Zukunft. In seiner Vision würden durch Gentherapien nicht nur PCSK9 und ANGPTL3 ausgeschaltet werden, sondern auch weitere Gene mit ähnlichen Eigenschaften. Gene, die ebenfalls Herz und Gefässen schaden können, sonst aber keine wichtige Funktion im Körper ausüben.«Hochrechnungen haben gezeigt, dass mit einer gentherapeutischen Korrektur der zehn wichtigsten Risikogene die koronare Herzkrankheit beseitigt werden könnte», sagt er. Die Idee wäre also, mithilfe von Gentherapien Herzinfarkt und Gefässverstopfungen ganz abzuschaffen.Passend zum Artikel