Pro Artikel«Russlands Luftraum wird geschlossen»: Selenski stösst eine harsche Drohung aus – mit noch unabsehbaren FolgenAm Himmel über Russland sollen so viele ukrainische Drohnen auftauchen, dass eine zivile Luftfahrt unmöglich wird. Der Kreml sieht darin eine Ansage zu Staatsterrorismus. Doch die Ukrainer müssen keine Flugzeuge abschiessen, um den Luftverkehr lahmzulegen.03.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski will, dass Russlands Bevölkerung den Krieg deutlicher zu spüren bekommt – nun auch mit häufigeren Ausfällen im Flugverkehr.Nurphoto/GettySeit der russischen Invasion im Februar 2022 ist der Luftraum über der Ukraine für zivile Flugzeuge gesperrt – die Gefahr von Abschüssen durch russische Raketen ist zu hoch. Nun will die Führung in Kiew den Spiess umdrehen: Präsident Wolodimir Selenski kündigte am Dienstagabend an, den russischen Luftraum so unsicher zu machen, dass auch Moskau den zivilen Flugverkehr einstellen müsse. Selenskis Äusserungen kommen überraschend, denn bis jetzt war die Störung des gegnerischen Luftverkehrs für die Ukraine kein vorrangiges Ziel gewesen. Die Ankündigung wirft auch die Frage auf, was die Ukrainer genau planen und wie weit sie dabei gehen wollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Selenski stellte klar, dass seine Truppen keine Angriffe auf zivile Flugzeuge vorhätten. Die Absicht liegt offenbar darin, den gegnerischen Luftraum auf derart bedrohliche Weise mit ukrainischen Drohnen zu sättigen, dass die russischen Behörden keinen sicheren Flugverkehr mehr gewährleisten können. Damit ist kein unmittelbares militärisches Ziel verbunden. Aber es folgt einer Fünf-Punkte-Strategie, die kürzlich der Chef der ukrainischen Drohnentruppen, Robert «Madjar» Browdi, skizzierte. Ein Element darin ist das Ziel, den Russen die Illusion von Stabilität im eigenen Land zu rauben.Vervielfachung der Angriffe geplantBereits Ende August hat Selenski nach Beratungen mit seinen wichtigsten Kommandanten den Befehl ausgegeben, die Zahl der Angriffe mit Langstreckendrohnen von derzeit durchschnittlich 300 auf 1000 pro Tag zu vervielfachen. Das setzt voraus, dass die Ukraine die Produktion solcher Fluggeräte nochmals drastisch ausweiten kann. Bereits die Zahl von täglich 300 Langstreckendrohnen bedeutet, dass die Ukraine Russland in dieser Kategorie von Luftangriffen überholt hat. Russland hat im August mit durchschnittlich 170 Langstreckendrohnen pro Tag angegriffen.«Neben den Drohnen hat es keinen Platz für eine zivile Luftfahrt», sagte Selenski in seiner Videoansprache. Faktisch werde der russische Luftraum dadurch geschlossen, kündigte er an. Sein Gegenspieler im Kreml, Präsident Wladimir Putin, reagierte umgehend mit der Beschuldigung, dass die Ukraine damit eine Ansage zu Staatsterrorismus gemacht habe. Diese Formulierung wirkt heuchlerisch vor dem Hintergrund, dass Russland derzeit unter dem dringenden Verdacht steht, mit dem Drohnenangriff am Flughafen Leipzig und anderen Sabotageakten eine staatsterroristische Kampagne zu verfolgen.Die Ukraine braucht keine Passagierflugzeuge zu attackieren, um den russischen Luftraum lahmzulegen. Kiew ist sich bewusst, dass ein solches Vorgehen völkerrechtswidrig wäre und politisch dem Land nur schaden würde. Aber die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass ukrainische Drohnen den russischen Flugverkehr gründlich durcheinanderbringen können.Tauchen solche Fluggeräte in der Kontrollzone eines Flughafens auf, greift jeweils ein Sonderregime namens «Kowjor» (Teppich): Der Flughafen stellt den Betrieb ein; anfliegende Flugzeuge haben den betreffenden Luftraum zu verlassen oder eine Notlandung vorzunehmen. Solche Störungen können nach Angaben des Nachrichtenportals RBK je nach Ereignis von einer halben Stunde bis zu acht Stunden dauern. Wiederholt kam es vor, dass in der Region Moskau alle vier Flughäfen stundenlang lahmgelegt waren – letztmals Mitte Juni bei einem besonders grossen ukrainischen Angriff, der sich gegen die Moskauer Erdölraffinerie richtete.Gefahr von tödlichen IrrtümernUm die russische Zivilluftfahrt dauerhaft zu unterbrechen, müssten die ukrainischen Drohnentruppen ihre Einsätze jedoch deutlich verstärken und auch tagsüber angreifen. Damit steigt die Gefahr, dass letztlich doch Zivilisten zu Opfern werden. Im Dezember 2024 hatte die russische Flugabwehr im Nordkaukasus ukrainische Drohnen bekämpft und dabei irrtümlich eine Embraer 190 der staatlichen aserbaidschanischen Fluggesellschaft Azerbaijan Airlines getroffen. Bei der Notlandung des beschädigten Flugzeugs kamen 38 Personen ums Leben.Selenski hofft wohl, dass allein schon seine Warnung an ausländische Staaten, Fluggesellschaften und Versicherer hinsichtlich der Gefahren im russischen Luftraum einen abschreckenden Effekt erzielen wird. Schon bisher hat der Krieg zu erheblichen Einschränkungen des Luftverkehrs geführt. So sind eine Reihe von Regionalflughäfen in Südwestrussland wegen ihrer Nähe zum Kampfgeschehen seit Jahren geschlossen, zudem umfliegen westliche Fluggesellschaften russisches Gebiet. Aber von Moskau und anderen Städten aus bestehen zahlreiche Flugverbindungen in die Türkei, in die Emirate, in frühere Sowjetrepubliken und weitere Staaten.Am Mittwoch zeigte sich noch kein klares Bild, wie die betreffenden Airlines auf die ukrainische Warnung reagieren werden. Der Moskauer Flughafen Wnukowo beispielsweise meldete bis zum Abend vierzehn annullierte Flüge aus dem Ausland, hauptsächlich aus der Türkei. Aber während die türkische Billigfluggesellschaft Pegasus fast alle ihre Flüge nach Moskau strich, hielt der Konkurrent Turkish Airlines seinen Flugplan weitgehend aufrecht. Russische Anbieter dürften die ukrainische Drohung erst recht in den Wind schlagen. Die Aeroflot-Aktien verloren nach Selenskis Ansprache jedoch fünf Prozent ihres Werts.So bleiben die Auswirkungen auf den Flugverkehr in Russland vorerst ungewiss. Sie hängen vom weiteren Verlauf der ukrainischen Luftangriffe ab. Dass das ukrainische Störpotenzial ernst zu nehmen ist, weiss man dabei auch in Washington: Bevor der Geheimdienstchef John Ratcliffe kürzlich nach Moskau flog, ersuchten die USA die Ukraine eigens um eine mehrtägige Angriffspause – was Kiew zusicherte.22 KommentareVincent Kraeutler 04.09.2026Quid pro Quo. Auge um Auge und Zahn um Zahn.