Wolodymyr Selenskyj hat den Himmel über Russland zu einem „unsicheren Ort“ erklärt. In einer Videoansprache vom Dienstagabend warnt der ukrainische Präsident internationale Fluggesellschaften davor, russische Flughäfen anzufliegen. „Der Himmel über Russland ist für Drohnen da, nicht für die zivile Luftfahrt“, sagte er.Wie üblich war Selenskyj darum bemüht, im Westen nicht als Treiber einer Eskalation zu erscheinen. So betonte er, dass man die zivile Luftfahrt selbst nicht bedrohe, „nicht ein einziges Flugzeug“. Es seien die russischen Behörden, die trotz der Gefahr nicht den Luftraum sperrten. Selenskyj richtete sich daher direkt an Fluggesellschaften, Versicherer und die Botschafter in Kiew und Moskau. Der russische Luftraum sei angesichts täglicher ukrainischer Drohnenangriffe einfach nicht mehr sicher.Gerüchte über ein ukrainisches Vorgehen gegen die zivile Luftfahrt in Russland gibt es schon länger. So berichtete die amerikanische Zeitschrift „The Atlantic“ Mitte August, das ukrainische Verteidigungsministerium habe einen Plan ausgearbeitet, mithilfe Tausender KI-gesteuerter Drohnen den Luftverkehr in Moskau lahmzulegen. Auf diese Weise habe Kiew den Druck auf Herrscher Wladimir Putin erhöhen wollen, einem Waffenstillstand zuzustimmen. Dem Bericht zufolge habe Selenskyj jedoch Sorge vor der internationalen Reaktion gehabt, sollten durch eine der Drohnen wirklich ein ziviles Flugzeug getroffen werden und Menschen zu Schaden kommen.Kiew kann mittlerweile zurückschlagenJetzt verwies Selenskyj auf das Recht auf Selbstverteidigung. Man greife weiter nur Militärziele an und jene Unternehmen, die den Krieg unterstützten. Zudem betonte Selenskyj seine Verhandlungsbereitschaft. Es sei ausschließlich der Wille Russlands, den Krieg in die Länge zu ziehen. Kiew sei weiter bereit, Angriffe zu unterbrechen, um Verhandlungen zu ermöglichen. So habe man Moskau während des Besuchs von CIA-Chef John Ratcliffe auf amerikanisches Ersuchen hin nicht angegriffen. Auch der Bitte einer anderen Weltmacht, wohl China, während des noch bis Freitag laufenden Wirtschaftsforums nicht Wladiwostok anzugreifen, werde man nachkommen.Selenskyjs Worte zeigen ein neues Selbstbewusstsein. Kiew sieht die Eskalationsdominanz mehr und mehr auf seiner Seite. Zu Beginn des Krieges hatten der Ukraine weitreichende Waffen gefehlt, um Ziele in Russland anzugreifen. Als sich die Hoffnungen auf westliche Lieferungen von Raketen und Marschflugkörpern zerschlagen hatten, trieb man die Drohnenproduktion voran, produzierte eigene Marschflugkörper. Heute treffen ukrainische Langstreckendrohnen täglich Ziele tief in Russland. Sie schlagen in Raffinerien, Ölexporthäfen oder Rüstungsbetriebe ein. Sowohl die Anzahl der eingesetzten Drohnen als auch deren Reichweite steigt kontinuierlich.Die zivile Luftfahrt in der Ukraine aber ist mit Beginn der Vollinvasion aus Sicherheitsgründen ausgesetzt worden. Wer in das Land reist, muss den Zug oder das Auto nehmen. Auch westliche Staats- und Regierungschefs kommen regelmäßig auf diese Weise ins Land.Für Russen sind Istanbul, Eriwan und Dubai die Tore zur WeltMit Blick auf Russland mag überraschen, dass dort auch im fünften Jahr der Vollinvasion die zivile Luftfahrt bisher weitgehend möglich ist. Seit dem Angriff von 2022 haben zwar acht Flughäfen in Frontnähe den Betrieb „ausgesetzt“, die von Anapa, Belgorod, Brjansk, Woronesch, Kursk, Lipezk, Platow nahe Rostow am Don sowie von Simferopol auf der besetzten Krim. Aber andere öffneten später wieder, so die von Gelendschik und Krasnodar. Moskaus vier Großflughäfen sowie der Flughafen von Sankt Petersburg setzen weiter nur den Betrieb aus, wenn Drohnenalarm gegeben wird.„Plan Teppich“ heißt das dann und kann mit Wartezeiten und Umbuchungen einhergehen, für diejenigen, die schon in der Luft sind, mit Warteschleifen über dem Zielflughafen oder Landungen an Ausweichflughäfen. Viele Russen schreckt das nicht ab, diejenigen, die es sich leisten können, fliegen mit russischen, türkischen, arabischen, armenischen, aserbaidschanischen Linien. Ihre Tore zur Welt sind Istanbul, Eriwan oder Dubai, auch in die USA oder Länder der EU, sofern sie dort noch einreisen dürfen.Medienberichten zufolge warnt die Beratung Osprey Flight Solutions nun seine Kunden davor, dass sich ukrainische Drohnenangriffe „tief in russischem Gebiet“ häufen könnten, „falsche Berechnung und/oder Identifizierung“ seitens der Flugabwehr seien „wahrscheinlich“. Ein Beispiel dafür gibt es: Ende 2024 beschoss eine Flugabwehreinheit vermutlich während eines Drohnenangriffs eine Maschine der aserbaidschanischen Staatsfluglinie im Landeanflug auf die tschetschenische Hauptstadt Grosnyj. Die Piloten konnten das Flugzeug noch über das Kaspische Meer steuern und im kasachischen Aktau notlanden, kamen aber mit 36 weiteren der 67 Menschen an Bord ums Leben. Putin entschuldigte sich seinerzeit bei Aserbaidschans Machthaber Ilham Alijew.Die Flugrouten sind ein Zeichen für NormalitätFür Putins Regime sind die Flugverbindungen wirtschaftlich wie politisch bedeutsam, als Zeichen dafür, dass man die Folgen des Krieges einhegen und Normalität wahren könne. Das gelingt angesichts der Auswirkungen der jüngsten Drohnenschläge, insbesondere des Treibstoffmangels und der Sorgen um die E-Commerce-Giganten Wildberries und Ozon, schon jetzt immer weniger. Ein Stopp wäre ein weiteres Krisenzeichen.Umso aggressiver tritt Putin auf. Als er am Dienstagabend im kirgisischen Bischkek zum Abschluss des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit vor seine Sammlung an Medienleuten trat, warf er Selenskyj eine „Anmeldung von Staatsterrorismus“ vor, sagte, „mit Terroristen führt man keine Verhandlungen“, und fügte hinzu, wenn „Tragödien“ geschähen, werde man ein Mittel der Vergeltung finden.Putin vor Medienleuten in Bishkek während des Gipfels der Schanghaier Organisation für ZusammenarbeitEPAZugleich hob Putin hervor, dass er seinen Streitkräften „massive Schläge gegen Energieobjekte der Ukraine“ befohlen habe. Offenkundig hat er bereits den nächsten Winter im Blick und will, wie schon im vergangenen, Millionen Ukrainer durch Kälte zermürben. Auf eine Frage, unter welchen Bedingungen man „nicht nur Energieobjekte“ der Ukraine, sondern auch deren Führung direkt angreifen werde, sagte Putin, solche Schläge führe man bisher nicht aus, da „wir dort irgendwelche Unterhändler brauchen“. Selenskyjs Ankündigung sei „noch nicht der Übergang zum Terrorismus“, fügte Putin hinzu, obwohl er und sein Machtapparat schon seit Langem ukrainische Angriffe auf Ziele in Russland als Terrorismus bezeichnen. „Aber wenn es dazu kommt, werden wir schauen, wie wir antworten werden, werden Instrumente finden.“Medwedjew: Anschlag ist die mildeste Form der Strafe für BerlinPutins Stellvertreter im Vorsitz des Nationalen Sicherheitsrats, Dmitrij Medwedjew, drohte daraufhin westlichen Staats- und Regierungschefs, vor allem europäischen, die „mit dem Zug nach Kiew fahren“, am Mittwoch in sozialen Medien mit Rache. Sie seien „Sponsoren des Terrors“. Mit Blick auf die am Dienstag von Berlin verkündeten Sanktionen wegen des versuchten Drohnenanschlags vom Leipziger Flughafen fügte Medwedjew hinzu, der „ausgedachte“ Anschlag sei „die mildeste Form der Strafe“ für die deutsche Führung. „Sie verdienen einen direkten Schlag gegen deutschen Hersteller militärischen Geräts“ für die Ukraine „und sehr wahrscheinlich auch gegen einige andere Orte in Berlin“.Putin selbst hatte die deutsche Reaktion in Bischkek mit der innenpolitischen Situation erklärt: Bundeskanzler Friedrich Merz habe „nicht das Vertrauen seiner Bürger“, da er „nicht die nationalen Interessen schützt, sondern mit ihnen handelt“, sagte Putin und verwies auch auf Deutschlands wirtschaftliche Probleme. „Das kann man nur mit einem erklären: dass man einem ‚aggressiven Russland‘ Widerstand leisten müsse.“