Die Zeichen stehen auf Eskalation: die fast unmögliche Mission des VW-Chefs BlumeOliver Blume sollte den zerstrittenen Konzern einen und in eine stabile Zukunft führen. Nun ist die Situation angespannt wie nie. Findet der Chef noch einen Ausweg?Cornelius Welp, Frankfurt03.09.2026, 05.31 Uhr6 LeseminutenDer Volkswagen-Chef Oliver Blume will den Konzern radikal umbauen.Sean Gallup / GettyVor den rund 10 000 Beschäftigten in der Halle 11 des Wolfsburger VW-Werks hat Daniela Cavallo den Chef des Konzerns schon hart kritisiert. Hat ihm vorgeworfen, eine «Chance verpasst» zu haben, geklagt, dass sich mit ihm «nicht arbeiten» lasse, weil er seinen Leuten nicht sage, was los sei. Dann aber holt die Betriebsratsvorsitzende noch einmal so richtig aus: «Unser Vertrauen in diesen Konzernvorstand, insbesondere auch in dessen Vorsitzenden Oliver Blume, ist beschädigt», sagt sie. Und schränkt anschliessend nur massvoll ein. «Noch nicht irreparabel. Aber beschädigt.» Viele sähen das offenbar ähnlich, berichten Teilnehmer. Sie klatschen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor gut vier Jahren hatte Cavallo noch ganz anders geklungen. Oliver Blume sei «die richtige Person an der Spitze», liess sich die Betriebsratschefin Ende Juli 2022 in einer Mitteilung anlässlich der Beförderung des bisherigen Chefs des Tochterunternehmens Porsche an die Konzernspitze zitieren. Er solle «mit dem gesamten Vorstand die Transformation weiter vorantreiben – mit einer Führungskultur, die den Teamgedanken in den Mittelpunkt stellt». Dass Blume in dem gespaltenen Konzern für Ausgleich sorgen, ihm eine klare Richtung geben und ihn so in eine stabile Zukunft führen würde, erwarteten damals viele. Wer, wenn nicht er?Der Widerstand ist gross, die Zweifel wachsenHeute sind viele Erwartungen erheblicher Enttäuschung, oft sogar blankem Entsetzen gewichen. Ausgerechnet Blume, jener Manager, der sich selbst kumpelhaft als «Spielertrainer» und «einer von euch» vorgestellt hatte, der locker in Jeans und Sakko daherkam und immer wieder auf seine tiefen Wurzeln im Konzern verwies, plant einen Umbau von beispielloser Härte in der deutschen Industriegeschichte.Die Widerstände dagegen sind enorm, und mit ihnen wachsen auch die Zweifel daran, ob der Chef erfolgreich durch all die externen und internen Hindernisse navigieren kann. Ob er der Richtige für diese Mission ist. Eine Diskussion darüber soll es möglichst nicht geben. «Der Aufsichtsrat ist überzeugt, mit ihm die anstehenden Aufgaben gemeinsam mit dem Vorstandsteam weiterhin erfolgreich umzusetzen», sagt ein VW-Sprecher auf Anfrage der NZZ. Dass das Gremium Blumes Vertrag Ende 2025 vorzeitig bis 2030 verlängert habe, sei ein «deutliches Zeichen dieses Vertrauens».Als Blume Ende 2022 als Chef in Wolfsburg anfing, blickte er noch betont zuversichtlich in die Zukunft. Klar, die Transformation hin zur Elektromobilität sei für die ganze Branche ein «Kraftakt», sagte er damals. Den zu meistern, klang anspruchsvoll, aber machbar. «Wir haben die richtige Strategie», sagte der neue Chef.Es geht um den Kampf gegen den AbstiegInzwischen sagt Blume Sätze wie «Die Lage ist mehr als kritisch» und «Das bisherige Geschäftsmodell trägt nicht mehr.» Er sagt sie immer wieder, wie ein Prediger, der seine immer noch ungläubige Gemeinde endlich auf den rechten Weg zwingen will. Blume, der gerne Metaphern aus dem Fussball nutzt, lässt keinen Zweifel daran, worum es geht: Es geht nicht um die Champions League. Sondern um den Kampf gegen den Abstieg.Um diesen zu vermeiden, will der Vorstand mitten in einem noch laufenden Sparprogramm einen von ihm in den vergangenen Monaten gemeinsam mit Unternehmensberatern entwickelten «Zukunftsplan» lancieren. Dessen Ziel sei es, das Unternehmen «robuster, schneller und nachhaltig wettbewerbsfähiger aufzustellen», sagt ein Sprecher. Es gehe nicht darum, kleiner zu werden. Es gehe darum, stärker zu werden.Das muss wohl tatsächlich dazugesagt werden. Denn der Entwurf des Programms schneidet ganz tief ins Fleisch des VW-Konzerns. Am Dienstag berichtete die deutsche «Wirtschaftswoche» unter Berufung auf eine vertrauliche Vorlage des Vorstands unter anderem vom Vorhaben, die Marke Seat aufzugeben, den Bau des Porsche Taycan einzustellen und zahlreiche Beteiligungen zu verkaufen. Zusätzlich zu den bereits vereinbarten 50 000 Stellen sollen nochmals ähnlich viele Stellen wegfallen.In Deutschland könnten nur drei Werke übrig bleibenDie Produktion in den VW-Werken in Emden, Hannover und Zwickau sowie am Audi-Standort Neckarsulm soll Anfang des kommenden Jahrzehnts auslaufen. Bisher dort gefertigte Modelle könnten dann ins günstigere Ausland abwandern. Sollte es tatsächlich so kommen, würde Deutschlands grösster Autobauer in Deutschland nur noch in Wolfsburg (VW), Ingolstadt (Audi) und Zuffenhausen (Porsche) Autos bauen.Blume hatte jüngst betont, dass die Zukunft der vier Fabriken noch nicht endgültig entschieden sei. Er machte aber auch klar, dass für die Zukunft bis jetzt keine «wettbewerbsgerechte Belegung» existiere. Zwar hätten die deutschen Standorte die Kosten bereits um 20 Prozent gesenkt. Im Vergleich mit anderen europäischen Standorten seien sie aber immer noch zu teuer.An diesem Freitag wird der Aufsichtsrat des Konzerns über die Pläne beraten. Von dem Treffen erhofft sich der Vorstand offiziell ein «klares Signal des Aufbruchs» in Form eines «eindeutigen Mandats». Die Aussichten darauf scheinen minimal.Bei einer ersten Abstimmung im Juli hatten die Vertreter der Arbeitnehmer und des mit 20 Prozent beteiligten Bundeslands Niedersachsen die Vorhaben des Vorstands mit ihrer Mehrheit abgeblockt. Die Allianz dürfte weiter stehen, in den vergangenen Tagen zeigte sich Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) bei Versammlungen der Beschäftigten an den VW-Standorten demonstrativ Seite an Seite mit der Betriebsratschefin Cavallo.Die Zeichen stehen deshalb auf Eskalation. Um seine Pläne gegen den Widerstand von Arbeitnehmervertretern und Politik durchzusetzen, könnte der Vorstand eine ausserordentliche Hauptversammlung einberufen. Bei dieser könnten die Aktionäre das Kontrollgremium überstimmen. Sollte dieses Szenario wahr werden, wäre das ein Affront. Und eine offene Kriegserklärung an jene Mächte, die den Wolfsburger Konzern in den vergangenen Jahren fest im Griff hatten.Aussprechen würde sie dann ausgerechnet der wenig kriegerische Oliver Blume. Weggefährten beschreiben den Manager als freundlichen Chef, der in Diskussionen interessiert zuhört und Gesprächspartner ausführlich, vielleicht sogar zu ausführlich zu Wort kommen lässt. Der Probleme erkennt und auch komplexe Projekte klar strukturiert. Der sich selbst im Griff hat und auch an hektischen Tagen laufend seine Runde dreht. Und bei dem die zur Schau gestellte Nahbarkeit nicht anbiedernd, sondern glaubwürdig wirkt.Das hat wohl auch mit seiner Herkunft zu tun. Blume ist in der Nähe des unweit von Wolfsburg gelegenen Braunschweig aufgewachsen, sein Vater leitete einen Supermarkt, seine Mutter arbeitete in einer Bank. Blume studierte an der örtlichen Technischen Universität Maschinenbau und fing nach dem Abschluss bei der VW-Tochter Audi an.Dort lernte er den Ingenieur Wan Gang kennen, der heute als Gründervater der chinesischen Elektroautoindustrie gilt. Er überzeugte den jungen Blume davon, seine Doktorarbeit an der Universität Tongji in Schanghai zu beenden. Bei seinem Aufenthalt habe ihn an den Chinesen vor allem der «grosse Fleiss und der unbedingte Wille, ständig noch besser werden zu wollen» beeindruckt, sagte Blume später.Der Manager hat den VW-Konzern während seines Berufslebens nie verlassen, er kennt sich aus, er weiss um die Machtspiele, um die Eitelkeiten regionaler Führungskräfte und Verantwortlicher einzelner Marken. Das hat er seinem Vorgänger Herbert Diess voraus. Der frühere BMW-Vorstand war angetreten, um den Konzern komplett umzukrempeln. Dabei hatte er sich mit vielen angelegt, ohne sich auf eine Hausmacht stützen zu können. Den Betriebsrat hatte Diess im Jahr 2021 mit der Drohung gegen sich aufgebracht, im Konzern 30 000 Stellen abzubauen.China befindet sich im freien FallDass es bei seinem Nachfolger nun womöglich dreimal so viele Stellen werden, begründet der mit dem dramatisch veränderten Umfeld. Der europäische Markt hat nie wieder das Niveau der Vor-Corona-Zeit erreicht, in den USA erschweren die Einfuhrzölle den Absatz von Fahrzeugen. Und in China, wo VW lange Marktführer war, befindet sich das Geschäft im freien Fall. Im ersten Halbjahr brachen die Verkäufe von VW im Vergleich zum bereits schwachen Vorjahr nochmals um 30 Prozent ein.Diese Faktoren belasten auch Porsche. Das Unternehmen, das Blume bis zum vergangenen Jahreswechsel in einer Doppelrolle führte, leidet aber auch an der aus heutiger Sicht vorschnell eingeleiteten Wende zur Elektromobilität. Und dass die Profitabilität der Kernmarke VW kürzlich nahe Null lag, hat ebenfalls nicht nur externe Gründe.Eine Ursache für die Schwäche sind die hohen Preise: Vor 25 Jahren kostete ein neuer Golf in der Basisausstattung knapp 26 000 Mark, kaufkraftbereinigt wären das heute um die 21 000 Euro. Für einen fabrikfrischen Golf VIII müssen Käufer derzeit aber fast 30 000 Euro hinlegen. In Zukunft dürften sich noch mehr Interessenten fragen, ob der erhebliche Aufpreis gegenüber einem günstigen chinesischen Modell gerechtfertigt ist.Statt mehr als elf Millionen Autos werde VW künftig nur noch neun Millionen Fahrzeuge bauen, erwartet Blume. Und auch das muss aus seiner Sicht deutlich günstiger geschehen, die operative Rendite soll auch durch die Einsparungen von derzeit knapp vier auf neun Prozent steigen. Nur damit könne VW die für die erforderlichen Investitionen schultern. Und mit ihnen die Zukunft sichern.Dass das möglich ist, hat Blume immer wieder betont. «Wir haben es selbst in der Hand: mit unseren starken Marken und Produkten, unserer klaren Strategie und einem Team, das liefern kann», rief er bei der jüngsten Hauptversammlung den Aktionären zu. Auch die wird er noch überzeugen müssen: Seit seinem Amtsantritt hat die VW-Aktie fast die Hälfte ihres Werts verloren.Passend zum Artikel
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