PfadnavigationHomePanorama„Maischberger“„Wenn ihr sagt, ‚Das waren wir alles gar nicht‘, dann viel Spaß“Von Kristoffer FilliesVeröffentlicht am 02.09.2026Lesedauer: 6 MinutenUlf Poschardt und Grünen-Politikerin Ricarda LangQuelle: WDR/Oliver ZiebeWie viel Selbstkritik verträgt die politische Mitte? Und wer ist für den Aufstieg der AfD verantwortlich? Im ARD-Talk „Maischberger“ lieferten sich WELT-Autor Ulf Poschardt und Grünen-Politikerin Ricarda Lang ein hitziges Rededuell.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenIm ARD-Talk „Maischberger“ wurde es ein Abend mit einem Schlagabtausch, an dem die großen Fragen schnell bei den alten landeten: Wie viel Härte braucht es gegenüber dem russischen Präsidenten Putin? Wie viel Selbstkritik verträgt die politische Mitte? Und wer trägt eigentlich Verantwortung für den Zustand der aktuellen deutschen Debatten? Ex-Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) warnte vor Putins „Testballons“ und forderte von Deutschland mehr Diplomatie. Grünen-Politikerin Ricarda Lang und der ehemalige WELT-Herausgeber Ulf Poschardt lieferten sich ein hitziges Rededuell über AfD-Aufstieg, grüne Mitschuld und die Frage, wer dieses Land eigentlich polarisiert. Ihr kompromissloser Streit zu Wokeness, gesellschaftlicher Polarisierung und dem „Aufstieg der AfD“ wurde zum eigentlichen Ereignis der Sendung.Lesen Sie auchVom mutmaßlich russischen Drohnenangriff zeigte sich Gabriel bei Sandra Maischberger unüberrascht. „Es sprach vieles dafür, dass Russland weiter versucht, uns zu destabilisieren. Uns auch zu testen“, so der Ex-Außenminister. Russland nutze Kampfjets und Drohnen über EU-Gebiet, um die europäische Einigkeit zu testen: „Es sind einfach Testballons, um zu gucken: Wie halten die das eigentlich aus und halten die zusammen?“Gabriel forderte mehr Härte: Drohnenflüge über Nato-Gebiet dürften nicht hingenommen werden, eine Gegenreaktion dürfe aber keine russische Eskalation erzwingen. Putin bezeichnete er als Diktator mit genug Rückhalt, der nicht auf sein Volk hören müsse: „Mit Beeindrucken dürfte da wahrscheinlich nicht viel zu erreichen sein.“ Dennoch müsse die Diplomatie weiterlaufen.Die deutsche Regierung hatte Russland am Dienstag offiziell für den versuchten Sprengstoff-Anschlag am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich gemacht und die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn sowie des Russischen Hauses in Berlin angekündigt. Moskau weist die Vorwürfe zurück. Experten rechnen mit Gegenmaßnahmen gegen deutsche Institute in Russland.Gabriels Sorge geht über Russland hinaus: Großmächten wie den USA unter Donald Trump und China fehle die Fähigkeit zur Krisenbewältigung. Ob Klimakrise, Pandemien oder Atomwaffen – „überall brauchen wir eigentlich die Zusammenarbeit. Wie soll das sonst gehen?“ Während die globalen Probleme wachsen würden, nehme die „Bereitschaft oder Fähigkeit“ zu gemeinsamen Lösungen ab, so der Politiker.„Ein bisschen Rufschädigung, ehrlicherweise“Dann wechselte Maischberger von der Außenpolitik in den deutschen Kulturkampf. Denn im Studio saßen sich zwei Gesprächspartner gegenüber, die zwar privat per Du sind, politisch aber kaum weiter auseinanderliegen könnten: Ricarda Lang und Ulf Poschardt. Die Konstellation war von Beginn an auf Reibung aus – und die kam.Das Gespräch begann, und die Grünen-Politikerin ging sofort zum Angriff über. Maischberger fragte, ob sie es als Lob empfinde, dass Ulf Poschardt sich selbst als „die Ricarda Lang des Journalismus“ bezeichnet hatte. Poschardt postete den Vergleich vor einigen Monaten zu seinem Rücktritt als WELT-Herausgeber – eine ironische Parallele zu Langs eigenem Rückzug als Grünen-Chefin nach den Landtagswahlen 2024.Die Politikerin ergriff ohne zu zögern das Wort: „Ein bisschen Rufschädigung, ehrlicherweise“, so Lang. „Unsere beiden Modelle der Aufmerksamkeiten, auch der politischen Arbeit, haben sehr wenig miteinander zu tun.“ Sie hielt dem Journalisten Scheinheiligkeit vor. So würde Poschardt ziviles Miteinander und freie, offene Debatten fordern, bezeichne zugleich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aber als „links-grünen Think Tank“. Poschardt betreibe eine „Verächtlichmachung des politischen Gegenübers, mit dem Ziel, von einer Empörungsmaschine zu profitieren.“ Das sei „eigentlich ein als Freiheitskampf getarnter Zynismus“, meinte Lang. Und sie legte noch nach: „Wenn es einen Kulturkämpfer par excellence gibt in Deutschland, dann heißt er Ulf Poschardt.“Lesen Sie auchDie Anspielung gilt dem aktuellen Buch Poschardts, in dem er eine Geschichte verlorener bürgerlicher Kulturkämpfe erzählt – und in der die Grünen nicht gut wegkommen. Der Journalist bedankte sich zunächst bei der Politikerin nach ihrem Frontalangriff. Seine „Ricarda Lang des Journalismus“-Bemerkung sei übrigens ein „Riesen-Kompliment“ gewesen, merkte er an. Er halte sie schließlich im Gegensatz zu vielen Grünen für sehr selbstkritisch.Dann kam der Gegenschlag. „Zu glauben, dass die politische Wirklichkeit der Bundesrepublik durch die kulturelle Dominanz von einem rot-grünen Kulturkampf die letzten 70 Jahre nicht geprägt ist, ist einfach verwegen“, konterte der 59‑Jährige. Migration, Corona-Pandemie, Klima oder Gendern: Die Grünen müssten sich fragen, ob sie Verantwortung übernehmen würden, für die Art, wie über diese Themen der vergangenen zehn Jahre diskutiert worden sei. „Wenn ihr sagt, ‚Das waren wir alles gar nicht‘, dann viel Spaß.“ Welche Verantwortung er selbst bei ihnen sieht, schob er hinterher: Deutschland brauche eine „resiliente Gesellschaft, die nicht polarisiert.“ Angesichts der „äußeren Feinde“ auf der Welt könne eine gespaltene Gesellschaft nicht beeindrucken, mahnte Poschardt.„Die sind so durch mit dieser Kultur“Lang widersprach nicht bei allem. Wenn es um die Verantwortung beim „Aufstieg der AfD“ ginge, da sei sie „die Erste, die bereit ist für Selbstkritik“. Sie zählte die politischen Themen auf, die bei den Grünen hinkten: „Zu starke Konzentration auf Sprache, zu wenig Fokus auf ökonomische Themen, zu starke Skandalisierung von Meinungen, die nicht ins eigene Weltbild passen.“ Doch Poschardts Diagnose einer weiterhin bestehenden „grün-linken Dominanz“, so die 32-Jährige, die sei „vollkommen weit weg von der Realität“.Der Blick müsse zur AfD gehen, die bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stärkste Kraft werden könnte – und „politischen Gegnern nach der Machtübernahme Gewalt antut“, postulierte die Grünen-Politikerin. Der AfD-Aufstieg zeige, wohin Kulturkampflogik führe: „Dieses fast wahnhafte Kämpfen gegen alles Woke führt nicht nur dazu, dass der berechtigte und notwendige Einsatz für Gleichberechtigung und Menschenwürde abgewertet wird, sondern auch dazu, dass die tatsächlichen Feinde der Freiheit ignoriert und im schlimmsten Fall auch noch verharmlost werden.“Poschardt sezierte: „Wir haben eine polarisierte Gesellschaft, weil der Kulturkampf dazu führt, dass sich ein Teil, der sich immer nur als Verlierer in den Kulturkämpfen wahrnimmt – wie die Republikaner in den USA – sich abschotten von dem gesellschaftlichen Diskurs.“ AfD-Wählern gehe es ebenso: „Die sind so durch mit dieser Kultur.“ Sie hätten „keinen Bock mehr“ darauf, dass es mit den Eliten und Parteien so weitergehe. Poschardts Fundamentalkritik zielte tiefer: „Warum haben wir uns zu einem so unerfolgreichen Land entwickelt, warum gelingt uns so wenig, warum sind wir wirtschaftlich so schwach, warum sind wir kulturell so gespalten, warum ist die Lage so polarisiert?“Der Schlagabtausch blieb erbittert. Ricarda Lang schob nach, Poschardt griff auf, Moderatorin Maischberger musste kaum antreiben. Beim Thema Remigration provozierte Poschardt dann: „Das sollen sie doch mal versuchen, irgendwas realpolitisch davon zu machen. Sie werden scheitern.“ Die AfD müsse „auch mal realpolitische Verantwortung übernehmen“, forderte er. An eine absolute Mehrheit der Partei in Sachsen-Anhalt glaube er jedoch nicht.Lang setzte dagegen die positiven Seiten der Migration von 2015: In der Debatte werde eine „komplett einseitige Geschichte erzählt“, meinte sie, schließlich seien heute „64 Prozent der damals Angekommenen in Arbeit.“ Die Menschen seien „Nachbarn, Kollegen, Bürger“ geworden, würden aber unter Generalverdacht gestellt – etwa durch die „Stadtbild“-Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz. Gegen AfD-Forderungen, „deutsche Staatsbürger zu remigrieren“, kündigte Lang Widerstand an: „Dann sehe ich es als meine Aufgabe, zu sagen, ich werde mich vor diese Menschen stellen, die Teil dieses Landes geworden sind, die Steuern zahlen, die sich an die Regeln halten und ihre Familien haben.“
„Maischberger“: „Wenn ihr sagt, ‚Das waren wir alles gar nicht‘, dann viel Spaß“ - WELT
Wie viel Selbstkritik verträgt die politische Mitte? Und wer ist für den Aufstieg der AfD verantwortlich? Im ARD-Talk „Maischberger“ lieferten sich WELT-Autor Ulf Poschardt und Grünen-Politikerin Ricarda Lang ein hitziges Rededuell.






