Nach der Sabotage am Stromnetz in Südbrandenburg sucht die Polizei vor Ort weiter nach Spuren, um die Täter ermitteln zu können. „Das ist ja ein großes Gebiet, was hier sicher abgesucht sein muss“, sagte Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) gestern nach der Tat in der Nähe des Umspannwerks Turnow-Preilack an der Grenze zu Sachsen. Heute Morgen solle es weitergehen. Es sei bis zum Abend eine zweistellige Zahl an „Vorrichtungen“ gefunden worden.Am Dienstagmorgen hatten Unbekannte versucht, nahe dem Kohlekraftwerk Jänschwalde Kurzschlüsse zu erzeugen. „In zwei Fällen ist es gelungen, leitfähiges Material in die Höchstspannungsleitung einzubringen“, so der Minister. „In einigen weiteren Fällen ist das glücklicherweise nicht gelungen.“Klar sei: Es habe sich um ein systematisches Vorgehen gehandelt. Zunächst blieb unklar, ob es sich um selbst gebastelte Flugkörper oder hergestellte Raketen handelte.Redmann: „Sicher keine Silvesterraketen“Es seien mehrere sogenannte unkonventionelle Brand- und Sprengvorrichtungen entdeckt worden, die aber nicht alle explodiert seien, sagte eine Sprecherin des Brandenburger Polizeipräsidiums in Potsdam am Dienstag. Der Netzbetreiber 50 Hertz sprach von „selbstgebauten Flugkörpern, die handelsüblichen Silvesterraketen ähneln“.Brandenburgs Innenminister, Jan Redmann, sagte am Dienstagnachmittag vor Pressevertretern in der Nähe des Kohlekraftwerks, dass er nicht bestätigen könne, dass ein Sprengsatz explodiert sei. Der derzeitige Ermittlungsstand würde zeigen, dass „leitfähiges Material in die Hochspannungsleitung reingeflogen“ sei und so einen Kurzschluss in der Höchstspannungsleitung herbeigeführt habe, sagte der Minister. Der dadurch ausgelöste Feuerball sei womöglich als Detonation gedeutet worden.„Das waren ganz sicher keine Silvesterraketen, sondern Raketen, die zu diesem Zweck hier hergestellt wurden“, so Redmann. Die Konstruktion könne nicht ohne Aufwand getätigt worden sein, aber dafür brauche man auch kein „Spezialistenwissen“.Zuvor hatte die „Märkische Allgemeine Zeitung“ unter Berufung aus Sicherheits- und Unternehmenskreisen berichtet, Einsatzkräfte hätten vor Ort mehrere Vorrichtungen für mit Sprengstoff bestückte Raketen gefunden und diese entschärft. Das Landeskriminalamt, das die Ermittlungen übernommen hat, widersprach diesem Bericht später.Bauanleitungen im Internet?Im Fokus der Ermittler steht nun unter anderem, wie spezialisiert das Wissen der Täter gewesen ist. „Ob es beispielsweise Bauanleitungen für solche Geräte auch im Internet gibt“, sagte Redmann. Das sei „kein Kinderstreich“ gewesen.Wer hinter den Angriff steckte, sei noch unklar. „Gegenwärtig laufen die Ermittlungen in alle Richtungen“, sagte der Minister. „Wir wissen natürlich, dass es in der Vergangenheit in der Region insbesondere aus dem linksextremen Spektrum Anschläge auf das Stromnetz gab.“ Genauso wenig könne man ausschließen, „dass fremde Mächte hinter diesem Anschlag stecken oder Dritte, die wir heute noch gar nicht kennen“.Zusammenhang mit Ausfall von Kraftwerksblock wird geprüftAuf Anfrage der F.A.Z. teilte die Polizei am Dienstagnachmittag mit, dass vor Ort noch Spuren gesichert würden. „Zu den Hintergründen kann zum jetzigen Zeitpunkt keine Angabe gemacht werden.“Laut 50 Hertz wurden mehrere Leitungen beschädigt. Es habe eine kurzzeitige Leitungsunterbrechung gegeben, teilte das Unternehmen mit. Am frühen Nachmittag hieß es, alle Leitungen seien wieder in Betrieb. Die allgemeine Stromversorgung sei nicht beeinträchtigt.Ein Sprecher des Kraftwerksbetreibers Leag sprach von einem Anschlag. In der Folge habe es einen technischen Ausfall eines Blocks des Kraftwerks gegeben. „Ein möglicher Zusammenhang wird geprüft“, erklärte er. An der Wiederinbetriebnahme des Blocks werde gearbeitet.Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) verurteilte den Angriff. „Wer versucht, unsere kritische Infrastruktur zu sabotieren und das gesellschaftliche Leben zu lähmen, greift uns alle an“, erklärte er. Der Regierungschef sprach von einem „mutmaßlichen Anschlag“ und versicherte: „Wir lassen uns von krimineller Energie weder erpressen noch verunsichern.“Woidke: Müssen unsere Infrastrukturen entschlossen schützenGlücklicherweise seien bei dem Vorfall keine Menschen zu Schaden gekommen, erklärte Woidke. „Das ist in dieser Situation die wichtigste Nachricht – dennoch nehmen wir die Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur sehr ernst“, betonte er.„Die besorgniserregend hohe Frequenz derartiger Vorfälle zeigt, dass wir unsere Infrastrukturen entschlossen schützen müssen“, erklärte Woidke. Die Sicherheitsbehörden arbeiteten mit Hochdruck an der Aufklärung, „um die Täter mit der vollen Härte des Gesetzes zur Rechenschaft zu ziehen“.Innenminister Redmann kritisierte am Dienstagnachmittag, dass die kritische Infrastruktur in Deutschland viel zu verwundbar sei. „Auf hybride Bedrohungen braucht es hybride Antworten.“ Sein Ministerium arbeite deswegen an einem Gesetzentwurf, sodass Betreiber sich selbst besser vor derartigen Bedrohungen schützen könnten. Wirtschaftsministerin Martina Klement (CSU) betonte vor der Presse neben Redmann, dass die Versorgungssicherheit nicht gefährdet gewesen sei. Der Vorfall zeige, dass man auf einen „Mix an unterschiedlichen Energien“ setzen müsse, um resilient aufgestellt zu sein.Auch Brandenburgs Infrastrukturminister Robert Crumbach (SPD) sagte: „Der Anschlag auf die Infrastruktur in Jänschwalde ist ein Angriff auf die Sicherheit und die Lebensgrundlagen der Menschen in Brandenburg und darüber hinaus“, sagte er. „Wer kritische Infrastruktur beschädigt, gefährdet Arbeitsplätze, Versorgungssicherheit, das Vertrauen und letztlich die Gesundheit und Leben der Menschen.“