GastkommentarEckhard JesseDie AfD vor dem Höhenflug – eine Analyse vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und BerlinCDU und SPD sind im Sinkflug, AfD und Linke legen zu. Das erschwert die Bildung von homogenen Koalitionen.02.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Wahlen im kleinen Sachsen-Anhalt gelten wegen der möglichen absoluten Mandatsmehrheit für die AfD als Zäsur. Ein Flugzeug mit AfD Wahlwerbung über der Altstadt von Halle.mago / ImagoOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Aufregung in der Politik, der Publizistik und der Politikwissenschaft fällt derzeit immens aus – nicht zuletzt wegen der zu erwartenden Erfolge der AfD, die bundesweit bei allen Meinungsforschungsinstituten klar an erster Stelle rangiert.Erzielte die Union bei der Bundestagswahl 28,6 Prozent (weniger als erwartet) und die AfD 20,8 Prozent (mehr als erwartet), ist das Verhältnis heute nahezu umgekehrt. Die Verluste der Union kommen nicht ihrem sozialdemokratischen Koalitionspartner zugute, und die Gewinne der AfD gehen nicht zulasten der anderen Kraft am Rande, der Partei Die Linke – im Gegenteil. Der Anteil der SPD ist um mehr als ein Viertel geschrumpft, derjenige der Postkommunisten um mehr als ein Viertel gestiegen. Was paradox anmutet: Diese Parteien vom «Rand» finden mehr Zuspruch als jene von der «Mitte».Die CDU unter ihrem unbeliebten Kanzler Friedrich Merz, der nach der Bundestagswahl zentrale Versprechen wie das Festhalten an der Schuldenbremse gebrochen hat, enttäuscht die Erwartungen ihrer Anhänger in jeder Hinsicht. Das Festhalten an der «Brandmauer» verfängt selbst bei der eigenen Klientel immer weniger, sind doch Schnittmengen zwischen Union und AfD erkennbar.Der Koalitionspartner SPD versteht sich mitunter als Bremser, und zwar durch eine Orientierung an der linken «Basis». Die Arbeiterschaft, die einstige Stammklientel der Partei, wandert infolgedessen in Scharen zur AfD ab. Wenn Lars Klingbeil kurz vor den Septemberwahlen die Einleitung eines Verbotsverfahrens gegen die AfD als «eine demokratische Pflicht zum Schutz unseres Landes» ansieht, kommt dies einem Offenbarungseid gleich. Die Partei weiss, wogegen sie sein will. Doch weiss sie, wofür?Die Brandmauer stärkt die AfDDer Höhenflug der ausgegrenzten AfD geht weniger auf ihre Leistungen zurück, da sie nirgendwo politische Verantwortung trägt und in den sozialen Netzwerken mit ihrer «patriotischen Wende» das «Blaue vom Himmel» versprechen kann. Die Brandmauer (was für ein martialischer Terminus) schwächt sie nicht, sondern stärkt sie. Durch Vetternwirtschaft ausgelöste Affären scheinen an ihr ebenso abzuperlen wie interne Konflikte.Die Linke profitiert auch vom schlechten Erscheinungsbild der Bundesregierung. Hinzu kommen drei innerparteiliche Vorgänge: der antifaschistische Furor nicht nur gegen die AfD, etwa bei der Fraktionsvorsitzenden im Bundestag Heidi Reichinnek; das Ausscheiden der Wagenknecht-Richtung, wodurch interne Konflikte zurückgegangen sind; die durch den Zustrom vieler junger Mitglieder bedingte Radikalisierung, etwa bei der Bewertung des Nahostkonflikts.Die Grünen haben seit der Bundestagswahl 2025 an Statur gewonnen. Sie erkennen zunehmend ihren Fehler, dass sie nämlich die Lebenswirklichkeit vieler Wähler verkannt haben und keineswegs alarmistisch auf Klimaschutz setzen sollten wie früher. Zudem streben sie auf Bundesebene ein Bündnis mit der Union an, nicht mit der schwächelnden SPD. Das zahlt sich nun aus, allerdings weniger im Osten des Landes.Hingegen gelangen die FDP und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) auf keinen grünen Zweig. Innere Zwistigkeiten lähmen jede Aufbruchstimmung. Dem Flügel um den 74-jährigen FDP-Vorsitzenden Wolfgang Kubicki werden Rechtslastigkeit und mangelnde Innovationsfähigkeit vorgeworfen. Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt dürfte die FDP ihr letztes Ministeramt auf Landesebene verlieren.Die Wahlen im kleinen Sachsen-Anhalt gelten wegen der möglichen absoluten Mandatsmehrheit für die AfD als Zäsur, als eine Art Zeitenwende – weit über die Region hinaus: Das politisch polarisierte Land ist in Aufruhr. Die Partei verfügt – anders als sonst – mit dem 35-jährigen Ulrich Siegmund über einen smarten Spitzenkandidaten – dieser versteht seine Anliegen gewinnend zu «verkaufen». Demgegenüber fällt der zwar solide, aber ganz und gar nicht charismatische Ministerpräsident Sven Schulze (CDU, seit Januar 2026) ab. Ohne AfD-Mehrheit könnte die CDU mit allen anderen Fraktionen eine Minderheitsregierung bilden, geduldet von der Partei Die Linke. Obwohl die CDU behauptet, sie halte an dem Unvereinbarkeitsbeschluss von 2018 fest, steht er mit Blick auf die Linke nurmehr auf dem Papier.Bei einer parlamentarischen Repräsentanz des BSW, das gegen die Brandmauer aufbegehrt, verfügte weder die AfD noch deren Konkurrenz unter Umständen über eine Mandatsmehrheit. Schulze bliebe zunächst geschäftsführender Ministerpräsident, ehe Neuwahlen wohl unvermeidlich würden.Die Gretchenfrage lautet: Kann die AfD angesichts der internen und externen Hemmnisse wirklich ein Interesse an einer Alleinregierung haben? Und ist der CDU die Führung einer heterogenen «Gegen rechts»-Regierung zu wünschen?Gute Chancen für Manuela SchwesigIn Mecklenburg-Vorpommern liegt zwar die AfD mit Leif-Erik Holm vor der SPD, aber längst nicht so weit, als gäbe es eine Machtoption für sie. Insofern spricht viel für eine Fortsetzung der Ministerpräsidentschaft Manuela Schwesigs, die über eine grosse Popularität verfügt und 2021 für die SPD sagenhafte 39,6 Prozent erlangte. Allerdings dürfte es für eine Weiterführung des Bündnisses mit der Partei Die Linke arithmetisch nicht reichen. Gelänge den Grünen erneut der Einzug in den Landtag, liesse sich vielleicht eine rot-rot-grüne Koalition schmieden. Im anderen Fall müsste die SPD mit der CDU eine Minderheitsregierung bilden, toleriert von der Partei Die Linke. Die Zeit der auf Mehrheiten basierenden Zweierkoalitionen (Schwarz-Gelb, Schwarz-Rot, Rot-Rot, Rot-Schwarz) dürfte in Mecklenburg-Vorpommern nun vorbei sein. Ein einstelliges CDU-Resultat entspräche ihrem schlechtesten seit 1951 in einem Bundesland.In Mecklenburg-Vorpommern spricht viel für eine Fortsetzung der Ministerpräsidentschaft Manuela Schwesigs (rechts), die über eine grosse Popularität verfügt.Annegret Hilse / ReutersIm einst geteilten Berlin, mit fast vier Millionen Einwohnern grösser als Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zusammen, fällt die Fragmentierung besonders gravierend aus. Vier Parteien (CDU mit Stefan Evers, die Grünen mit Werner Graf, Die Linke mit Elif Eralp, die AfD mit Kristin Brinker) kämpfen um Platz 1. Dahinter folgt die SPD mit Steffen Krach. Schon aus arithmetischen Gründen bietet sich nur ein Dreierbündnis an. Ob die SPD und die Grünen mit der CDU oder der Partei Die Linke koalieren, hängt von Unwägbarkeiten ab: Sollte die CDU die stärkste Kraft sein, könnten die beiden Parteien ein Bündnis mit den Postkommunisten eingehen. Läge dagegen Die Linke vorn, präferierten sie unter Umständen ein solches mit der CDU.Einseitige MedienWas mich als Extremismusforscher besonders stört: Zwar kursieren in der AfD extremistische Positionen; diese bestimmen aber nicht ihr Gesamtbild. Trotzdem bezeichnen manche Medien sie generell – wohl mit abschreckender Absicht – als «extremistisch» und unterschlagen so, dass der Verfassungsschutz die Partei in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin weder als «gesichert rechtsextremistisch» noch als «rechtsextremistischer Verdachtsfall» einstuft. Leif-Erik Holm und Kristin Brinker sind keine «Radikalinskis». Hingegen gilt die AfD in Sachsen-Anhalt als «gesichert rechtsextremistisch», wobei die Verfassungsschutzbehörde als ein Teil des Innenministeriums fungiert.In Berlin etwa, keineswegs in Sachsen-Anhalt, steht die dortige radikale Linke mit den Prinzipien des demokratischen Verfassungsstaates eher auf Kriegsfuss als die AfD, nicht nur wegen ihrer «Enteignungsphantasien», sondern auch wegen antisemitischer Tendenzen. Was irritiert: Obwohl der frühere, 2018 abgesetzte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen sein Interesse am Amt des sachsen-anhaltischen Innenministers unter einem AfD-Ministerpräsidenten bekundet hat, hält sich die Partei bedeckt. Traut sie ihm nicht über den Weg?Nach den Septemberwahlen dürften Bärbel Bas und Lars Klingbeil den SPD-Vorsitz aufgeben (müssen). Solche Revirements nützen allerdings wenig, wenn mit ihnen nicht zugleich ein inhaltlicher Wandel einhergeht, etwa im Sinne eines Engagements gegen staatliche Bevormundung.Was CDU und SPD in den Ländern eint: Sie gehen jeweils auf Distanz zu der von ihnen gemeinsam getragenen Bundesregierung. Der Aderlass bei diesen Parteien ist immens: Die Zahl ihrer Mitglieder geht von Jahr zu Jahr zurück. Ende 2025 gehörten der CDU 356 769 Personen an (Ende 1995: 657 643), der SPD 348 451 (Ende 1995: 817 650). Das entspricht einer Halbierung. 2027 folgt mit fünf Landtagswahlen in den alten Bundesländern ein neues «Superwahljahr». Welche Partei wird dann mit welchen Mitteln einen nötigen Kurswechsel schaffen?Eckhard Jesse ist Extremismus-, Parteien- und Wahlforscher und lehrte von 1993 bis 2014 an der Technischen Universität Chemnitz. Er ist Mitherausgeber des «Jahrbuchs Extremismus & Demokratie».27 KommentareHartmut Kientz 03.09.20261 EmpfehlungObwohl Rentner werde ich mir kommenden Montag den Wecker stellen um rechtzeitig festzustellen ob die Welt untergegangen ist oder zumindest die meisten EU Regierungschefs ihre “ tiefe Besorgnis”über ein Wahlergebnis in der ostdeutschen Provinz verkünden.
Vor den Landtagswahlen: AfD auf Rekordkurs, Koalitionen wanken
CDU und SPD sind im Sinkflug, AfD und Linke legen zu. Das erschwert die Bildung von homogenen Koalitionen.















