KommentarDieser Hitzesommer zeigt: Weil die Gletscher verschwinden, müssen wir mehr Staudämme bauenDie Alpen gelten als Refugium für Ausflügler und Touristen. Durch die Gletscherschmelze und den Wassermangel bei Hitzewellen könnten sie aber eine viel wichtigere Bedeutung erlangen – vorausgesetzt, ihre Bewohner handeln.02.09.2026, 05.35 Uhr5 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDass etwas nicht mehr stimmt, deutete sich bereits an, als der Zermatter Bergführer Harry Lauber Anfang Sommer ein aussergewöhnliches Foto des Matterhorns veröffentlichte. Zu sehen war, wie sich Sturzbäche und Wasserfälle über die Nordwand des Matterhorns ergiessen. Erst hielt man Laubers Foto für das Produkt einer künstlichen Intelligenz, dann verneinte der 78-Jährige und sagte, das Bild habe er von seinem Haus aus gemacht. Und gesehen habe er solche Wasserfälle erst ein einziges Mal. 2022 sei das gewesen, im letzten Hitzesommer.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenige Wochen danach – mitten in der Hauptsaison – rieten die Zermatter Bergführer eindringlich von Touren auf das Matterhorn ab. Die Hitze mache den ausgeaperten Berg unberechenbar, sagten sie. Später im Sommer mussten die Bergbahnen Zermatt das Sommerskigebiet auf dem Theodulgletscher für Touristen schliessen. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren. Erst hofften begeisterte Skifahrer noch, dass man ja nach Saas-Fee, ins Nachbartal, ausweichen könne. Aber binnen weniger Tage wurde der Gletscher auch dort geschlossen. Vielerorts in den Mulden hatten sich Schmelzwassertümpel gebildet. Das Skigebiet sah aus wie eine Badelandschaft.Man kann diese Bilder ignorieren, verdrängen oder als Episoden eines Hitzesommers abtun. Oder man fragt sich, was all das langfristig bedeutet. Der Klimawandel zwingt den Bergregionen neue Prioritäten auf.Die Gletscherschmelze ist nicht mehr bloss ein Problem für den Tourismus, sondern eines für das ganze Land. Das Schmelzwasser aus den Hochalpen speist vielerorts Trinkwasserleitungen. Die Industrie und vor allem die Landwirtschaft sind darauf angewiesen, dass auch im Hochsommer ausreichend Wasser zur Verfügung steht. Die Schweizer Gletscher sind in jeder Hinsicht systemkritisch.Künftig ist nicht mehr entscheidend, ob die Sommerskigebiete auf den Walliser Gletschern rentieren. Oder Touren auf das apere Matterhorn zu gefährlich sind. Politik und Gesellschaft müssen sich fragen, wie das Schmelzwasser künftig genutzt und vor allem gespeichert werden soll.Die Alpen sind eine verklärte LandschaftDie Berge müssen zu einem strategischen Raum werden. Auch wenn die Bilder von schmelzenden Gletschern vor allem deshalb schmerzen, weil die Alpen seit den Tagen der Alten Eidgenossenschaft eine Projektionsfläche sind. Sie gelten als Ursprung der Nation, ihre Topografie als Sinnbild der Schweiz. In der Kargheit der alpinen Böden wurzeln guteidgenössische Tugenden wie Bescheidenheit und Freiheitsliebe.Selbst im Zeitalter der Dienstleistungsgesellschaft wirken diese Erzählungen nach. Die Alpen werden zum Reduit einer ursprünglichen Schweiz verklärt und entsprechend beworben.Vor hundert Jahren beschrieb Charles-Ferdinand Ramuz in «Sturz in die Sonne» die Schweiz am Vorabend des Weltuntergangs. Am Ende der Handlung fliehen die Menschen in die «dritte Dimension», in die Berge. Dort oben, so die Hoffnung der Flüchtlinge, finde man Zuflucht, wie in einer zweiten Arche Noah.Der Weltuntergang steht derzeit nicht bevor, doch auch diesen Sommer flohen etliche Ausflügler und Touristen vor der Hitze in die Berge. Die Schweizer Seilbahnen verzeichneten im Fünfjahresschnitt fast 30 Prozent mehr Eintritte. Doch dieser Boom täuscht.Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Alpen von den Auswirkungen des Klimawandels nicht verschont bleiben, wie die Flüchtlinge bei Ramuz glaubten. Im Gegenteil. Das Refugium, das er beschreibt, bröckelt.Der Temperaturanstieg in der Schweiz ist gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter doppelt so hoch wie im globalen Mittel. In den Alpen akzentuiert sich diese Entwicklung. Die Winter werden wärmer, die Sommer heisser und die Gletscher kleiner. Die Zahl der Murgänge und Felsstürze nimmt zu. Schon Mitte des Jahrhunderts dürften laut einer Studie des National Centre for Climate Services 50 bis 90 Prozent der Gletscher verschwunden sein. Darauf müssen sich die Bergregionen vorbereiten – nicht bloss auf die nächste Saison.Staudämme als künstliche GletscherImmer und immer wieder wird die Schweiz als das Wasserschloss Europas bezeichnet, die Alpengletscher sind noch immer ihr grösstes Wasserreservoir. Doch wenn die Gletscher verschwunden sind, fehlen diese natürlichen Speicher. Es braucht Alternativen, und das kann für die Bergregionen zu einer Chance werden.Die Staudämme in den Alpen sind bis anhin das Rückgrat der Schweizer Stromproduktion. In Zukunft werden sie auch in anderen Bereichen an Bedeutung gewinnen: für die Wasserversorgung des ganzen Landes.Ideen, wie dieses Wassermanagement aussehen könnte, gibt es seit langem. Forscher der ETH Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) lancierten in einer Studie bereits vor zehn Jahren ein – wie sie selbst sagten – «provokantes» Gedankenexperiment: Könnten Staudämme die schwindenden Gletscher ersetzen?Die Forscher erklärten, dass zwei Drittel der fehlenden Wassermenge aus den Alpen im Sommer durch Dämme und künstliche Speicherseen kompensiert werden könnten. Wenigstens theoretisch.In der Praxis ist alles komplizierter. Der Ausbau der Wasserkraft ist seit Jahren blockiert – und das, obwohl sich ein runder Tisch aus Umweltverbänden, Stromproduzenten und Politikern auf eine ganze Liste von Projekten geeinigt hat. Die Grande Dixence ist der letzte grosse Staudamm, der in der Schweiz eingeweiht wurde. Das war in den 1960er Jahren.Als Reaktion auf diese Flaute sucht das Umweltdepartement von Albert Rösti nach neuen Projekten. Die Alpiq schlägt in diesem Zusammenhang vor, die Staumauer der Grande Dixence im Wallis zu erhöhen. Das ist der richtige Ansatz, Kantone und Gemeinden müssen nun nach geeigneten Standorten für neue Staudämme oder Ausbauprojekte für bestehende Anlagen suchen. Aber das allein reicht noch nicht.Schon im Mai hat der Verband der Schweizer Wasserversorger dem Bund ein Papier vorgelegt und ein nationales Wassermanagement gefordert. Geht es nach den Wasserversorgern, soll künftig der Bund – und nicht wie heute die Gemeinden und die Kantone – die Führung übernehmen. Jürg Grossen, Präsident der GLP, erklärte unlängst, die Pläne des Bundesrates für das Wassermanagement seien «zu wenig weitgehend». Auch die Grünen verlangen seit Jahren eine Kompetenzverschiebung zugunsten des Bundes.Den Gebirgskantonen droht damit ein massiver Souveränitätsverlust. In den nächsten Jahren wird der Heimfall ausgelöst, und etliche Kraftwerke gehen in ihren Besitz über. Viele Kantone erhoffen sich davon einen Geldsegen und wähnen sich in einer verheissungsvollen Position. Doch das ist trügerisch. Der Druck auf sie wird steigen.In den kommenden Diskussionen zum Wassermanagement braucht es ein Umdenken erst in den Bergregionen und dann im ganzen Land. Bis anhin gelten Staudämme als klobige Infrastruktur für die Stromproduktion. Das muss sich ändern, denn Staudämme werden künftig multifunktional genutzt. Für die Energieproduktion, die Landwirtschaft, die Trinkwasserversorgung und den Hochwasserschutz. Es gilt, Interessen des Landschafts- und Naturschutzes gegen die Notwendigkeit einer sicheren Wasserversorgung abzuwägen. Nach diesem Sommer darf Versorgungssicherheit nicht mehr bloss bedeuten, dass die Stromversorgung sichergestellt wird. Der Begriff muss künftig auch auf die Wasserversorgung angewandt werden.Unterhalb des Aletschgletschers, des grössten Wasserspeichers der Alpen, liegt der Gebidem-Stausee. Im Hitzesommer 2022 mussten die Betreiber ständig Wasser über die Mauer ablassen, weil die Schmelzwassermengen zu gross, die Speicherkapazitäten aber viel zu klein waren. Der Fluss unterhalb der Mauer ist eigentlich ein kleiner Bach. 2022 flossen phasenweise aber 120 Kubikmeter pro Sekunde ab, was ungefähr dem Abfluss der Aare in Bern entspricht. Bloss dass dieser Abfluss in einer engen Schlucht liegt. In diesem Sommer war der Überfluss beim Gebidem-Staudamm laut der Alpiq sogar noch grösser.Schon im Hitzesommer 2022 lag unter dem Titel «Oberaletsch» ein Projekt vor, um diese Verschwendung zu verringern. Inzwischen wurde das Projekt redimensioniert. Es heisst nun «Oberaletsch Klein».Die Tatsache, dass dieses und weitere Projekte nicht vorankommen, zeigt: Es darf in den kommenden Diskussionen nicht mehr nur darum gehen, wie viel Terawattstunden ein Projekt einbringt. Sondern darum, wie viel Wasser pro Hitzesommer verschwendet wird, wenn es nicht gebaut wird.23 KommentareUrs Fahrni 03.09.20261 Empfehlung… und wer nimmt jetzt den regulatorischen „Staudamm-Express“ auf… schon die 16 „BR-Rösti-Staudämme“ werden im Klein-Klein verhackt.
Neue Prioritäten nach dem Hitzesommer: Staudämme als künstliche Gletscher
Die Alpen gelten als Refugium für Ausflügler und Touristen. Durch die Gletscherschmelze und den Wassermangel bei Hitzewellen könnten sie aber eine viel wichtigere Bedeutung erlangen – vorausgesetzt, ihre Bewohner handeln.







