Die Zahnbürste kann jetzt auch filmen: Der Staubsauger-Guru James Dyson schickt sich an, den Mund zu erobernDer britische Unternehmer hat die Leute dazu gebracht, deutlich mehr Geld für Staubsauger, Haartrockner oder Luftreiniger auszugeben. Jetzt will er die Mundhygiene revolutionieren. Protokoll der Entwicklung einer Hightech-Zahnbürste.01.09.2026, 16.21 Uhr5 LeseminutenDer Tüftler und Unternehmer James Dyson redet auch mit 79 noch viel mit bei neuen Produkten.David VintinerZähneputzen ist für Alessandra Pennetta eine Passion. «Die meisten Menschen glauben, dass sie ihre Zähne gründlich putzen», sagt die Italienerin, «tun sie aber nicht.» Rechtshänder putzten zum Beispiel fast immer die linke Seite gewissenhafter, erklärt sie. Diesen will sie beibringen, wie man das Gebiss gründlich reinigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Pennetta ist Expertin für Mundhygiene. Sie hat fünfzehn Jahre in der klinischen Forschung gearbeitet. Jetzt steht die Zahnmedizinerin in einem schlichten Raum in einer der oberen Etagen des Forschungszentrums von Dyson in Singapur. «Oral Care Lab» steht auf einem kleinen Schild neben der Tür. An der Wand hängt ein Waschbecken mit einer kleinen Kamera. Daneben steht ein Monitor.Tausende Menschen haben sich während der vergangenen Jahre hier in Pennettas Beisein zu Testzwecken mit einer neuartigen elektrischen Bürste die Zähne geputzt. Die Italienerin hat dabei auf dem Bildschirm jede Bewegung genau verfolgt. Pennetta sagt: «Es ist so interessant, Menschen beim Zähneputzen zuzuschauen.»Mithilfe der vielen Probanden wollte Dyson herausfinden, «wie die Menschen mit der Bürste interagieren», wie Pennetta es formuliert, um das etwas klobige Reinigungsgerät nötigenfalls anpassen zu können: eine Hightech-Zahnbürste mit dem Namen Dyson Camera Jet.Dyson hat in das Gerät einen kleinen Tank für Mundspülung integriert. 12,5 Milliliter fasst der Behälter. Ein harter Wasserstrahl soll die gründliche Reinigung der Zahnzwischenräume gewährleisten. Und natürlich kann der Nutzer seine Dyson Camera Jet mit dem Internet verbinden. Das Video, das eine integrierte Minikamera vom Putzen macht, kann er auf sein Handy schicken. Ob das anschliessende Anschauen des Filmchens neue Erkenntnisse liefert, sei dahingestellt.Bislang war Dyson für seine Staubsauger, Haartrockner und Luftreiniger bekannt. Am Dienstag lancierte das Familienunternehmen seine neue Produktkategorie Mundhygiene. Wie immer bei der Präsentation neuer Produkte stand der Gründer James Dyson mit seinen 79 Jahren selbst auf der Bühne und führte durchs Programm.Dyson hat seinen Hauptsitz in einem ehemaligen Kohlekraftwerk, der St. James Power Station, in Singapur.Bryan van der Beek / BloombergUnd wie immer, wenn Dyson sich auf Neuland begibt, muss das neue Produkt, wenn es das Licht der Öffentlichkeit erblickt, alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. «Wir haben in der Vergangenheit bei der Mundhygiene erst an der Oberfläche dessen gekratzt, was möglich ist», sagt Rich Bacon, Chef der Produktentwicklung bei Dyson. Die Technologie habe sich seit den 1980er Jahren nicht mehr weiterentwickelt.Produktentwicklung in einem früheren ElektrizitätswerkSechs Jahre lang haben die Tüftler bei Dyson an ihrer intelligenten Zahnbürste gearbeitet. Begonnen haben die Entwickler mit ihrer Arbeit in Malmesbury in Grossbritannien, wo James Dyson das Unternehmen 1991 gründete. Doch schon nach kurzer Zeit übergaben sie das Projekt an die Kollegen in Singapur, wohin die Firma 2019 den Stammsitz verlegt hat.Die St. James Power Station ist ein klobiger vierstöckiger Bau aus rotem Backstein an der Hafenfront in Singapur. Nach der Eröffnung im Jahr 1926 diente das Gebäude als Elektrizitätswerk für die Stadt. Später zog ein Nachtklub ein. Heute unterhält Dyson in den denkmalgeschützten Hallen achtzehn Forschungslabors. Die grossen Fenster sorgen für viel Licht in den offenen Büros, reichlich Grünpflanzen verleihen den Räumen eine entspannte Atmosphäre.Die Daten der Dyson-Designer aus Grossbritannien landeten in einem Labor in der dritten Etage der St. James Power Station, dort, wo Dyson bei Neuentwicklungen die Prototypen fertigt.Hightech für die Mundhöhle: Die Dyson-Zahnbürste kann den Putzvorgang filmen.PDAn einer Wand des Labors stehen sechs 3-D-Drucker. Sie hätten zunächst jedes Teil am Bildschirm studiert, erzählt ein Entwickler, dann hätten sie die Komponenten separat gegossen. Anschliessend setzten die Ingenieure sie zu einer Zahnbürste zusammen – der erste Prototyp war fertig. Damit habe man sich bereits die Zähne putzen können, sagt der Entwickler. Doch es war nicht der letzte. Wieder und wieder testeten sie die Zahnbürste. Bei manchen neuen Produkten fertigt Dyson tausend Prototypen, ehe die Serienproduktion anläuft.Manchmal nervt der GründerBei der Entwicklung eines neuen Produktes geht ohne James Dyson nichts. Der Gründer mischt sich ständig ein, an wöchentlichen Reviews lässt er sich von den Ingenieuren über den Fortgang unterrichten. Der alte Dyson könne nerven, erzählen sie in Singapur.Besonders schwierig sind die Diskussionen mit dem Gründer, wenn es um die Farbgebung für ein neues Produkt geht. Manchmal schickt der knorrige Senior die Designer gleich wieder weg, mit dem Auftrag, in sechs Wochen mit einem neuen Vorschlag zu kommen. Schwarz, das wissen sie bei Dyson inzwischen, akzeptiert er nie. Die neue Zahnbürste kommt – nach langen Diskussionen – nun in Blau daher.Wirklich zufrieden ist Dyson aber erst, wenn ein neues Produkt einwandfrei funktioniert, auch über einen langen Zeitraum hinweg. In Singapur haben die Entwickler die neue Bürste darum aufwendigen Dauertests unterzogen.In einem der Labore in Singapur stehen dazu mehrere Industrieroboter. Die Arme halten jeweils eine Zahnbürste und führen sie auf ein in einem Metallgestell fixiertes Gebiss aus Plastik. Dann schiesst die Bürste ihren Wasserstrahl durch die Zahnzwischenräume. Sensoren dahinter melden, ob der Strahl jede Lücke getroffen hat. Danach lassen die Tester die Bürste 120 Stunden lang auf dem Gebiss aus Plastik rotieren. Ein Bürstenkopf müsse mindestens sechs Monate halten, erklärt ein Dyson-Ingenieur.Besonders stolz sind die Entwickler auf die Kamerafunktion der neuen Zahnbürste. Verbindet der Nutzer das Gerät mit dem Internet, leuchtet am Hals der Bürste eine kleine Lampe – das sogenannte Live-Viewing ist aktiviert. Jetzt kann er sich in der My-Dyson-App beim Zähneputzen zuschauen. Nach dem Putzen liefert die App die Videoanalyse: Sind die Zwischenräume sauber? Sind alle Zähne geputzt?Die Dyson-App speichert die Daten für eine Woche. Danach bekommt der Nutzer, ähnlich wie bei einer Fitness-App, ein Protokoll. Das Unternehmen hat keinen Zugriff auf die Daten.Ein High-End-Produkt für einen High-End-PreisMit den Zahnbürsten will Dyson nach den Staubsaugern, Föhnen und Luftreinigern eine weitere Einnahmequelle erschliessen. Die Firma könnte den zusätzlichen Umsatz gut brauchen, denn in letzter Zeit lief das Geschäft schleppend. Im vergangenen Jahr schrumpfte der Umsatz um 6,7 Prozent auf 6,13 Milliarden Pfund. Einer der Gründe für das Minus waren Trumps Zölle auf Importe in die USA.Jetzt müssen nur noch die Konsumenten mitmachen. Ein High-End-Produkt muss natürlich einen High-End-Preis haben. Und so kommt die Dyson Camera Jet inklusive Ladestation, Reise-Etui, Zahnpasta und Mundspülung zu einem Preis von 479 Franken in den Handel. Es fragt sich, wer sich für einen derart hohen Preis eine Zahnbürste zulegen wird, Hightech hin oder her. Diese Frage kam allerdings auch schon früher bei der Lancierung der anderen Dyson-Produkte auf.Mit einem Roboter testet Dyson, wie lange die Zahnbürsten gebraucht werden können.PDPassend zum Artikel
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