Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Weltraum ist Russland längst keine Weltmacht mehr. Zwar betreibt das Land ein eigenes Satellitennavigationssystem und schickt immer noch regelmässig Kosmonauten zur Internationalen Raumstation. Doch die Zahl der Raketenstarts hat einen historischen Tiefstand erreicht. Seit Beginn der 2020er Jahre hat Russland weniger Raketen ins All geschossen als die amerikanische Firma SpaceX im Jahr 2025.Auch bei den Satellitenkonstellationen befindet sich Russland im Rückstand. Bis jetzt sucht man vergebens nach einem russischen Pendant zum amerikanischen Starlink-Netzwerk, das mittlerweile mehr als zehntausend Satelliten umfasst.Das soll sich nun ändern. Vor einigen Monaten hat Russland damit begonnen, ein satellitengestütztes Kommunikationssystem aufzubauen, das im ganzen Land einen breitbandigen 5G-Zugang zum Internet gewährleisten soll. Das Netzwerk namens Rasswet (Morgendämmerung) soll bereits 2027 den kommerziellen Betrieb aufnehmen. Ob dieser Termin eingehalten werden kann, ist allerdings fraglich.Ein Netzwerk für zivile und militärische ZweckeEntwickelt wurde Rasswet vom Bureau 1440. Dabei handelt es sich um ein staatlich gefördertes, privates Raumfahrtunternehmen, das manchmal mit SpaceX verglichen wird. Offiziell soll Rasswet zivilen Zwecken dienen. Doch die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg zeigen, dass die zivile und die militärische Nutzung von Satellitenkonstellationen kaum voneinander zu trennen sind.So nutzt die Ukraine das zivile Starlink-Netzwerk von SpaceX zum Beispiel, um Videosignale von Aufklärungsdrohnen in Echtzeit an Artilleriestellungen zu übermitteln. Starlink erlaubt es, Angriffsdrohnen präzise ins Ziel zu steuern. Und es hilft der Ukraine, die Kommunikation zwischen verschiedenen Truppenteilen an der Front auch dann aufrechtzuerhalten, wenn der Strom ausfällt.«Die Satellitenkommunikation ist im Kriegsfall ein echter Enabler», sagt Andreas Knopp von der Universität der Bundeswehr in München. Das habe auch Russland erkannt.Russland hat langjährige Erfahrungen mit der Satellitenkommunikation. Allerdings nutzte das Land in der Vergangenheit hauptsächlich geostationäre Satelliten, die stets über einem festen Punkt des Äquators stehen. Das hat verschiedene Nachteile.Zum einen brauchen Signale eine gewisse Zeit, um die 36 000 Kilometer zur Erde zu überbrücken. Diese Verzögerungen von bis zu einer halben Sekunde verhindern Echtzeitanwendungen wie die Steuerung von Drohnen. Zum anderen stehen geostationäre Satelliten umso flacher am Himmel, je weiter man sich nach Norden bewegt. In den nördlichen Regionen Russlands verschwinden sie hinter dem Horizont oder werden von Bergen bedeckt.Mit Rasswet liessen sich diese Probleme umgehen. Die Kommunikationssatelliten sollen die Erde in einer Höhe von 800 Kilometern umkreisen (dazu später mehr). Damit fliegen sie etwas höher als die meisten Starlink-Satelliten von SpaceX.Der grösste Unterschied ist allerdings, dass die Bahnen der Rasswet-Satelliten viel stärker gegen den Äquator geneigt sind. Sie fliegen fast in Nord-Süd-Richtung um die Erde und decken damit auch die polaren Regionen Russlands ab. Die Mehrzahl der Starlink-Satelliten pendelt zwischen dem 53. nördlichen und dem 53. südlichen Breitengrad. Aus kommerzieller Sicht ist das sinnvoll, weil in diesem Streifen die meisten Menschen auf der Erde leben.2023 sammelte das Bureau 1440 erste Erfahrungen mit drei Testsatelliten. Ein Jahr später fand ein zweiter Test statt. Die mit Laserterminals ausgestatteten Satelliten tauschten untereinander Datenpakete per Licht aus. Auch die neueren Satelliten von SpaceX sind dazu in der Lage. Für Rasswet ist die optische Kommunikation zwischen den Satelliten matchentscheidend. Denn man muss dann weniger Bodenstationen bauen. Das ist vor allem in den dünn besiedelten Regionen Russlands ein entscheidender Vorteil.Der eigentliche Startschuss für Rasswet erfolgte im März dieses Jahres. Eine Sojus-2-Rakete beförderte 16 Satelliten – jeder mit einer Masse von 370 Kilogramm – ins All. Im Juli folgten 16 weitere Satelliten. Beide Raketenstarts erfolgten vom Kosmodrom Plessezk. Dieser Weltraumbahnhof liegt im hohen Norden Russlands und eignet sich deshalb besonders gut, Satelliten in eine polare Umlaufbahn zu schiessen.Das Bureau 1440 hat für dieses Jahr weitere Raketenstarts angekündigt. Laut Plan sollen bis Ende des Jahres 156 Satelliten um die Erde kreisen. Bis 2027 sollen es bereits 292 sein. Das gilt als Schwelle für den Betriebsbeginn. Bis 2035 soll Rasswet mehr als 900 Satelliten umfassen. Für die militärischen Ziele Russlands mag das genügen. Von einem russischen Pendant zu Starlink zu sprechen, ist aber irreführend. Das Starlink-Netzwerk von SpaceX besteht schon jetzt aus mehr als 11 000 Satelliten. Auch China denkt in ähnlichen Dimensionen.Russland ist im Weltraum auf fremde Hilfe angewiesenDer Satellitenexperte Andreas Knopp hält die Pläne Russlands für äusserst ambitioniert. «Damit das System 2027 in Betrieb gehen kann, muss alles reibungslos funktionieren, und die Technologie muss verfügbar sein.» Das sei unrealistisch. Auch bei Starlink sei am Anfang einiges schiefgegangen.Knopp bezweifelt, dass Russland technologisch in der Lage ist, ein solches Satellitennetzwerk alleine zu bauen. Das Land leidet unter den Wirtschaftssanktionen. Juri Borissow, damals stellvertretender Verteidigungsminister, bezeichnete die russische Elektronikindustrie 2023 als Achillesferse der Raumfahrt. Besonders bei hoch zuverlässigen und strahlungsfesten Halbleiterkomponenten bestehen Engpässe. Russland ist deshalb verstärkt auf Importe angewiesen – unter anderem aus China. Das schafft neue Abhängigkeiten.Der Start von Rasswet bestätigt die Bedenken von Knopp. Bisher hat keiner der 32 Satelliten die vorgesehene Umlaufbahn in einer Höhe von 800 Kilometern erreicht. Die im März ausgesetzten Satelliten kreisen in einer Höhe von 500 bis 550 Kilometer um die Erde, einer ist in die Erdatmosphäre gestürzt.Möglicherweise sei die niedrigere Umlaufbahn gewollt, so spekuliert Knopp. Je niedriger ein Satellit fliegt, desto geringer ist die Entfernung zur Bodenstation und damit die erforderliche Sendeleistung für eine stabile Verbindung. Allerdings bleibe ein niedrig fliegender Satellit von einem bestimmten Ort aus nur relativ kurz sichtbar, gibt Knopp zu bedenken. Für eine dauerhafte Abdeckung seien deshalb mehr Satelliten erforderlich.Definitiv nicht gewollt ist, was mit der zweiten Charge von Rasswet-Satelliten passiert ist. Diese dümpeln in einer Höhe von 310 bis 330 Kilometern um die Erde, 200 Kilometer tiefer als geplant. Das deute auf Schwierigkeiten hin, die Umlaufbahnen der Satelliten anzuheben, sagt Knopp. Manche der Satelliten sinken sogar ab. Deshalb dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie in der Erdatmosphäre verglühen.Selbst ohne diese Schwierigkeiten ist es kaum vorstellbar, dass Bureau 1440 bis Ende des Jahres 156 Satelliten im Weltraum aussetzt. Dafür wären mindestens acht weitere Starts einer Sojus-2-Rakete erforderlich. Bisher gab es in diesem Jahr zehn Raketenstarts in Russland. Rechnet man das aufs Jahr hoch, müssten alle weiteren Starts für den Ausbau von Rasswet reserviert werden. Das wird nicht passieren. Russland braucht seine wenigen Raketen auch für andere Zwecke, etwa für die Modernisierung seines Satellitennavigationssystems Glonass.Auch in dieser Hinsicht hinkt der Vergleich mit dem Starlink-Netzwerk. Von den 165 Falcon-9-Raketen, die SpaceX im letzten Jahr gestartet hat, transportierten 123 Starlink-Satelliten ins Weltall. Von solchen Verhältnissen kann Russland nur träumen.Die Ukraine sabotiert das russische RaumfahrtprogrammAuch wenn Rasswet bis 2027 noch nicht voll einsatzfähig sein dürfte, macht man sich in der Ukraine Sorgen wegen der Entwicklung. So wies ein ukrainischer Experte für Satellitenkommunikation kürzlich warnend darauf hin, dass es schon jetzt täglich zwei oder drei «Kommunikationsfenster» mit einer Dauer von jeweils einer Stunde über der Ukraine gebe. Russland könne diese Fenster theoretisch für gezielte Drohnenangriffe nutzen.Vor diesem Hintergrund versteht man, warum die Ukraine kürzlich das Raketen- und Raumfahrtzentrum Progress in der Region Samara mit einer Drohne angegriffen hat. In dem Werk werden elektronische Bauteile für die russischen Sojus-2-Raketen hergestellt. Ohne diese Raketen könnte Rasswet nicht ausgebaut werden.Auch das Kosmodrom Plessezk ist wiederholt mit Drohnen angegriffen worden. Der letzte Angriff fand am 23. August statt, nur einen Tag vor dem Start eines russischen Militärsatelliten. Der Angriff konnte abgewehrt werden. Auch hier ist der Zusammenhang mit Rasswet offensichtlich. Eine Beschädigung von kritischer Infrastruktur auf dem Raketenstartgelände würde den Ausbau von Rasswet verzögern und der Ukraine im Krieg mit Russland Luft verschaffen.Passend zum Artikel
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