Auf den ersten Blick sieht alles aus wie immer: In Cap Ferret, dem noblen Ferienort an der Spitze der Halbinsel am Bassin von Arcachon blinzeln die Touristen ins Abendlicht und bestellen noch ein Dutzend Austern, die kleine grüne Schmalspurbahn bringt die Kinder vom Bootsanleger über die schmale Landzunge zur Plage de l’Horizon, wo die Winterstürme ein paar alte deutsche Wehrmachtbunker in die Tiefe gerissen haben. In Le Canon findet wie immer neben der alten Revolutionskanone, die dem Ort ihren Namen gibt, der Sommerrummel mit Autoscooter und Schießständen statt.Die reichen Pariser, die im Juli noch vor den Feuern flohen, parken ihre Range Rover hinter millionenteuren Villen im nostalgischen Fischerhüttenstil, steigen in ihre alten Citroën Méharis oder Mini Mokes und fahren barfuß ins „Sail Fish“ und tanzen wild zu Joe Dassins Siebzigerjahre-Hit „Dans Les Yeux d’Emilie“ und beweisen einmal wieder, dass der absolute Luxus kein Traumhotel, sondern die Abreise in eine Vergangenheit ist, in der Frankreich gerade den TGV und die Concorde erfunden und noch keines der ökonomischen und sozialen Probleme von heute hatte - eine Vergangenheit, die man sich hier mit nostalgischen Playlists und hochglanzpolierten Oldtimern reinszeniert. Über alledem blinkt der Leuchtturm sein charakteristisches rotes Licht über die Kiefernwälder hinweg, und nur manchmal, wenn die Flut zwischen dem Seegras zahllose kleine Kohlestückchen an den Strand treibt, ist noch zu spüren, was hier vor einem Monat passiert ist.Eine Fläche so groß wie Köln ging in Flammen aufZwischen dem 22. Juli und dem 1. August waren bei einem der größten Waldbrände in der Geschichte Frankreichs 42.000 Hektar in Flammen aufgegangen, eine Fläche, die größer als das Kölner Stadtgebiet ist. 220.000 Menschen wurden evakuiert, Hunderte von Häusern brannten ab, vor allem in dem 3500-Seelen-Ort Le Porge, der unter anderem durch die nahe Nudistenkolonie von La Jenny bekannt ist. Wer in diesen Tagen auf die Halbinsel am Bassin fährt, rollt an einer apokalyptischen Landschaft aus verkohlten Kiefernstämmen, abgebrannten Häusern und Autowracks vorbei und wird daran erinnert, dass es, hätte der Wind gedreht, zu einer noch größeren Katastrophe, zur Evakuierung und Zerstörung von Teilen von Bordeaux hätte kommen können. Und während auf der Halbinsel wieder alles seinen spätsommerlichen Gang geht, toben im Hintergrund die politischen Kämpfe. Nächstes Jahr steht in Frankreich die Präsidentenwahl an, und die Brände werden für Bürger wie Politiker zum Sinnbild ganz unterschiedliche Krisen des Landes.Zerstörtes Paradies: Durch die Waldbrände wurden westlich von Bordeaux Hunderte von Häusern zerstört.dpaAls sich Macrons Premierminister Sébastien Lecornu vor zwei Wochen in Le Porge sehen ließ, wurde er als Lügner beschimpft und für seine „Mesurettes“ („Maßnähmchen“) kritisiert. In Le Porge wird behauptet, der Ort sei geopfert worden, um die noblen Ferienorte der Halbinsel von Cap Ferret zu schützen. Dort hatte man wiederum nicht das Gefühl, dass der Staat alles Notwendige tat, um die Halbinsel zu schützen, und wurde selbst aktiv. Es kam zu einem Showdown zwischen dem Bürgermeister von Cap Ferret, Philippe de Gonneville, einem gelernten Zahnarzt, und dem wohl prominentesten und sagenumwobensten Bewohner des Caps, Benoît Bartherotte, dem ehemaligen Chef der Modehäuser Féraud und Jacques Esterel. Bartherotte hatte Mitte der Achtzigerjahre sein Pariser Leben aufgegeben und für sich und seine sieben Kinder ein Grundstück an der Mündung des Bassin d’Arcachon gekauft.Renitente Gallier stehen französischen Superbürokraten gegenüberAls dieses von der Küstenerosion weggerissen zu werden drohte, hatte er auf eigene Faust und ohne Genehmigung Tausende von Lkw-Ladungen Felsen und Beton an die Spitze schütten lassen und so nicht nur sein Grundstück, sondern das gesamte Küstenparadies der Landspitze von Cap Ferret gerettet. Dafür sind ihm viele dankbar; doch in Frankreich, dem Land, das unter Napoleon die moderne staatliche Bürokratie erfand, sorgen solche Alleingänge auch für Unmut.Als die Brände Ende Juli von Norden durch den Wind auf die Halbinsel gedrückt zu werden drohten, ließ Bartherotte wieder auf eigene Faust direkt vor Cap Ferret eine 300 Meter lange Schneise in den staatlichen Kiefernwald schlagen, um spätestens hier die Flammen aufzuhalten. De Gonneville zeigt sich empört: Bartherotte hätte besser sein Geld für eine von der Feuerwehr angelegte Schneise gegeben, die weiter nördlich die gesamte Halbinsel schütze.Der Staat habe jahrelang nichts getan, entgegnet Bartherotte; hätte der Wind brennende Wipfel über die nördliche Schneise nach Süden getragen, wäre ohne seine Schneise ganz Cap Ferret abgebrannt. Zwei Welten krachen hier aufeinander, deren Spannungsfeld das moderne Frankreich prägt: die perfekt organisierte, überausgestattete, schwerfällige französische Bürokratie, die für jeden Detailbereich des Lebens eine Abteilung mit wie hochrangige Würdenträger auftretenden Experten hat – und der antietatistische Widerstandsgeist, die tief sitzende Renitenz, der Uderzo und Goscinny mit „Asterix“ ein Denkmal gesetzt haben. Bartherotte gehört klar zu denen, die ihr gallisches Dorf mit jedem erdenklichen, zentralstaatlich nicht zugelassenen Zaubertrank verteidigen.Verursacher war eine brennende Freischneide-MaschineDoch seine Analyse, dass der Staat viel zu lange untätig war, stimmt. Drei Viertel der Kiefernwälder sind in privatem Besitz, sie wurden im 19. Jahrhundert zur industriellen Holzgewinnung angepflanzt (F.A.Z. vom 28. Juli). Der Staat hat zu lange zugesehen, wie diese Wälder nicht auf die im Klimawandel steigende Gefahr von Bränden vorbereitet wurde, wie Brandschneisen zuwucherten. Es war am Ende nicht „der Klimawandel“, sondern menschliche Unverantwortlichkeit im Umgang mit ihm, die die Katastrophe auslöste.Wie die Ermittlungen ergaben, brach das Feuer aus, weil ein Bürokrat die Genehmigung erteilt hatte, trotz wochenlanger Extremhitze mit einer Freischneide-Maschine Kiefern unter einer Hochspannungsleitung zu roden. Durch die enorme Hitze entstanden in der Maschine Funken, die das Unterholz entflammten. Der vorgeschriebene Löschwasser-Anhänger stand nicht bereit. Was folgte, ist bekannt: zu wenig Löschflugzeuge, zu zögerliche Löschmaßnahmen. Das Grundproblem aber ist, dass man den Wald nach wie vor als maximal auszubeutende Fabrik für Holz behandelt.Der Künstler William Blake schrieb 1799: „Der Baum, der den einen zu Freudentränen rührt, ist in den Augen anderer nur ein grünes Ding, das im Wege steht.“ Entsprechend muss man am Ende der Industrialisierung sagen: Der Wald, der für die einen die Lunge ist, die vor dem Klimawandel schützt, ist für die andern immer noch bloß eine Holzfabrik, die Renditen abwerfen muss. Frankreichs Regierung traut sich bisher nicht, sich mit der Holzindustrie anzulegen. Nach den Bränden werden zwar finanzielle Förderungen angeboten für Waldbesitzer, die bei der Wiederaufforstung Laubbäume als natürliche Brandschneisen pflanzen.Aber eine verpflichtende Wiedervernässung der Moore, die es hier einmal gab, oder einen Zwang, die klima- und hitzeresistenteren Pyrenäeneichen zuzupflanzen, gibt es nicht. Doch der Blick auf die schwindelerregend schlanken Industriekiefern hat sich geändert: Man sieht sie jetzt als ein Produkt der Moderne, gezüchtet für den maximalen Profit; sie sind von einer ähnlich atemberaubend himmelstürmenden, unnachhaltigen Schönheit wie die Wolkenkratzer, die wie sie schon bei leichtem Wind schwanken und knacken und wenn, dann verheerend schnell brennen.Die französische Politik spielt mit ihrer holzindustriefreundlichen Politik ein riskantes Spiel: Wenn es in der kommenden Saison erneut derartige Brände geben sollte, dürfte die Region für den Tourismus erledigt sein, der hier jährlich rund 3,2 Milliarden Euro erwirtschaftet und mehr als 50.000 Menschen beschäftigt. Ob die Gegend als touristisches Ziel überlebt, wird sich auch daran zeigen, ob man es schafft, den Wald nicht nur als Holzfabrik zu behandeln.