GastkommentarBenedikt HaufsKI? – Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim SelberschreibenSchreiben ist eine hohe Kulturtechnik, doch wird sie in Zukunft absehbar immer mehr von KI übernommen werden. Das ist für den Alltag zu begrüssen. Doch auf das freie Spiel des eigenen Geistes zu verzichten, heisst, an Lebendigkeit und Persönlichkeit zu verlieren.31.08.2026, 05.27 Uhr3 LeseminutenIm eigenhändigen Schreiben erschliessen sich ein eigener Raum und eine eigene Zeit.Gaëtan Bally / KeystoneWie erkennt man Texte, die durch künstliche Intelligenz entweder erzeugt oder strukturell verändert wurden? Manche sagen, durch das Pathos, das sofort auffalle. Weitere Indikatoren sind Redewendungen und Phrasen, Wiederholungen in Inhalt und Struktur. Der Text repetiert sich selbst – manchmal in Endlosschleife. Diese Merkmale können mit fehlender Detailtiefe und schwachen Quellenangaben einhergehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.KI-Texte weisen oft feine Risse in Struktur und Chronologie auf. Liest man präzis und bewusst, fällt einem auf: Inhalte stossen unvermittelt gegeneinander, denn es fehlen kapillare Sinnzusammenhänge. Und wenn die künstliche Intelligenz zu einem Orchideen-Thema nur wenig Substanz findet, ist sie nicht immer fähig, diesen Mangel zu erkennen und kritisch zu prüfen. Einzelne, inzwischen möglicherweise nicht mehr korrekte Details werden genutzt, um ein scheinplausibles Bild zu generieren, das entweder nicht mehr auf dem Stand der Dinge oder falsch ist oder ein Sujet nur aus einer Perspektive betrachtet.Dosierte VergiftungSelbst wenn ein Autor einen Text ohne KI verfasst hat, kann eine weitere Bearbeitung mit KI diesen strukturell verändern. Der Text verwandelt sich in ein Produkt künstlicher Intelligenz. Dem Autor ergeht es dann wie einem Biobauern, dessen Nachbar ihm nachts fein dosiert Pestizide ins Feld streut.Was geschieht, wenn wir mit künstlicher Intelligenz recherchieren, schreiben und lektorieren? Verlernen wir die Fähigkeit des Selbstsuchens und Selbstschreibens dann nicht? Die Generation der Urgrosseltern arbeitete durchgehend als Handwerker – die Hände waren ihre Werkzeuge. Die Alltagsfähigkeit, mit der eigenen Hand zu arbeiten, hat schon seit langem nachgelassen. Nun wird auch noch die Kopfarbeit mehr und mehr durch KI ersetzt. Der Verlust geschieht unbemerkt und schleichend.Eine wichtige Bedeutungsebene von Texten, das, was zwischen den Zeilen verborgen liegt, geht verloren.Ohne ständige Selbstwirksamkeit mit ihrer Routine und ihrer Wiederholung geht das Gespür für die Dinge verloren. Was können wir selber noch? Was werden wir können, wenn die schöne neue Welt von KI irgendwann einmal aus irgendeinem Grund nicht funktioniert?Texte mit dem eigenen Kopf zu erarbeiten, ist mitunter so aufwendig wie die Arbeit eines Steinmetzen: Substanz muss aus dem, was man sich selber erdacht und von aussen zusammengetragen hat, herausmodelliert werden. Das Wort «Recherche» heisst auf Französisch «Suche» und ist eine mühsame Tätigkeit. Doch der Prozess führt zu einer eigenen Handschrift, die sich von anderem abhebt und es im günstigsten Fall überragt. Im Selberschreiben erschliessen sich ein eigener Raum und eine eigene Zeit, Pausen laden zur Reflexion ein. Künstliche Intelligenz indes produziert Texte innert eines Pulsschlags, doch ohne die Persönlichkeit und die Handschrift eines Autors zu spüren. Und auch nicht seine Macken und Schwächen.Einen eigenen Stil habenDer Leser wiederum vermag anhand der Schreibweise die Persönlichkeit, die Fähigkeit und Intention des Autors «er-lesen». Der Begriff Stil geht auf das lateinische Wort für Schreibgerät, «stilus», zurück. Eine wichtige Bedeutungsebene von Texten, das, was zwischen den Zeilen verborgen liegt, geht verloren. Späteren Generationen wird fehlen, was die Würze guter Texte ausmacht: Witz, Freude und Traurigkeit, Erregung und Gleichgültigkeit, Ignoranz und Brillanz. Subjektivität wird wegnivelliert.Das griechische Wort «pathos» bedeutet Leidenschaft und umfasst Leiden. Beim Pathos geht es darum, das Erlebte mit den Mitteln der Sprache zu überhöhen. Doch es stecken auch Erleiden und Ertragen drin; so ist die Pathologie die Lehre von Krankheiten. In diesem Sinn: Mögen uns die Götter schützen, dass wir mit KI nicht verblöden! Den Begriff der Intelligenz kann man frei mit «zwischen den Zeilen lesen» übersetzen. Werden wir das auch künftig noch können? Nur wenn wir auch künftig die Mühe auf uns nehmen, selber Hand anzulegen. Und zum Glück ist es auch so, dass beim allmählichen Verfertigen der Gedanken beim Schreiben Anstrengung in Vergnügen umschlägt.Benedikt Haufs, wohnhaft in Düsseldorf, schreibt als Fachautor über Bahnbetrieb, Blaulichtorganisationen und Alpines.Passend zum Artikel
Schreiben: Was spricht von KI, Selbermachen ist alles
Schreiben ist eine hohe Kulturtechnik, doch wird sie in Zukunft absehbar immer mehr von KI übernommen werden. Das ist für den Alltag zu begrüssen. Doch auf das freie Spiel des eigenen Geistes zu verzichten, heisst, an Lebendigkeit und Persönlichkeit zu verlieren.






