KI-Revolution: Triumph der FaulheitDie künstliche Intelligenz entbindet vom Selberdenken und macht bequem. Schuld an der Entwicklung trägt nicht die Maschine, sondern der Mensch.Josef Joffe14.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWas setzt sich in Zeiten von KI noch im Kopf fest? – Prüfungssituation an der Universität von Belgrad.Andrej Cukic / EPAPolitiker lassen sich ihre Reden von KI schreiben, Kommentatoren ihre Leitartikel, Studenten ihre Paper – im Minutentakt. Keine Schufterei mehr, keine Nachtarbeit mit Nägelkauen und überquellendem Aschenbecher. Karl Marx’ Traum ist unter KI wahr geworden: «Das Reich der Freiheit beginnt, wo das Arbeiten, das durch Not bestimmt ist, aufhört.» Lange vor KI feierte Neil Armstrong bei der Mondlandung 1969 einen «gigantischen Schritt für die Menschheit». KI ist noch besser als der Apollo-11-Himmelssprung. Sie schenkt dem Menschen das kostbarste Gut überhaupt: die Erlösung vom göttlichen Fluch: «Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lassen wir Marx und Mond ebenso beiseite wie die Schnellschreiber in den Ämtern und Redaktionen. Steigen wir ein in die klassische Wissensfabrik namens Universität, die vor 1100 Jahren in Bologna und Paris entstand. Die heutige Hochschule zeigt den Quantensprung, den Large Language Models (LLM) verkörpern. Ein paar hurtige Tastaturschläge haben die Fron zur Fingerübung gemacht. Jahrhundertelang mussten Jungscholaren in der Bibliothek die Wälzer durchforsten, Zitate, Fakten und Einsichten zusammenklauben. Seit LLM ist die Sisyphusarbeit ein Kinderspiel.Vorbei ist auch ein hübscher, wiewohl unakademischer Nebeneffekt des Studiums. Im Leseraum konnte ein Student auch einmal eine Kommilitonin ansprechen, sie in pseudogelehrte Gespräche verwickeln und ins nächste Café lotsen. So wurden zwischen den Regalen gar Ehen gestiftet.Trügerische ZeitersparnisAm heimischen PC lässt es sich nicht anbandeln. Mit LLM können vereinsamte Studenten nicht flirten. Nun melden aufgescheuchte Demografen, die Vereinzelung am Screen zeuge Geburten- und Bevölkerungsschwund. Die Menschheit (acht Milliarden!) wird so schnell nicht untergehen. Doch enthüllt der unaufhaltsame Siegeszug der KI inzwischen Schattenseiten, die weit über das Demografische hinausreichen.Studenten sind die Wissensvermittler von morgen. KI aber kann logischerweise nur verarbeiten, was schon ist. Ebenso gravierend ist das Bildungsproblem, das täglich warnende Studien erzeugt. Auch der Laie kennt den Unterschied zwischen konsumieren und produzieren. Was der Jungen bester Freund Mac aus der Apple-Familie anreicht, ist wie Fast Food, das sättigt, aber nicht Kochkunst lehrt.Die Studien melden: Der atemberaubende Zeitgewinn ist nicht nachhaltig. Was über den Schirm flimmert, setzt sich nicht so fest wie das eigenständige Lesen, die schweisstreibende Recherche und zeitraubende Aufzeichnung. Was KI liefert, ist ex und hopp. Wie kann also der Jungakademiker an die nächste Generation weiterreichen, was in seinem Hirn nicht verankert ist? Konsum ist nicht Kapital.Spannen wir den Bogen weiter. Die KI-Revolution wirft prinzipielle Probleme weit jenseits der Universität auf, die einen nüchternen Blick auf die traumhafte Zeitersparnis fordern. Die quälende Frage: Schafft die KI Neues, was nie erdacht und niedergeschrieben worden ist? Oder serviert sie nach blitzschneller Verarbeitung von Billionen Bytes nur einen schmackhaften Aufguss des schon Gewussten?Wie gewaltige WebstühleEin Blick zurück. Logischerweise hätte KI nicht die Relativitätstheorie erfinden können; sie kann nur ausbreiten und erklären, was Albert Einstein 1916 formuliert hat. KI könnte nicht das geozentrische Weltbild zerlegen; dazu musste erst ein Galileo her. Imitation ist nicht Inspiration, die falsche Paradigmen knackt, weil KI weder Bewusstsein noch Phantasie hat. Sie ist kein faustischer Mensch, der «immer strebend sich bemüht». LLM hätten nicht den Kubismus ohne einen Picasso gebären können. KI kann den Stil des Thomas Mann abbilden, nicht den «Zauberberg» schreiben. Sie kann die Beatles und Beethoven nachahmen, nicht aber «Yesterday» und die Neunte komponieren. Das kann nur der unruhige, ewig suchende Geist des Homo sapiens.Der amerikanische Romancier Richard Dooling sagt es so: «LLM sind wie gewaltige Webstühle. Sie verarbeiten Textfäden aus riesigen Datenzentren zu einem Gobelin des Vertrauten – was andere schon geschrieben haben.» KI kann weder Freude noch Schmerz fühlen, weder Triumph noch Trauer.KI reproduziert, verknüpft und analysiert, doch entwirft und erschafft sie nicht. KI ist wie ein Küchenchef, der nachbereitet, was das alte Rezept verlangt. Drei Sterne bekommt er erst, wenn er ein nie da gewesenes Gericht zaubert. KI kopiert, aber kreiert nicht. Sie hat keine Intuition, keine Seele, keine Geistesblitze, die in das überkommene Denken fahren – und plötzlich enthüllen, was wir zuvor nicht erblicken konnten. Das kann auch der neueste Quantencomputer nicht, obwohl er millionenfach so schnell ist wie der menschliche Kopf.Wo bleibt die Neugier?Das Tempo der Maschine beglückt zu Recht, macht aber träge und faul. Warum pflügen und säen, wenn im KI-Paradies die Früchte in den Mund wachsen? Die hängen trotz aller Pracht seit je am Baum – seit der Erschaffung der Welt. Unter KI biegen sich die Äste, glänzen und locken mit ihrem Angebot, liefern aber nichts «Neues unter der Sonne», wie es in Prediger 1,9 heisst.In unserer Welt argumentiert die KI-Beratungsfirma Graphite: «Wenn wir alle unser Hirn immer weniger einspannen und Large Language Models immer mehr, bekommen wir nur noch, was KI auftischt.» Sie bildet einen geschlossenen Kreis. Die betörenden Goodies werden einander immer ähnlicher; das KI-Hirn wird überwältigt von KI-Inhalten – ein geschlossener Kreis. Eine Studie der Universität Pennsylvania resümiert, KI begünstige die Konvergenz gleichartiger Ideen. Der Mitforscher Gideon Nave beleuchtet die Konsequenz: «Die Vielfalt sinkt, die Beliebigkeit steigt, die Entdeckungslust verfällt.»Keine Neugier, keine Wissensrevolution, die so oft vom schieren Zufall abhängt. Zum Beispiel Penicillin, Teflon und Herzschrittmacher. Nicht zu vergessen Kolumbus. Der wollte nach Indien, segelte aber in die falsche Richtung. Der reine Zufall brachte ihn nach Amerika. «Versuch und Irrtum» heisst das in der Wissenschaft. Wenn KI sich irrt, gibt sie den Fehlgriff erst zu, wenn ein Mensch im Nachhinein protestiert – und rechtfertigt sich wohlanständigen Wortes.Mensch und Maschine sind ZwillingeNatürlich hat dieser Autor KI konsultiert und den Chatbot Claude gefragt, ob die Large Language Models nicht «das Wissen einfrieren». Zunächst das Kompliment: «Ihre Sorge ist berechtigt. Wenn KI-Modelle zunehmend von anderen KI trainiert oder gefüttert werden, verengt sich die Verteilung der Ergebnisse; Ausreisser und ungewöhnliche Perspektiven fallen weg.» Toll, der Bot versteht mich.Nur folgt alsgleich der Seitenhieb gegen die Firma Graphite, welcher der Bot kommerzielles Eigeninteresse unterstellt: «Es handelt sich nicht um eine Peer-reviewte akademische Untersuchung, und sie stammt von einem Unternehmen, das Firmen im Bereich AI-Search-Sichtbarkeit berät.» Übersetzt: Graphite präsentiere nicht neutrale Wissenschaft, sondern wolle Kunden keilen. Unausgesprochen: Der Befund diene nicht der reinen Wahrheit, sondern der eigenen Bilanz; also nicht alles glauben, was die Studie verkündet.Anderseits besänftigt Claude diesen Fragesteller, der mit seiner These provoziert hat, KI bringe doch «nichts Neues». Der Bot schnurrt: Ein Sprachmodell reproduziere «tatsächlich vorhandenes Wissen». Dann aber die Riposte mit dem Florett. KI füge nämlich die alten Elemente zu einem neuen Bild zusammen und liefere so taufrische, nie erkannte Wahrheiten. Schliesslich der Sperrstoss: Das menschliche Denken komme doch nicht «aus dem Nichts». Wie KI «rekombiniert es das Gelernte». Mensch und Maschine sind also Zwillinge.Risiko der BequemlichkeitMan gerät ins Grübeln und sinniert: Einstein und Heisenberg haben bloss Bekanntes neu gemischt. Dadaismus und abstrakter Expressionismus sind Variationen der Renaissancemalerei. Mahler und Schönberg sind Mozart plus. Das Mathematikgenie Carl Friedrich Gauss ist der aufgefrischte Euklid, der Computer der Sohn des Rechenbretts. Atomuhr und Sonnenuhr sind Familie, das Auto ist der Bruder des Streitwagens.Dieser Verfasser wird trotzdem Claude und Co. einspannen, weil KI aus seiner Arbeit nicht mehr wegzudenken ist. Einen Artikel aber wird er KI nicht schreiben lassen, weil die sofort checkt, wo er bei ihr geklaut hat, und gnadenlos die Faulheit des Autors aufspiesst. Am Ende des Klingenkreuzens haben wir uns versöhnt. Denn Claude verabschiedete sich so: «Das eigentliche Risiko liegt in der Bequemlichkeit.» KI verleite dazu, «den Denkprozess – Lesen, Vergleichen, Widerrede – nicht selber zu vollziehen». Richtig: Die Schuld am Nachbeten trägt nicht KI, sondern der Mensch.
Die künstliche Intelligenz macht uns faul und bequem. Wozu führt das?
Selberdenken ist nicht mehr gefragt. Die Verantwortung für diese Entwicklung trägt aber nicht die Maschine, sondern jeder Einzelne.










