Dauererreichbar und erschöpft – China ist der digitale Vorreiter der Welt; hier zeigt sich, was uns in naher Zukunft bevorstehtWährend Europa unter dem Gewicht seiner langen Geschichte taumelt, herrscht in China ein Fortschrittsglaube, der durch Social Media und KI befeuert wird. Die psychischen Kosten der rasenden Verschmelzung von digitalem und analogem Leben sind zumal für die Jungen hoch.Oliver Radtke31.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenOb beim Cosplay oder bei anderen Vergnügungen: das Handy ist in China allgegenwärtig.Go Nakamura / ReutersIch sass vor kurzem in einem Taxi vom Flughafen Pudong in die Innenstadt Schanghais. Mein Fahrer hatte, wie viele andere in der Metropole am Huangpu, sein Handy am Armaturenbrett befestigt. Während der Fahrt plauderte er per Sprachnachricht mit Kollegen, verschob parallel dazu einen Arzttermin für seine Mutter, shoppte auf Taobao nach Ersatzteilen und stritt in mehreren Anrufen mit seiner Frau, die ihn früher zu Hause erwartet hatte. Zwanzig Minuten, vier Lebensbereiche, ein Bildschirm.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In chinesischen Grossstädten lässt sich das berufliche wie das private Leben kaum noch ohne WeChat, Tencents digitales «Schweizer Taschenmesser», organisieren. Ganze Firmen werden ausschliesslich über diese eine App gesteuert: Gehaltszahlungen, Krankmeldungen, selbst Kündigungen laufen über denselben Kanal, über den man Freunden niedliche Gute-Nacht-Sticker schickt.Die Kosten dieser Verschmelzung von digitalem und analogem Leben zeigen sich unübersehbar: wachsende Burnout-Raten, ein sprunghafter Anstieg depressiver Symptome bei Jugendlichen, abnehmende zwischenmenschliche Kommunikationsfähigkeit, eine Generation zwischen Dauererreichbarkeit und Erschöpfung. China ist damit kein exotischer Sonderfall, sondern ein Fernrohr in Europas nahe Zukunft.Der «Terminplan des Lebens»Dabei hat der mit dem «Terminplan des Lebens» verbundene Druck im Land nicht erst mit dem Bildschirmzeitalter begonnen. Das Projekt Partnersuche und Heirat sollte immer noch vor dem 30. Lebensjahr abgeschlossen sein. Wohneigentum gilt dabei häufig nicht als Krönung, sondern als Startvoraussetzung: ohne eigene Wohnung, so die Erwartung der Brauteltern, kein Ehevertrag.Wer glaubt, Dating-Apps hätten die Romantik algorithmisiert, war noch nie sonntags im Schanghaier Volkspark: Seit 2005 hängen dort, in der «xiangqin jiao», aufgespannte Regenschirme mit laminierten Steckbriefen unverheirateter Söhne und Töchter. Deren Alter, Körpergrösse, Einkommen und Wohnung werden dem neugierigen Parkbesucher von ihren Eltern mit eloquenter Eindringlichkeit präsentiert. Dazu kommt die «35-Jahre-Schwelle»: Im Technologiesektor gilt sie als Verfallsdatum der Karriere; mehr als 60 Prozent der Stellenausschreibungen verlangen 2025 explizit ein Alter unter 35 Jahren. Der Begriff geht auf einen 2018 viral gegangenen Erfahrungsbericht einer Personalerin zurück.Diese Fristen und gesellschaftlichen Konventionen sind teilweise deutlich älter als das Smartphone. Sie erklären, warum der soziale Druck nicht durch die Digitalisierung verursacht wurde, aber auch, warum das Digitale ihn so wirkungsvoll verstärken konnte. Es macht sichtbar und in Echtzeit messbar, was zuvor eine stille, private Sorge war.Drei Faktoren erklären, warum sich dieser Druck in China so viel schärfer entlädt als anderswo. Erstens die zeitliche Kompression: Urbanisierung und wirtschaftlicher Aufstieg, die woanders über Generationen verteilt waren, vollzogen sich hier binnen weniger Jahrzehnte. Zweitens ein Bildungssystem, das über die nationale Maturaprüfung «gaokao» einen einzigen, gnadenlos kompetitiven Flaschenhals produziert.Drittens die Plattformökonomie selbst: Der 2020 viral gegangene Essay «Gefangen im System» der Journalistin Lai Youxuan machte sichtbar, wie Zustellalgorithmen Essenslieferanten so eng takteten, dass sie regelmässig rote Ampeln überfuhren, um pünktlich zu bleiben. Bequemlichkeit hat fast immer einen Preis. Nur zahlen ihn selten jene, die sie konsumieren. Das wird durch fehlende Gegenkräfte verstärkt: Unabhängige Gewerkschaften gibt es nicht. Eine verhandlungsfähige Zivilgesellschaft ist auf ein Minimum geschrumpft.Flucht ins AnalogeSehr wohl formiert sich dagegen Widerstand: Die 996.ICU-Proteste chinesischer Programmierer 2019 (996 = 9 bis 21 Uhr, sechs Tage die Woche), das «tangping»-Ethos des Rückzugs und «Flachliegens», die «neijuan»-Debatte über zermürbende Konkurrenz ohne Fortkommen sind allesamt dezentralisierte, episodische Formen kollektiven Protests ohne dauerhafte Verhandlungsmacht.Was diesen Phänomenen eigen ist, ist eine Hartnäckigkeit, die den Staat auch ohne landesweite Strassenproteste zum Handeln zwingt: Der Oberste Volksgerichtshof und das Arbeitsministerium veröffentlichten 2021 Musterfälle, die klarstellten, dass «996» das geltende Recht verletzt. Im selben Jahr verlor Meituan, eine der grössten Lieferdienstplattformen des Landes, binnen Tagen rund 39 Milliarden Dollar an Marktwert, nachdem Regulierer gegen seine Liefer-Algorithmen vorgegangen waren. Diese staatlichen Eingriffe sind teuer und real, bleiben jedoch selektive Reformmassnahmen. Sie kurieren die Symptome, während die strukturellen Ursachen unangetastet bleiben.Dieser hohe Druck hat psychische Konsequenzen: Die China National Mental Health Survey 2021/22 ermittelte bei 18- bis 24-Jährigen ein erhöhtes Depressionsrisiko von 24,1 Prozent, gegenüber 10,6 Prozent bei Erwachsenen insgesamt. Handynutzung gilt dabei als Verstärker, nicht als alleinige Ursache: Das «Familienerziehungs-Blaubuch 2024» befand, dass 80 Prozent der Eltern in chronischer Prüfungsangst lebten.Für den Verlust hinter diesen Zahlen prägte der in Deutschland forschende Sozialanthropologe Xiang Biao den Begriff vom «Verschwinden des Nahen»: Nachbarn, der Gemüsehändler an der Ecke, das Viertel als soziales Gewebe verschwinden zwischen dem rein Privaten und dem rein Globalen. Junge Chinesen, beobachtete er, könnten ihre eigene Nachbarschaft oft nicht mehr beschreiben. Sie halten dieses Wissen für irrelevant im Vergleich zu dem, was zählt: Notendurchschnitt, Rankings, Testergebnisse.Wo Menschen versuchen, dieses Nahe zurückzugewinnen, zeigt sich jedoch ein Paradox. Chinas Camping-Boom erzeugte 2024 rund 214 Milliarden Yuan Umsatz (rund 24,6 Milliarden Franken). Doch der Fluchtweg aus dem Digitalen führt ins Digitale: Campingplätze werden eigens fürs Foto hergerichtet, Campen als Kulisse für Chinas Social-Media-Plattformen wie Xiaohongshu. Man campt nicht, um endlich offline zu sein, sondern um es online zu zeigen.Ein schwächeres, aber dennoch wahrnehmbares Signal ist der wachsende Markt für «laonianji», einfache Tastenhandys für unter 300 Yuan (rund 35 Franken). Junge Chinesen kaufen sie bewusst, um sich von der täglichen Datenflut zu «entgiften». Die Pointe dabei: Es sind ausgerechnet die echten Alten, die in Rekordtempo ins Digitale abwandern, nicht weniger als 161 Millionen 60+-Internet-Nutzer Mitte 2025 gegenüber 119 Millionen Ende 2021, während ein Teil der Jungen rückwärts ins Analoge flüchtet. Die erwartete Generationenlogik kehrt sich um.Doch nicht jeder Fluchtversuch führt zurück ins Analoge. Manche führen tiefer ins Digitale, dorthin, wo Nähe vollständig simuliert wird. Millionen Chinesen führen inzwischen Beziehungen zu KI-Avataren. Peking erliess daher Vorschriften, die seit Juli in Kraft sind: ein Verbot virtueller Partner für Minderjährige, ein Pflichthinweis nach zwei Stunden Nutzung und ein Verbot für Unternehmen, Abhängigkeit zum Geschäftsziel zu machen.Warum aber füllen KI-Chatbots dieses Vakuum? Neben dem Leistungsdruck spielt ein wachsender Geschlechterkonflikt eine Rolle: Junge Chinesinnen wachsen selbstbewusst und wirtschaftlich unabhängig auf. Viele junge Männer halten an konservativeren Vorstellungen fest. Die entstehende Empathielücke will ausgefüllt sein.Leer gewordenes AufstiegsversprechenEs gibt zudem eine zweite, härtere Front, an der KI nicht Beziehungen ersetzt, sondern Zukunftsaussichten verschliesst. Alles, was bisher beschrieben wurde, folgt einem Muster: Bereits bestehender Druck wird verstärkt, nicht ursächlich erzeugt. Das trifft indes nicht zu bei der Bedrohung, die die künstliche Intelligenz für Berufseinsteiger darstellt. Hier verschwindet nicht nur der Wettbewerb um Einstiegsstellen, sondern auch die Grundlagen selbst gehen verloren. Das Versprechen, das Generationen von Chinesen angetrieben hat – harte Arbeit, gute Ausbildung, gesicherter Aufstieg –, verliert seine Gültigkeit, noch bevor die junge Generation die Chance hatte, es einzulösen. China verspricht seinen jungen Bürgern Sicherheit vor Wettbewerb, während es seinen Aufstieg genau diesem Wettbewerb verdankt.Am Ende geht es nicht um digital gegen analog. Das Digitale ist nur die sichtbarste Bühne für einen tieferen Bruch: den Verlust einer gesicherten Zukunftsperspektive. Diese Unsicherheit ist nichts, was nach ein paar schmerzhaften Jahren vergeht. Sie ist ein neuer Dauerzustand, getrieben von einer Beschleunigung, die sich nicht zurückdrehen lässt.Zur Wahrheit gehört auch: Dieselbe Digitalisierung hat in China Zugänge geschaffen, die es zuvor nicht gab. Digitale Finanzdienste verschafften Millionen bankfernen Haushalten erstmals Zugang zu Krediten. Ganze Dörfer vermarkten ihre Produkte über E-Commerce, angefangen 2006 in Dongfeng, Provinz Jiangsu, wo ein einzelner Rückkehrer begann, Möbel über Taobao zu verkaufen; heute leben dort Tausende Haushalte vom selben Geschäftsmodell.In China lässt sich in Echtzeit beobachten, wie das Heilsversprechen einer KI-geführten Technologiegesellschaft mit dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit und persönlichem Aufstieg kollidiert. Für Europa ist das kein fernes Warnsignal, sondern eine Vorschau auf Dinge, die mit hoher Geschwindigkeit auf uns zurollen. China sollte deshalb bei allem Systemgegensatz als Impulsgeber für eine zeitnahe politische, gesellschaftliche und juristische Auseinandersetzung mit der Schnittstelle zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz verstanden werden – ganz im Sinne der europäischen Idee.Ob der Dauerzustand, der sich gerade in China etabliert, krisenhaft bleibt oder ob sich neue Kompetenzen im Umgang mit Unsicherheit entwickeln, muss offenbleiben. Mein Taxifahrer in Schanghai weiss zumindest zurzeit noch keine Antwort. Während er ein weiteres Handy aus der Hosentasche holte, lachte er nur und sagte: «Mei ‹banfa›. Was soll man machen? So ist das Leben halt mittlerweile.» Fernrohr und Labor schliessen sich nicht aus. Im China von heute sind sie derzeit ein und dasselbe.Oliver Radtke ist Sinologe, Publizist und Berater an der Schnittstelle zwischen Europa und China. Er ist derzeit Research Fellow am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien und Visiting Fellow an der Shanghai International Studies University.Passend zum Artikel
Dauererreichbar und erschöpft – China ist der digitale Vorreiter der Welt; hier zeigt sich auch unsere Zukunft
Während Europa unter dem Gewicht seiner langen Geschichte taumelt, herrscht in China ein Fortschrittsglaube, der durch Social Media und KI befeuert wird. Die psychischen Kosten der rasenden Verschmelzung von digitalem und analogem Leben sind zumal für die Jungen hoch.






