Er zählt zu den einflussreichsten Regisseuren Europas. Am Zürcher Theaterspektakel hat er ein Stück über die Arbeit von Hilfswerken gezeigt. Im Gespräch erläutert Tiago Rodrigues, wie die Kunst den Zeitgeist heilen könnte.31.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenTiago Rodrigues: seit der Jugend ein Theaterenthusiast.Michiel DevijverSein Enthusiasmus verleiht seinen Worten Überzeugungskraft, das zeigt sich selbst im Zoom-Gespräch. In einem halb verschatteten Hotelzimmer sitzt Tiago Rodrigues gedrungen in einem Sessel, etwas schief schaut er in die Kamera und wirkt dabei doch konzentriert. Seine langen, aber klaren Erklärungen sprudeln ins Mikrofon, ab und an von einem Räuspern unterbrochen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit seiner Jugend ist Theater die Leidenschaft des 49-jährigen portugiesischen Schauspielers und Regisseurs, der seit 2022 das internationale Theaterfestival Avignon leitet und in Frankreich lebt. Wobei seine Passion durch politische Funken immer wieder neu entzündet wird. Das ist auf seine Herkunft zurückzuführen.Geboren wurde er 1977 in Lissabon. Seine Eltern – die Mutter Ärztin, der Vater Journalist – waren beide Aktivisten der Nelken-Revolution. Die Erfahrungen mit dem autoritären Salazar-Regime sorgten in der Familie später immer wieder für Misstrauen gegenüber aufkeimendem Rechtsextremismus.Der theatrale UmwegTiago Rodrigues ist nicht direkt in die Fussstapfen des schreibenden Vaters getreten, vielmehr wollte er seine Ideale von Demokratie und Freiheit als Schauspieler verwirklichen. Sein Berufsziel indessen erwies sich zunächst als etwas zu hoch gesteckt. Zwar schaffte er es knapp in eine Lissabonner Schauspielschule, nach einem Jahr aber empfahlen ihm die Lehrer, einen anderen Weg einzuschlagen – mangels Talent.Allein, der junge Künstler liess sich nicht abschrecken. Er trat dem freien belgischen Theaterkollektiv TG Stan bei, in dem sich die Bühnenavantgardisten auch in nicht hierarchischer Gleichberechtigung übten. Dieses Konzept übernahm Rodrigues, als er 2003 selber eine freie Theatergruppe bildete: Mundo Perfeito, mit der er durch Europa zog.Einige Jahre aber arbeitete er auch für eine Kultursendung des portugiesischen Fernsehens, wo er Fakten und Fiktion in dramatischen Formaten verschmolz. Das scheint seinen Stil, der Politik mit Poesie verbindet und Realität mit Phantasie, nachhaltig geprägt zu haben. Bestes Beispiel dafür ist «Dans la mesure de l’impossible» (Im Rahmen des Unmöglichen) – ein Stück, das 2022 für die Comédie de Genève produziert und nun am Zürcher Theaterspektakel gezeigt wurde.Die Inszenierung handelt von zwei Frauen und zwei Männern internationaler Hilfswerke. Für die Theatersprache des Portugiesen durchaus typisch, ist im Hintergrund bloss ein Zeltlager zu sehen, sonst bleibt die Bühne leer; die Konzentration des Publikums ist damit ganz auf die Protagonisten fokussiert. Ihre Berichte seien alle authentisch, sagt Tiago Rodrigues. Sie stammten indes aus seinen Gesprächen mit dreissig Hilfswerksmitarbeiterinnen und -mitarbeitern aus der ganzen Welt. Die Berichte der Interviewten wurden für die Bühne auf vier anonyme Darstellende verteilt und in eine dramatische Form gebracht.Ein Zeltlager reicht Tiago Rodrigues als Kulisse, um die Konzentration des Publikums ganz auf die Protagonisten zu fokussieren.Dougados MagaliDie konkreten Schauplätze werden nicht angegeben. Es sollen beim Publikum keine Vorurteile hervorgerufen werden. «Wenn man von Gaza spricht oder Afghanistan, dann weckt das beim Publikum sofort stereotype Vorstellungen.» Die Krisengebiete werden alle im Begriff von «l’impossible» zusammengefasst. «Und ‹l’impossible›, das kann überall sein.» Das Stück wurde im Februar 2022 in Genf zur Uraufführung gebracht, kurz darauf wurde die Ukraine überfallen – «da hat sich drastisch gezeigt, wie auch Europa ein Krisengebiet sein kann».Traumatische SituationenMitarbeiter von Hilfswerken sind für Rodrigues Zeitzeugen des Weltgeschehens. Wenn sie von ihren Erfahrungen in globalen Tragödien erzählen, erinnert das aber auch an die alte griechische Dramatik: Unglück und Gewalttaten wurden im griechischen Theater nicht gezeigt, sondern geschildert. Und auch die Protagonisten in «Dans la mesure de l’impossible» erweisen sich weniger als Handelnde denn als Sprechende. Doch wenn sie das Erlebte rekapitulieren, drücken sich ihre Regungen, ihr Schmerz im Tempo der Sprache, in der Schärfe der Laute aus sowie in der Mimik.Die vier Helfer können zwar auf konkrete Erfolge zurückschauen: Verletzte Kinder konnten geheilt, Spitäler wieder aufgebaut werden. Mehr und mehr aber dreht sich das Stück um traumatische Situationen: Die Rede ist von Menschen, die man sterben lassen musste, weil Blutkonserven fehlten; Essenspakete mussten mit Stockhieben gegen anstürmende Massen verteidigt werden; ein Massengrab wurde entdeckt; eine Hand schaute heraus. Der Chirurg eines Hilfswerks wurde offenbar bei einer Strassensperre erschossen . . . Die Erzählerin bricht ihren Bericht hier unter Tränen ab.Aufhorchen lässt im Stück die Erfahrung der Hilfswerksmitarbeiter, dass sie das Erlebte zu Hause niemandem erzählen könnten. Ob im Familien- oder Freundeskreis: Es werde ihnen kaum zugehört, beklagt sich einer der Männer. «Wie ist es dir ergangen?», werde er von der Schwester gefragt. Doch wenn er dann einen Zwischenfall schildern wolle, lenke sie ab: «Hast du gesehen, dass wir das Bad neu gestrichen haben?»Zwei Frauen und zwei Männer erzählen in «Dans la mesure de l’impossible» von ihren Erfahrungen in Krisen- und Katastrophengebieten.Magali DougadosIst das typisch für die Gegenwart? Gibt es eine allgemeine Krise des Zuhörens? Tiago Rodrigues winkt ab. «Im Stück geht es konkret um das Problem, über Traumata zu sprechen, und um die Grenzen des Mitgefühls.» Vielleicht sind fehlende Empathie und fehlende Aufmerksamkeit auch ein Grund dafür, dass die Leute weniger ins Theater gehen?Auch davon will Tiago Rodrigues nichts wissen: «Das Theater ist heute wichtiger denn je!» Weil es die zerstreute Information, die punktuellen Reize, die man durch alle möglichen Screens erhalte, durch den Fokus künstlerischer Erfahrung ergänzen könne. Er hält Theater gar für eine valable Therapie für all die Jugendlichen, die sich geistig und psychisch verlieren in der Reizüberflutung. Deshalb, so ist Tiago Rodrigues überzeugt, gingen immer mehr Leute ins Theater.Das scheint für Frankreich tatsächlich zu stimmen. Die Besucherzahlen sollen letztes Jahr um drei Prozent gestiegen sein. Dass es den französischen Bühnen zurzeit besser läuft als den deutschsprachigen, glaubt Rodrigues auf eine erfolgreiche Bildungs- und Kulturpolitik zurückführen zu können. Die Kultur und mithin die Theaterszene seien nach dem Zweiten Weltkrieg stark gefördert worden – auch die Gründung des Theaterfestivals Avignon durch ehemalige Résistance-Kämpfer sei ein Beispiel dafür.Im Banne des KulturkampfsUmso schlimmer findet Tiago Rodrigues die Bedrohung durch das Rassemblement national und den Kulturkampf, den die Rechtsaussenpartei überall anheize. In diversen französischen Gemeinden habe es bereits Angriffe auf kulturelle Institutionen gegeben. Bedeutende Verlage wie Grasset und Fayard seien in die Hände des reaktionären Milliardärs Vincent Bolloré geraten. In Avignon habe er deshalb auch schon politische Happenings unter dem Titel «Nächte gegen die extreme Rechte» veranstaltet.Als Theatermacher engagiert sich Tiago Rodrigues konsequent für seine politischen Werte, aber er sieht auch die Grenzen der Kunst. Politiker müssten die Welt retten: «Das Theater kann höchstens Vorzimmer der Politik sein – ein Raum, in dem Interessen verhandelt werden können.» Die Theaterleute aber seien in ihrer Macht ähnlich beschränkt wie die Hilfswerksmitarbeiter: «Sie können die Welt nicht retten. Sie halten bloss die Hand auf das Loch in der Wand, damit die Flut nicht eindringt.»Passend zum Artikel
Theater als Heilmittel: Tiago Rodrigues über Kunst und Krise
Er zählt zu den einflussreichsten Regisseuren Europas. Am Zürcher Theaterspektakel hat er ein Stück über die Arbeit von Hilfswerken gezeigt. Im Gespräch erläutert Tiago Rodrigues, wie die Kunst den Zeitgeist heilen könnte.








