Der andere BlickDer Problembär der AfD: Hans-Thomas Tillschneider steht exemplarisch für die personelle Misere der ParteiDer Vordenker der Rechten blamiert sich erneut öffentlich. Ihm und anderen AfD-Spitzenleuten fehlt es an Contenance. Die Führung der Partei schafft es einfach nicht, souverän aufzutreten.31.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenHans-Thomas Tillschneider im Landesparlament von Sachsen-Anhalt. Er ist dort Vizechef der AfD-Fraktion.Michael Taeger / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Jonas Hermann, Redaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Politik ist auch deshalb ein undankbares Geschäft, weil hier Nebensächlichkeiten schnell ein Eigenleben entwickeln. Diese unsanfte Erfahrung macht derzeit der AfD-Vordenker Hans-Thomas Tillschneider. Dabei lief es bis vor wenigen Tagen prächtig für ihn. Tillschneider hat weite Teile des AfD-Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt verfasst. Seine Partei kratzt dort an der absoluten Mehrheit, am Sonntag findet die Wahl in dem ostdeutschen Bundesland statt.Weil ein von der AfD regiertes Bundesland eine Sensation wäre, bekommt Tillschneider viel mediale Aufmerksamkeit. In kurzer Hose und kurzärmligem Hemd begrüsste er Paul Ronzheimer in seinem Büro. Ronzheimer ist Vizechef der «Bild»-Zeitung und berichtet immer wieder aus den Kriegsgebieten in der Ukraine. So überrascht es wenig, dass er in Tillschneiders Büro eine Kaffeetasse kritisierte, auf der Logo und Schriftzug der russischen Armee zu sehen sind.Darauf angesprochen, druckst Tillschneider herum. Die Tasse habe er «geschenkt bekommen (. . .) in Berlin mal von jemandem». Ronzheimer lässt nicht locker und fragt Tillschneider, was es damit auf sich habe. «Nichts Besonderes», sagt Tillschneider und poltert kurz darauf: «Jetzt hören Sie mit dieser blöden Tasse auf.» Die «blöde Tasse» will er wenig später in einem Schrank verschwinden lassen, wirkt dabei aber derart nervös, dass er die Tür nicht aufbekommt.Wie ein SchuljungeNach der Sendung schickt Tillschneider einen Anwalt los und versucht, die Veröffentlichung der Filmaufnahmen zu verhindern. Dieser Schritt ergibt nur Sinn, wenn die Tasse eben doch keine Nebensache ist. Jedenfalls passt sie zu einigen prorussischen Äusserungen von Tillschneider.Ebenfalls anwaltlich stoppen lassen wollte er die Publikation eines Podcasts der Journalistin Melanie Amann. Sie konnte den AfD-Mann wie einen Schuljungen dastehen lassen, weil er mangelhaft vorbereitet erschien. Nach rund 45 Minuten stürmte er zornig aus dem Studio.In der Person Tillschneider kristallisieren sich drei wesentliche Mankos der AfD. Ihre Protagonisten haben Mühe, in öffentlichen Debatten zu bestehen. Es gibt kaum eine Diskussionsrunde oder eine Sendung, in der ein AfD-Politiker regierungsfähig wirkt. Zumindest nicht, wenn er hart befragt wird, was nun einmal die Aufgabe von Journalisten ist. Tillschneider lag im Podcast mit Amann in einigen Punkten richtig, er konnte sie aber auf Nachfrage nicht belegen. So überzeugt man niemanden, der nicht sowieso schon überzeugt ist.Schwache SpitzeDie AfD hat ein Personalproblem. Vielen ihrer Spitzenleute mangelt es an Erfahrung, Charisma und Redlichkeit. Das zieht sich durch – von Tillschneider bis ganz oben. So fiel der Parteichefin Alice Weidel im ZDF-Sommerinterview nichts Besseres ein, als deutsche Regierungspolitiker mit dem Begriff «Flachzangen» zu verunglimpfen. Stattdessen hätte sie sich einfach als vernünftige bürgerliche Alternative präsentieren können; zur vermurksten Zwangsheirat von CDU, CSU und SPD.Schwerer ins Gewicht fällt der Russland-Irrweg der AfD. Auch nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ebbte ihre Putin-Sympathie nicht ab. Die Ukraine führt einen heroischen Abwehrkampf gegen einen verrückt gewordenen Feind. Das Feuer für diesen Kampf zieht sie aus einem glühenden Patriotismus. Die AfD sieht sich als patriotische Kraft. Es bleibt ein Rätsel, warum sie nicht auf der Seite derer steht, die einfach nur ihr Land schützen wollen.Zumal Russland auch Deutschland bedroht: Egal, ob seine dienstbaren Geister mitten in Berlin einen Auftragsmord durchziehen oder sich tief ins deutsche Parlament hacken: Die AfD scheint’s nicht zu kümmern.Die russische Führung sieht Deutschland als Feind und lässt ihre Propagandisten von Nuklearschlägen auf Berlin fabulieren. Keine Armee bedroht Deutschlands Interessen so stark wie die russische. Ein Patriot, der das nicht erkennt, hat weitaus grössere Schwierigkeiten als eine fragwürdige Tasse in seinem Büro.Passend zum Artikel
Hans-Thomas Tillschneider steht exemplarisch für die Probleme der AfD
Der Vordenker der Rechten blamiert sich erneut öffentlich. Ihm und anderen AfD-Spitzenleuten fehlt es an Contenance. Die Führung der Partei schafft es einfach nicht, souverän aufzutreten.








