Warum diese Erfindung die Finanzwelt revolutioniert hat: Vor fünfzig Jahren startete der erste Indexfonds – er hat viele Anleger reich gemachtDas passive Investieren dominiert die globalen Börsen. Inzwischen ist der Erfolg der Indexanlagen aber so gross, dass diese den nächsten Crash auslösen könnten.31.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenZu Beginn war seine Erfindung ein Flop: Heute verwaltet der von John Bogle lancierte Indexfonds ein Vermögen von über einer Billion Dollar.Shannon Stapleton / Reuters«Suchen Sie nicht nach der Nadel im Heuhaufen. Kaufen Sie einfach den Heuhaufen.» Der Ausspruch stammt vom amerikanischen Investor John Bogle. Er hat die Finanzwelt revolutioniert, wie es nur wenigen Personen gelungen ist. Vor fünfzig Jahren, am 31. August 1976, lancierte Bogle den ersten Indexfonds. Womit der weltweite Siegeszug des passiven Investierens begann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anfänglich allerdings war das Produkt ein Flop. Bogle selbst, der Gründer des heutigen Fondsriesen Vanguard, sprach von einem «abscheulichen Versagen». Gerade einmal 11 Millionen Dollar an Vermögen hatte der Vanguard-500-Index-Fund zunächst eingesammelt. Das Geld reichte nicht einmal dafür, wie angestrebt sämtliche Aktien im amerikanischen Index S&P 500 zu kaufen.Den «gesamten Heuhaufen» zu kaufen, blieb für die Anleger zunächst eine fremde Vorstellung. Denn ein Fonds, der auf Autopilot gestellt ist und einfach einen Index nachbildet, bleibt per Definition ewiges Mittelmass. Stattdessen vertrauten die Leute ihr Geld lieber einem kompetenten Fondsmanager an, der dank seiner Expertise die vermeintlich besten Aktien herauspicken konnte. Zur damaligen Skepsis passte die Einschätzung des «Financial Analysts Journal», wonach Indexfonds als «Modeerscheinung» bald wieder verschwinden würden.Tiefe Gebühren als ErfolgsgeheimnisDoch Bogle blieb standfest – und bekam recht. Heute erreicht allein der Vanguard-500-Index-Fund ein Volumen von über einer Billion Dollar. In den USA haben die passiv verwalteten Anlagefonds ihre aktive Konkurrenz inzwischen überflügelt. Bei den inländischen Aktien beträgt der Marktanteil der Indexfonds bereits zwei Drittel.«Der Erfolg der Indexfonds hat einen enormen Druck auf die Finanzindustrie erzeugt», sagt Thorsten Hens, Professor für Finanzwissenschaften an der Universität Zürich. «Namentlich hat dies zu tieferen Gebühren geführt.» Dies habe zudem die Popularität von Aktienanlagen gefördert – auch dank den ETF, also börsengehandelten Indexfonds.Startete der Vanguard-500-Index-Fund mit jährlichen Verwaltungsgebühren von 0,43 Prozent, so sind die Kosten auf heute nur noch 0,03 Prozent gesunken. Dagegen kann ein aktiver Fonds niemals so günstig geschäften. Somit muss ein Fondsmanager mittels Stock-Picking einen Renditevorsprung erzielen, der genügend gross ist, um damit den Kostennachteil wettzumachen.In der Praxis gelingt eine solche Outperformance aber nur einer Minderheit: Laut dem Researchunternehmen Morningstar haben im letzten Jahr lediglich 27 Prozent der aktiven Fonds für grosskapitalisierte amerikanische Aktien besser abgeschnitten als der entsprechende Index. Über eine Zeitdauer von 10 Jahren sinkt dieser Anteil sogar auf magere 13 Prozent.Kleinanleger können plötzlich mithaltenIndexfonds haben zu einer Demokratisierung der Geldanlage beigetragen. Der Rückstand des uninformierten Kleinanlegers auf den versierten Profi ist dramatisch geschrumpft. Umso entscheidender ist das langfristige Engagement, damit der Zinseszinseffekt seine Wirkung entfalten kann. Seit der Lancierung vor 50 Jahren hat der Vanguard-500-Index-Fund im Schnitt eine jährliche Rendite von 11,5 Prozent erzielt.Wer damals 10 000 Dollar in den Fonds einzahlte, kommt nun auf ein Vermögen von knapp 2 Millionen Dollar. Wie zentral die tiefen Kosten für die Wertvermehrung sind, zeigt folgende Rechnung des Fondsanbieters Vanguard. Angenommen, jemand investiert 100 000 Dollar und erreicht eine jährliche Rendite von 6 Prozent: Bei Kosten von 0,1 Prozent klettert der Wert des Portfolios nach 30 Jahren auf 560 000 Dollar. Liegen die Kosten dagegen bei 2 Prozent, so steigt das Vermögen auf nur noch 320 000 Dollar – den Rest schnappt sich der Fondsanbieter oder die Bank.Eigentlich sei es erstaunlich, dass sich das passive Investieren nicht viel schneller durchgesetzt habe, sagt der Finanzprofessor Hens. Denn die ökonomische Wissenschaft habe die Grundlagen schon vor langer Zeit erarbeitet. Die moderne Portfoliotheorie konnte bereits in den 1950er Jahren aufzeigen, dass eine breite Diversifikation, wie dies über einen Index geschieht, das Verhältnis zwischen Risiko und Rendite optimiert.Der Affe, der Dartpfeile wirftEinen zweiten Pfeiler bildet die Theorie der effizienten Märkte: Wenn die Börsenkurse alle verfügbaren Informationen widerspiegeln, kann kein Anleger den Markt dauerhaft schlagen. Der Ökonom Burton Malkiel illustrierte dies mit dem Bild eines Affen: Wenn dieser Dartpfeile auf die Börsenseite einer Zeitung werfe, um seine Aktien auszuwählen, so werde seine Selektion ebenso gut abschneiden wie jene von professionellen Fondsmanagern.Den anfänglichen Widerstand der Anleger gegenüber Indexanlagen erklärt Thorsten Hens damit, dass der Mensch automatisierte Prozesse generell skeptisch beurteile. «Auch bei der Geldanlage vertrauen wir lieber auf eine anschauliche Story, die ein Experte erarbeitet hat und aus der wir einen Sinn ableiten können.» Entsprechend falle es den Anlegern leichter, einen Kurseinbruch zu akzeptieren, wenn der Fondsmanager eine Erklärung dafür bieten könne. Einen unpersönlichen ETF dagegen würden die Leute eher veräussern.Hinzu kommt, dass die Märkte zwar oft, aber nicht immer effizient funktionieren. Gelegentlich bilden sich spekulative Blasen, denen die Käufer von Indexfonds voll ausgeliefert sind. Der legendäre Value-Investor Warren Buffett etwa vertritt die Meinung, dass genau solche Phasen die beste Gelegenheit bieten, um an der Börse Geld zu verdienen. Auch der Zürcher Professor Hens ist überzeugt, dass sich Phasen abwechseln, in denen jeweils die aktive bzw. die passive Strategie zu besseren Resultaten führt.Ein Nachteil des passiven Ansatzes bestehe nämlich darin, dass die meisten heutigen Indizes nach dem Prinzip der Kapitalgewichtung funktionierten. «Dies hat einen prozyklischen Effekt, der die Ausschläge an den Märkten verstärkt.» Wenn also frisches Geld in den Aktienmarkt fliesst, profitieren grosskapitalisierte Werte überproportional – unabhängig davon, ob dies durch die realen wirtschaftlichen Kriterien gerechtfertigt ist.Gefahr von KlumpenrisikenDas lässt sich derzeit beim KI-Boom beobachten. Allein die Aktie des Chipentwicklers Nvidia erreicht einen Anteil von 8 Prozent am Index S&P 500. Die sieben wichtigsten Tech-Aktien, «Magnificent Seven» genannt, vereinen ein Drittel der Marktkapitalisierung auf sich. Dass eine solche Indexkonstruktion problematisch sein kann, zeigt sich ebenso bei den Indexfonds für Staatsanleihen: Je mehr Schulden ein Land angehäuft hat, desto grösser wird sein Gewicht im Fonds.Thorsten Hens weist auf einen weiteren Mangel des passiven Investierens hin: Damit der Markt funktioniert, braucht es eine minimale Anzahl von Investoren, die sich um die Preisfindung kümmern. Somit entstehe ein Trittbrettfahrerproblem: «Für den einzelnen Anleger ist es attraktiv, ein kostengünstiges Indexprodukt zu kaufen. Erfolg hat er damit aber nur so lange, als es aktive Fondsmanager gibt, welche die Analysearbeit übernehmen.»Wann aber ist der Kipppunkt erreicht, ab welchem die Dominanz der Indexanlagen den Markt beeinträchtigt? Eine Antwort ist schwierig. Der inzwischen verstorbene John Bogle hatte diese Limite einmal auf einen Marktanteil von 75 Prozent geschätzt. Der Finanzexperte Hens sieht im gegenwärtigen KI-Boom einen interessanten Testfall: Gehe dieser zu Ende, so könnten die Indexfonds einen Abschwung beschleunigen, vermutet er. Noch aber geht der Rekordlauf an den Börsen weiter. Auch der S&P 500 notiert nur wenige Punkte unter seinem Allzeithoch.Passend zum Artikel