AnalyseDie ETF-Revolution verrät ihre IdealeKotierte Fonds (ETF) haben dem passiven Anlegen zum Durchbruch verholfen. Doch längst steht das Kürzel nicht mehr nur für günstige Indexanlagen. Worauf es im Dickicht neuer ETF zu achten gilt.Peter Rohner31.08.2026, 22.07 UhrAls vor 36 Jahren in Toronto ein paar Banker und Börsenangestellte den ersten ETF lancierten, ahnten sie nicht, dass sie damit eine Revolution in der Anlagewelt lostreten würden. Indexfonds gab es zwar schon länger, aber erst die Kotierung der Vehikel verhalf den passiven Anlagen zum Durchbruch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Heute sind kotierte Fonds (Exchange Traded Funds, ETF) nicht mehr wegzudenken. Sie gehören zu den Standardinstrumenten der Anleger. In weltweit rund 17'000 Produkten liegen insgesamt über 22 Bio. $. In den USA werden dank ETF seit 2023 mehr Gelder passiv angelegt als aktiv. Europa hinkt bei der Entwicklung etwas hinterher. In der Schweiz liegt der Anteil passiv verwalteter Anlagen gemäss dem Asset-Manager-Verband AMAS bei 36,8%.Aus Anlegersicht sind ETF ein Segen. Sie ermöglichen Zugang zu einem breiten Markt zu einem Bruchteil der Gebühren, die ein normaler Fonds verlangt. Und sie haben die Wissenschaft auf ihrer Seite.Der Erfolg der passiven ETF hat gute GründeDass es für die Mehrheit der aktiven Manager nicht möglich ist, den Markt zu schlagen, ist reine Arithmetik. Das hat der Nobelpreisträger William Sharpe 1991 mathematisch bewiesen. Denn vor Abzug der Kosten entspricht die vermögensgewichtete Rendite aller aktiven Marktteilnehmer zwingend der Marktrendite, da die Gesamtheit aller Investoren den gesamten Markt hält. Da aktive Manager höhere Kosten haben, muss ihre Nettorendite unter derjenigen passiver Strategien liegen.Sharpes Nullsummenspiel wurde auch empirisch belegt. Etwa durch die US-Finanzprofessoren Eugene Fama und Kenneth French. In ihrer Studie «Luck versus Skills» zeigten sie, dass aktive und passive Aktienfonds etwa gleich gut abschneiden, aber wegen der niedrigeren Gebühren die passiven im Vorteil sind.Die neusten Auswertungen der S&P-Studienreihe SPIVA für Schweizer Aktien ergeben, dass im besten Fall (über drei Jahre) 20% der aktiven Fonds nach Kosten den Index geschlagen haben. Über zehn Jahre lagen 84% hinter der Benchmark, über fünf Jahre sogar 88%. Bei global ausgerichteten Aktienfonds war die Quote noch schlechter. Bei Bond-Fonds ist die Bilanz der aktiven Manager etwas besser.Alpha ist sehr selten und nicht dauerhaftSelbst wenn ein Aktienfondsmanager glänzt und die Benchmark schlägt, sagt dies nicht viel über besondere Skills und die zukünftige Performance aus. So hat etwa der Finanzforscher Mark Carhart aufgezeigt, dass sich die zwischenzeitliche Outperformance aktiver Fonds vor allem durch den Momentumeffekt erklären lässt. Das heisst: Alpha – oder die Fähigkeit, eine vom Markt unabhängige Überrendite zu erzielen – ist rar und flüchtig.Auch die Persistence Scorecards von S&P belegen, dass eine historische Überrendite keine zuverlässige Prognosekraft besitzt: Von den aktiven US-Aktienfonds, die Ende 2020 im besten Viertel lagen, schaffte es kein einziger, in den vier Folgejahren im besten Quartil zu bleiben. Bei globalen Aktienfonds ist das Ergebnis ähnlich: Nur 16% der rund 400 Fonds, die über fünf Jahre in der vorderen Hälfte waren, waren nach fünf weiteren Jahren wieder dort. Dass die besten Fonds früher oder später zurückfallen, hat auch damit zu tun, dass ihre Überrendite so viel Geld anzieht, dass sie zu gross werden, um ihre Ideen umzusetzen. Deshalb sinkt die erwartete Grenzrendite mit steigendem Fondsvolumen.Und doch braucht es die aktiven MarktteilnehmerDa fragt sich nur, weshalb trotz der vernichtenden Statistik gerade in Europa immer noch so häufig in Einzelaktien und aktive Fonds investiert wird.Fakt ist: Ohne aktive Käufer, die Informationen auswerten, würden Fehlbewertungen zunehmen und die Preisfindung am Markt kollabieren. Passive ETF können nur existieren, wenn aktive Marktteilnehmer die Preisfindung übernehmen. Das lässt sich mit dem Informationsparadoxon von Sanford J. Grossman und Joseph Stiglitz theoretisch begründen.Es bedeutet aber nicht, dass es für den einzelnen Anleger rational ist, aktiv zu investieren. Solange es genügend andere gibt, die das tun und somit für die Preisfindung sorgen, können passive Anleger als Trittbrettfahrer davon profitieren.Dass dennoch nach wie vor so viel in aktive Fonds oder Einzeltitel investiert wird, hat vor allem psychologische und strukturelle Gründe. Dazu zählen die Tendenz, dass Anleger ihre Fähigkeiten oder die ihres Beraters überschätzen, oder die Hoffnung, die nächste Nvidia zu finden (Lotterie-Effekt). Ausserdem verkaufen sich tolle Geschichten besser als langweilige Indizes. Auch verdienen die Banken und die Berater in der Regel mehr an teuren aktiven Produkten. Grosse institutionelle Investoren müssen manchmal vom Index abweichen, um illiquide Segmente zu vermeiden und bei kleineren Märkten die Preise nicht zu verzerren.Ausserdem besteht bei den grösseren institutionellen Investoren wie Pensionskassen das Set-up für die Selektion und die Überprüfung der aktiven Manager bereits. Und dank ihrer Grösse sind die Kosten pro Prüfung nicht mehr so hoch. «Deshalb kann es sich für sie lohnen, aktive Manager auszuwählen, wenn sie überzeugt sind, dass die zusätzliche Rendite höher ist als der zusätzliche Aufwand des Selektionsprozesses», sagt Francesco Franzoni, Finance-Professor an der Università della Svizzera italiana und am Swiss Finance Institute (SFI), wo er Kurse zum Thema Fondsselektion gibt.Klar ist auch: Ohne aktive Käufer, die Informationen auswerten, würden Fehlbewertungen zunehmen. Wenn die Preisfindung nicht richtig funktioniert, lohnt es sich aber umso mehr, Research zu betreiben und diese Ineffizienzen auszunutzen. Doch diesen Punkt hat der Markt trotz passiver Revolution noch nicht erreicht. Daher gilt: Aktive Manager leisten zwar einen wichtigen Dienst, aber für den einzelnen Investor ist eine passive Strategie rational, solange es genug aktive Manager gibt.Erfolg schafft neue ProblemeETF und passive Anlagen haben die Argumente auf ihrer Seite. Ihr Erfolg und ihr schnelles Wachstum haben aber auch Schattenseiten.So stehen sie etwa unter Verdacht, die Schwankungen an den Märkten zu verstärken. Es kommt daher öfters zu Übertreibungen.Ein Beispiel sind die jüngsten Kurskapriolen des koreanischen Leitindex Kospi. «Das war das Resultat von gehebelten ETF, die die Kurse in absurde Höhen aufblähten und danach den Kollaps beschleunigten», sagt Finance-Professor Franzoni. Der Regulator musste eingreifen. Die Mindestbaranzahlung für Neuinvestments wurde erhöht. Von den Anbietern wurde weniger Werbung, dafür mehr Aufklärung über die Risiken verlangt. Für Franzoni bestätigen die Ereignisse in Südkorea die Ergebnisse einer Studie, die er 2018 mit Forschungskollegen im «Journal of Finance» publiziert hat. Darin konnten sie zeigen, dass Aktien mit einem höheren ETF-Anteil eine deutlich höhere Volatilität aufweisen, und folgerten daraus, dass sich Liquiditätsschocks in den ETF auf die zugrundeliegenden Wertpapiere auswirken können.Ein anderer Vorwurf ist, dass passive ETF die Aktienkurse verzerren, da sie automatisch den grosskapitalisierten Unternehmen mehr Gewicht geben und alle das Gleiche tun. Dadurch fliesst unverhältnismassig viel Geld zu den Grossen, wodurch sie teurer und noch grösser werden, und die Kleinen werden vernachlässigt. Als besonders problematisch gelten Indexveränderungen. Denn Unternehmen, die in einen Index aufgenommen werden, ziehen passive Zuflüsse an. «Das kann zu höheren Bewertungen führen, nur weil sie zu einem Index gehören», sagt Franzoni und erinnert an die Diskussionen vor dem SpaceX-Börsengang, als befürchtet wurde, dass die Indexinklusion den Wert des Unternehmens künstlich aufblähen würde. Tatsächlich schoss die Bewertung in die Höhe, aber nur für kurze Zeit. Einige aktive Manager hätten ihren Job gemacht und die Bewertung auf ein vernünftigeres Niveau zurückgebracht, erklärt Franzoni.Das Beispiel zeigt: Solange es genug aktive Marktteilnehmer gibt, haben solche Ineffizienzen, die durch passive Zuflüsse entstehen können, nicht lange Bestand. Sie werden von den aktiven Managern ausgenutzt.Auch Aktive werden passiverDie passive Revolution verändert auch das Verhalten der aktiven Manager. Sie sind insgesamt passiver geworden. Der sogenannte Active Share habe abgenommen, sagt Franzoni. Diese Kennzahl misst, wie stark die Zusammensetzung eines Fonds von seiner Benchmark abweicht. Franzoni erklärt dies mit dem gegenwärtigen Marktumfeld, in dem die Marktkonzentration sehr hoch ist und wenige grosse Titel den Gesamtmarkt tragen. «Es ist schwierig, den Index zu schlagen, wenn man zu stark davon abweicht. Niemand wagt es, bei den grossen Tech-Titeln nicht dabei zu sein.»Dabei gebe es ebenso gute Gründe, die für einen höheren Active Share sprächen. Die zunehmende Passivierung bedeutet für die übrig gebliebenen aktiven Manager ja auch, dass sie weniger Konkurrenz haben und es mehr Raum für Opportunitäten gibt. Es lohnt sich also wieder mehr, nach Anomalien und ungerechtfertigten Bewertungen zu graben. Das müsste die verbleibenden Manager zu aggressiveren Wetten ermutigen. Vereinzelt kann man das laut Franzoni tatsächlich beobachten. Aber der Trend zeige in die andere Richtung. Immerhin sind jedoch auch die Gebühren gesunken.Alle wollen auf der ETF-Welle reitenWeil ETF so populär sind, wollen alle am Boom teilhaben. Das geht aber nur mit neuen Produkten. Und diese haben nicht mehr viel mit der ursprünglichen Idee des passiven Investierens zu tun und sind nicht immer im Interesse der Anleger.«ETF werden mit dem Ziel aufgelegt, Gelder anzulocken, nicht um den Anlageerfolg der Investoren zu verbessern», kritisiert Ben Felix, CIO des kanadischen Vermögensverwalters PWL Capital, in einem Videobeitrag. Er nutzt dafür den Begriff «ETF Slop», in Anlehnung an den digitalen Müll, der von KI-Modellen in grossen Mengen produziert wird.Das grösste Wachstumsfeld sind aktive ETF, also Fonds, deren Allokation vom Fondsmanagement aktiv gesteuert wird, die aber als ETF verpackt an der Börse gehandelt werden können.Die Zahlen sprechen Bände. Im laufenden Jahr wurden in den USA bereits über 1000 neue ETF lanciert, fast so viele wie im gesamten Jahr 2025, das ein absolutes Rekordjahr war. Die grosse Mehrheit, über 80%, sind aktive ETF. Von den rund 1100 lancierten ETF 2025 waren fast 1000 aktive ETF. In der Schweiz läuft rund die Hälfte der neu lancierten ETF in der Kategorie «aktiv».Und selbst bei den neu lancierten passiven Produkten kaufen Anleger nicht mehr zwingend den breiten Markt. Denn sehr oft handelt es sich dabei um thematische ETF, die zum Teil nur sehr enge Indizes abbilden.Es gibt ETF mit Hebel, solche mit Puffer oder sogenannte inverse oder Short ETF, die die tägliche Indexänderung umgekehrt spiegeln. In gewissen Ländern sind sogar gehebelte ETF auf Einzelaktien zugelassen. «ETF haben heute nicht mehr viel mit der ursprünglichen Idee gemein», sagt Franzoni. Sie seien nur noch eine praktische Verpackung für alle erdenklichen Investmentideen.Doch unter der Masse leidet die Qualität. Und im Schnitt sind die neuen Produkte auch noch teurer. Im vergangenen Jahr betrug die durchschnittliche Gesamtkostenquote (TER) der neu lancierten Produkte global über 0,7%. Die günstigsten passiven ETF gibt es mittlerweile für unter 0,1%.Man kann den Anbietern nichts vorwerfen. Denn der Markt für einfache, passive ETF ist gesättigt. Mit einem weiteren S&P-500-Produkt lässt sich bei den niedrigen Gebühren nur mit Grösse Geld verdienen. Anbieter sind gezwungen, Nischen zu finden, in denen die Margen höher sind. Ausserdem kommt ihnen die Regulierung entgegen. «Es ist heute viel einfacher, einen ETF zu lancieren», sagt Franzoni. Einige Anbieter setzen dabei auf das Trial-and-Error-Prinzip. Sie testen den Markt mit einer Fülle neuer Produkte in der Hoffnung, dass eines einschlägt.Auf die Spitze getrieben hat dieses Modell der kalifornische Anbieter Corgi Funds. Seit der Lancierung des ersten ETF im vergangenen Dezember hat er bereits rund 200 ETF aufgesetzt, die mit eingängigen kreativen Kürzeln versehen sind. Richtig eingeschlagen hat bisher nur einer, mit Fokus Litographie und Halbleiterphotonik. Er macht die Hälfte der gesamten verwalteten Vermögen aus.Themen-ETF werden auf dem Höhepunkt lanciertHebel-ETF sind riskant, und um sich gegen Kursverluste abzusichern, gibt es geeignetere Instrumente als Short ETF. Doch auch die Bilanz der Themen-ETF ist enttäuschend.Die Chance, einen spezialisierten ETF zu wählen, der nicht frühzeitig aufgelöst wird und den globalen Vergleichsindex schlägt, ist gering. Gemäss einer Auswertung von Morningstar haben global nur 10% der spezialisierten ETF nach zehn Jahren besser abgeschnitten als der Markt. Denn das Problem ist laut Ben Felix, dass sie meist auf dem Höhepunkt des Hypes lanciert werden. Anleger bezahlen zu viel für ihre Begeisterung. Nach der Lancierung nimmt das Medieninteresse am Thema ab. Auch eine Studie von Franzoni und Kollegen bestätigt: Thematische, spezialisierte ETF verlieren in den fünf Jahren nach der Lancierung jährlich 6% gegenüber dem Vergleichsindex.Für Anleger heisst das: Sie können die Früchte der ETF-Revolution ernten, indem sie in günstige, passive Produkte auf breit gefasste Indizes setzen. Bei Themen-ETF müssen sie aufpassen, nicht auf dem medialen und meist auch kurstechnischen Höhepunkt einzusteigen. Ein kritischer Blick auf die Bewertung ist Pflicht. Will man die Klumpenrisiken eines herkömmlichen, kapitalgewichteten Index vermeiden, sind auch Indizes mit alternativer Gewichtung eine gute Option.
ETF: Eine grossartige Finanzinnovation gerät auf Abwege
ETF haben dem passiven Anlegen zum Durchbruch verholfen. Doch längst steht das Kürzel nicht mehr nur für günstige Indexanlagen. Worauf es zu achten gilt.








