Trotz internen Widerständen, verfassungsrechtlichen Zweifeln und dubiosen Vermittlern treiben Washington und Caracas die Öffnung des venezolanischen Erdölsektors voran. Für die Machthaberin ist das heikle Geschäft eine Lebensversicherung.31.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenVon dem Abkommen mit Trump erhofft sich Delcy Rodríguez die Sicherung ihrer Macht.Präsidentschaft von Venezuela via EPAWenige Stunden nachdem US-Präsident Donald Trump das «grösste Ölgeschäft der Weltgeschichte» mit Venezuela verkündet hatte, trat die venezolanische Präsidentin Delcy Rodríguez am Samstagabend im Staatsfernsehen Venezuelas auf, um die Wogen zu glätten: «Eines muss absolut klar sein: Venezuela behält das Eigentum und die Souveränität über seine Ressourcen», sagte die Präsidentin in einer aufgezeichneten Ansprache.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trumps Ankündigung war in Venezuela und vielen internationalen Medien so interpretiert worden, als würden sich die USA ein Fünftel der Ölreserven Venezuelas einverleiben. «Diese Vereinbarung soll dafür sorgen, dass die immensen Reserven unseres Landes, die sich im Untergrund befinden, nicht länger nur eine leblose, kalte Zahl sind, sondern zu sozialem und wirtschaftlichem Wohlstand für das venezolanische Volk werden», erklärte Rodríguez.Danach rückte die Präsidentin die Dimensionen des Abkommens zurecht. Nicht über insgesamt 100 Jahre solle ein amerikanisches Unternehmen die alleinige Kontrolle über die Förderung in 17 Ölfeldern bekommen, sondern für maximal 25 Jahre. Insgesamt 1,5 Millionen Fass Öl am Tag würden durch das Abkommen in Zukunft zur heutigen Fördermenge von 1,2 Millionen Fass dazukommen. Diese Menge produzieren private Konzerne bis jetzt zusammen mit dem Staatskonzern PDVSA.Delcy Rodríguez geht strategisch vor100 Milliarden Dollar an Investitionen seien notwendig, um die Erdölproduktion in den 17 Ölfeldern in Gang zu setzen. Für jedes Fass Öl würden rund 20 Dollar an Steuern und Abgaben in Venezuela bleiben. Ausserdem würden in den nächsten Tagen weitere Abkommen mit den grossen Ölkonzernen verkündet. Rodríguez dankte Präsident Trump und Aussenminister Marco Rubio für ihre Bemühungen, diese Einigung erzielt zu haben.Delcy Rodríguez geht damit strategisch so vor, wie sie es seit der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro durch die USA am 3. Januar getan hat: Sie kollaboriert reibungslos mit Washington. Sie akzeptiert, dass Trump und sein Aussenminister Rubio die Abmachungen mit Venezuela innenpolitisch ausnutzen. So, wie Trump den Amerikanern jetzt niedrigere Benzinpreise in Aussicht stellte, obwohl offensichtlich ist, dass damit nur mittelfristig in einigen Jahren zu rechnen ist.Gleichzeitig versucht sie in Venezuela nun vor allem den Widerstand aus den eigenen Reihen kleinzuhalten. Die «Chavistas», wie die Anhänger des von Hugo Chávez seit Anfang des Jahrhunderts aufgebauten Regimes genannt werden, sind gegen einen Ausverkauf nationalen Eigentums. Doch trotz dem Misstrauen einiger Parteimitglieder bekräftigte die regierende Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas (PSUV) das Abkommen mit den USA. «Wir unterstützen die Massnahmen zur Wiederbelebung der Produktion, die den nationalen Interessen Vorrang einräumen und es ermöglichen, die Auswirkungen von mehr als einem Jahrzehnt wirtschaftlicher Sanktionen, einseitiger Zwangsmassnahmen und ungerechter Blockaden zu überwinden.»Bisher hat kein Ölunternehmen in Venezuela investiertIn der breiten Bevölkerung wird die Präsidentin mit dem Abkommen kurzfristig aber kaum punkten können. Nach dem Erdbeben von Ende Juni hat Rodríguez erneut an Popularität verloren. Das Regime erwies sich als unfähig, auf die humanitäre Katastrophe zu reagieren.Mittelfristig könnte das Abkommen mit den USA den ins Stocken geratenen Öffnungsprozess für den Erdöl- und Erdgassektor beschleunigen. Wenn dadurch Investitionen ins Land fliessen und für Arbeitsplätze und lokale Wertschöpfung sorgen, würde dies der Popularität des Regimes helfen.Aber der von Trump gefeierte «Jahrhundert-Deal» weicht nicht von der im Januar beschlossenen Öffnung der Energiebranche für private Unternehmen ab, mit der das Monopol des staatlichen Ölkonzerns abgeschafft wurde. Bis dahin durften ausländische und private Unternehmen nur in Joint Ventures in Venezuela tätig werden, in denen PDVSA die Mehrheit hielt. Das Abkommen mit Trump beseitigt nun nicht auf einen Schlag die Hindernisse, die dazu führten, dass acht Monate nach der Gesetzesreform immer noch kein Ölunternehmen Investitionspläne für Venezuela verkündet hat. Denn der Gesetzesrahmen sowie die Steuern und Abgaben für die Branche sind weiterhin nicht geregelt. Ohne diese Rechtssicherheit werden die Ölunternehmen auch beim jetzigen Abkommen zwischen Trump und Rodríguez kaum in Venezuela investieren.El Acuerdo petrolero del que se ufana Donald Trump y que celebra Marcos Rubio ES NULO por haber sido firmado por una Usurpadora de la Presidencia de la República, sin legitimidad ninguna para desempeñarse como tal. Será desconocido.— Blanca Rosa Mármol (@BMarmoldeLeon) August 29, 2026 Zumal auch das Abkommen selbst juristisch angefochten werden kann. Die ehemalige Richterin am Obersten Gerichtshof (TSJ) Blanca Rosa Mármol de León argumentiert auf X, dass die Unterschrift der Präsidentin ungültig sei. Delcy Rodríguez sei nicht die legitime Präsidentin Venezuelas, weil laut der Verfassung 180 Tage nach einer Nachfolge im Präsidentenamt Neuwahlen hätten ausgeschrieben werden müssen. Selbst wenn das Abkommen durch den venezolanischen Kongress genehmigt würde, könnten künftige Regierungen das Gesetz anfechten. Denn die Abgeordneten des Kongresses wurden bei einer offensichtlich gefälschten Abstimmung ins Parlament gewählt.Windige Vermittler sind an den Verhandlungen beteiligtAuch die fehlende Transparenz bei den gesamten Verhandlungen zwischen den USA und Venezuela seit Anfang des Jahres könnte Probleme bereiten. Der «Economist» berichtet, dass hinter dem privaten Unternehmen, das neben dem amerikanischen Staat einen 45-Prozent-Anteil an dem neuen Joint Venture halten solle, der umstrittene Investor Alejandro Betancourt stehe. Der in London lebende Venezolaner hat über seine guten Verbindungen zum Regime ein Vermögen angehäuft.In Caracas heisst es bei Gesprächen mit Vertretern des Ölsektors stets, dass der wegen Geldwäsche gesuchte Betancourt der Vermittler zwischen dem Regime und Trump sei. Die «Washington Post» berichtet, dass hochrangige amerikanische Beamte die Schweizer Behörden erfolgreich unter Druck gesetzt hätten, ein gegen Betancourt laufendes Gerichtsverfahren beizulegen, damit dieser reisen könne.Dennoch glaubt ein einflussreicher Banker in Caracas im Gespräch, dass das Abkommen Delcy Rodríguez politisch stärken wird. Trump sei nun darauf angewiesen, dass die Präsidentin die Öffnung für die amerikanischen Konzerne möglichst schnell umsetze. So lange würden die USA kaum Wahlen in Venezuela zulassen oder die im Ausland lebende Oppositionsführerin María Corina Machado ermuntern, ins Land zu kommen.Trumps Ziel, Venezuela in ein Energiereservoir der USA zu verwandeln und zum grossen Öllieferanten Amerikas direkt vor seiner Haustür aufzubauen, sei am schnellsten mit Rodríguez umzusetzen. «Ich habe keinen Zweifel daran, dass Delcy nun an der Macht bleiben wird», sagt der Banker, der anonym bleiben möchte.Passend zum Artikel
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