Pro ArtikelDer Islam gerät unter Generalverdacht: 9/11 entfachte eine Debatte, die bis heute anhältNach dem 11. September 2001 verurteilten die meisten muslimischen Staaten die Tötung unschuldiger Zivilisten. Eine ehrliche Auseinandersetzung über den Zusammenhang von Islam und Gewalt blieb aber aus.31.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDie Anschläge auf die Twin Towers in New York veränderten das Verhältnis des Westens zu den Muslimen.Gene Boyars / APDie Terroranschläge des 11. September 2001 markierten einen Einschnitt im Verhältnis des Westens zur islamischen Welt. Die Tötung Tausender unschuldiger Zivilisten zwang die Muslime, sich dem Verhältnis ihrer Religion zur Gewalt zu stellen. In den USA und Europa lösten die Taten zugleich eine intensive Debatte über Islam, Islamismus und die Ursprünge und Ziele des islamistischen Terrorismus aus. «Warum hassen sie uns?», fragte der amerikanische Präsident George W. Bush eine Woche nach den Anschlägen in einer Rede vor dem Kongress und griff damit eine Frage auf, die viele seiner Landsleute umtrieb.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit «sie» meinte Bush al-Kaida und andere Terrorgruppen. Viele Amerikaner dachten dabei aber an die Muslime allgemein. Durch die Anschläge geriet die muslimische Gemeinde unter Generalverdacht. Der Islam, eine Weltreligion mit zwei Milliarden Anhängern, wurde plötzlich in einem Atemzug mit Terror genannt. Alle Muslime erschienen als potenzielle Terroristen – zumal wenn sie Bart oder Kopftuch trugen. In den Monaten nach 9/11 stieg die Zahl der Angriffe auf Moscheen und andere muslimische Einrichtungen in den USA sprunghaft an.25 Jahre 9/11Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben Amerika und die Welt verändert. Wie prägen sie Geopolitik und Weltwirtschaft noch heute?Alle Artikel dieser Serie anzeigenIn seiner Rede betonte Bush zwar, al-Kaida stehe nicht für den Islam. Vielmehr verkörpere die Gruppe eine randständige Form des islamischen Extremismus, der von der grossen Mehrheit islamischer Geistlicher abgelehnt werde. «Die Terroristen sind Verräter an ihrem eigenen Glauben, indem sie den Islam zu kapern versuchen», sagte Bush. Doch als er alle Nationen aufrief, sich zu entscheiden, auf welcher Seite sie stehen, war klar, dass er vor allem die Muslime meinte.Für den amerikanischen Präsidenten konnte es im «Krieg gegen den Terror» keinen Platz für Neutralität geben. «Entweder ihr seid für uns, oder ihr seid für die Terroristen», sagte er unter dem Applaus des Kongresses. Damit setzte er die afghanischen Taliban unter Druck, den Kaida-Führer Usama bin Ladin auszuliefern und die Trainingscamps seiner Anhänger zu schliessen. Doch auch die Muslime in den USA und in aller Welt gerieten damit in Zugzwang, sich klar zu positionieren.Selbst Iran verurteilte die Anschläge in New YorkNach dem 11. September hatten viele amerikanische Medien Gruppen feiernder Menschen auf den Strassen Pakistans und Palästinas gezeigt. Doch diese Szenen waren die Ausnahme. Die meisten Muslime waren entsetzt. Mit Ausnahme des irakischen Diktators Saddam Hussein verurteilten nahezu alle muslimischen Staaten die Tötung unschuldiger Zivilisten in New York, darunter selbst erklärte Feinde der USA wie Iran. Auch führende Gelehrte in Saudiarabien und Ägypten bezeichneten die Taten als Verstoss gegen die Lehren des Islam.Sogar die Muslimbruderschaft, die Hamas und andere islamistische Organisationen erklärten, derartige Terrorangriffe seien unvereinbar mit den islamischen Prinzipien. Der prominente sunnitische Gelehrte Yusuf al-Karadawi, der als scharfer Kritiker Israels und der amerikanischen Nahostpolitik bekannt war, nannte Angriffe auf Unschuldige eine Sünde. Einen einzigen Menschen zu töten, sei, wie die ganze Menschheit zu töten, mahnte er unter Verweis auf den Koran.Die Mehrheit der islamischen Gelehrten folgte damals, wie heute, einer orthodoxen Interpretation des Koran und der Sunna. Progressive, liberale Lesarten der islamischen Schriften waren in der Minderheit. Doch auch die Konservativen verurteilten den Terror bin Ladins. Sie kritisierten, dass eine Gruppe wie al-Kaida kein Recht habe, zum Jihad aufzurufen. Dies dürften gemäss dem traditionellen Islamverständnis allein die Herrscher – heute also die Staatschefs.Viele Muslime taten sich mit einer Distanzierung schwerViele liberale Muslime wehrten sich aber dagegen, dass sie als Muslime Taten verurteilen sollten, die aus ihrer Sicht im Widerspruch zu den grundlegenden Lehren ihrer Religion stehen. Auch wenn al-Kaida sich auf den Islam berufe, so argumentierten sie, seien die Anschläge in erster Linie politisch und nicht religiös motiviert. Es sei falsch, dass der Westen von jedem Muslim ein Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit verlange. Dies laufe darauf hinaus, die muslimische Gemeinschaft in Kollektivhaftung für die Taten einzelner Extremisten zu nehmen.Viele fundamentalistische Muslime taten sich wiederum schwer, sich klar von al-Kaida zu distanzieren, da sie deren Ideologie und Weltsicht in weiten Teilen teilten. Zwar lehnten sie die Mittel von al-Kaida ab, doch stimmten sie ihrer Kritik am Westen zu. Die antiwestliche, intolerante, illiberale Lesart des Islam, die Usama bin Ladin und sein Vize Aiman al-Zawahri propagierten, war für viele Salafisten, Wahhabiten und andere fundamentalistische Muslime anschlussfähig.Saudiarabien hatte über Jahrzehnte viel Geld investiert, um diese Lesart des Islam in alle Welt zu exportieren. Die Schulen und Moscheen, welche die Petromonarchie seit den achtziger Jahren in Asien, Afrika und Europa finanziert hatte, prägten das Islamverständnis von Millionen Muslimen. Die Saudi hatten damit entscheidend dazu beigetragen, den islamischen Diskurs zu radikalisieren und den mystischen Islam der Sufis und andere Lesarten zu diskreditieren. Al-Kaida hatte in diesem dogmatischen, intoleranten Islamverständnis ihren Ursprung.Eine ehrliche Debatte über den Terror fand nicht stattDie Ausrufung des «Kriegs gegen den Terror» brachte Saudiarabien unter Druck. Nicht nur Usama bin Ladin, auch 15 der 19 Attentäter des 11. September stammten aus dem Land der heiligen Stätten. Um nicht ins Visier der USA zu geraten, beeilte sich die saudische Führung, sich von al-Kaida zu distanzieren. Auch Pakistan, das ein langjähriger Unterstützer der Taliban war, versicherte Bush seine Unterstützung. Doch im Westen blieben Zweifel – zu Recht.Die islamischen Geistlichen in Saudiarabien, Ägypten und anderen Ländern verurteilten zwar den Terror, doch scheuten sie eine ehrliche Debatte über dessen Ursprünge. Den Zusammenhang zwischen der Gewalt al-Kaidas und der eigenen intoleranten, antiwestlichen Ideologie thematisierten sie nicht. Statt sich diesen unbequemen Fragen zu stellen, betonten sie, dass der Terror von al-Kaida nichts mit dem Islam zu tun habe. Schliesslich stehe der Islam für Frieden.Die Gegenposition dazu vertraten jene Islamkritiker im Westen, die argumentierten, die Gewalt sei der islamischen Religion von Anbeginn inhärent. Zum Beleg verwiesen sie auf eine Auswahl an Versen des Koran. In der islamkritischen Öffentlichkeit im Westen fanden sie damit viel Zustimmung. Indem sie den Islam seinem Wesen nach als intolerant und gewaltvoll kritisierten, übernahmen sie paradoxerweise aber die radikale Lesart der Islamisten und bestätigten damit implizit deren Anspruch, den wahren Islam zu vertreten.Der Islam erschien als Antithese zum WestenNach dem 11. September wollte die Öffentlichkeit in den USA und anderen westlichen Staaten verstehen, wie es zu den Anschlägen hatte kommen können – und wie derartige Taten künftig zu verhindern seien. Eine Flut von Talkshows, Artikeln, Studien und Büchern suchte diese Fragen zu ergründen. Die Auseinandersetzung über den Islam und den Zusammenhang mit Islamismus und islamistischem Terrorismus prägte über Jahre den öffentlichen Diskurs.Linke wie rechte Regierungen gaben dem Kampf gegen die islamistische Bedrohung höchste Priorität. Mit der Patriot Act und ähnlichen Gesetzen wurden die Befugnisse von Polizei und Geheimdienst stark ausgeweitet und neue Abteilungen für den Kampf gegen den Islamismus aufgebaut. An den Universitäten entstanden neue Lehrstühle und Institute. Die Islamwissenschaft und verwandte Disziplinen, die bis dahin ein Nischendasein geführt hatten, waren plötzlich hoch im Kurs.Das Ergebnis war eine Vielzahl von wissenschaftlichen Aufsätzen und Studien, die das Phänomen des Islamismus aus historischer, soziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive beleuchteten. Auf die Meinungsbildung und die amerikanische Politik hatten diese Studien aber nur bedingt Einfluss. Im öffentlichen Diskurs verwischte sich die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus. Statt Differenzierung dominierten Stereotype die Debatte. Für viele Amerikaner stand der Islam schlicht für Terror und Gewalt.Huntingtons Theorie schien sich zu bewahrheitenSchon vor dem 11. September hatte es in der westlichen Öffentlichkeit grosse Vorbehalte gegenüber dem Islam gegeben. Edward Said hatte bereits 1978 in seinem Klassiker «Orientalismus» geschrieben, die Muslime seien für den Westen das prototypische Andere. Der Orient werde seit der Zeit des Kolonialismus im Westen als religiös, rückständig und statisch dargestellt und damit als Gegenbild zum modernen, aufgeklärten und fortschrittlichen Westen, kritisierte Said.Dieses Narrativ lebte mit dem Terror von al-Kaida neu auf. Vermehrt wurde infrage gestellt, ob die Muslime in die westlichen Gesellschaften integrierbar seien und ob der Islam mit der Demokratie vereinbar sei. Viele sahen im 11. September den Beweis für Samuel Huntingtons Theorie des «Clash of Civilizations». Der Politologe hatte 1996 prophezeit, nach dem Ende des Kalten Kriegs würden Konflikte zwischen Kulturräumen verlaufen – zuvorderst zwischen dem Westen und dem Islam.Der Fokus auf die politische Ideologie des Islamismus verzerrte jedoch die Debatte. Der mystische Islam der Sufis oder der synkretistische Volksislam, dem die meisten Muslime in der Welt folgen, kamen darin kaum vor. Allzu oft wurde die radikale Lesart von al-Kaida mit dem Islam an sich gleichgesetzt. Dabei ging unter, dass seit je eine Vielzahl von Lesarten nebeneinander bestehen und es den einen, wahren Islam nicht gibt. Auch 25 Jahre später hat sich an den Grundzügen der Debatte wenig geändert. Bis heute verläuft sie in den gleichen Bahnen.Auf beiden Seiten fehlte die Bereitschaft zur SelbstkritikAllzu oft blieb die Debatte in Allgemeinplätzen stecken – in der islamischen Welt wie im Westen. Auf beiden Seiten fehlten die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion und der Wille, auf die Kritik der Gegenseite einzugehen. «Warum hassen sie uns?», hatte Bush nach den Anschlägen in seiner Rede vor dem Kongress gefragt – und gleich selbst die Antwort gegeben: «Sie hassen unsere Freiheit – unsere Religionsfreiheit, unsere Meinungsfreiheit, unsere Freiheit, zu wählen und sich zu versammeln und anderer Meinung zu sein.»Damit erntete Bush bei seinen Landsleuten viel Zustimmung. Al-Kaida selbst gab jedoch eine andere Erklärung. So begründete Usama bin Ladin den Kampf gegen die USA mit deren bedingungsloser Unterstützung für Israel, der Stationierung amerikanischer Truppen im Land der heiligen Stätten, der Unterstützung autoritärer Regime in der arabischen Welt und den Sanktionen gegen den Irak, die in den neunziger Jahren Hunderttausende Zivilisten das Leben gekostet hatten.Al-Kaida rechtfertigte den eigenen Kampf also nicht damit, was Amerika ist, sondern damit, was Amerika tut. Doch statt auf die Kritik an der eigenen Politik einzugehen, stürzte sich die Bush-Regierung mit der Intervention in Afghanistan und der Invasion des Iraks in zwei Kriege, die den Nahen Osten zutiefst destabilisierten. Ungewollt befeuerten die USA so den Krieg der Zivilisationen, den al-Kaida mit den Anschlägen hatte entfachen wollen. Der Terror, den Usama bin Ladin nach Amerika gebracht hatte, traf am Ende jedoch vor allem die Muslime selbst.Passend zum Artikel
Seit dem 11. September 2001 steht der Islam unter Generalverdacht
Nach dem 11. September 2001 verurteilten die meisten muslimischen Staaten die Tötung unschuldiger Zivilisten. Eine ehrliche Auseinandersetzung über den Zusammenhang von Islam und Gewalt blieb aber aus.









