Seit niemand mehr nach Hauptstadtromanen ruft, erscheinen die ständig. Zwei davon allein hat Dana Vowinckel seit 2023 geschrieben, die in Berlin geboren wurde, in Kreuzberg aufgewachsen und in Schöneberg zur Schule gegangen ist, als Tochter zweier Zugezogener, die beide ihre Herkünfte hinter sich ließen, um in der Hauptstadt das zu finden, was sie suchten. In ihren Romanen erzählt Dana Vowinckel, Jahrgang 1996, davon, wie Kinder solcher Eltern durch Berlin navigieren und die Stadt zu ihrem Dorf machen.So könnte ein Porträt über Dana Vowinckel beginnen, um deren Debüt „Gewässer im Ziplock“ sich vor Jahren die Verlage rissen. Erschienen ist es dann 2023 bei Suhrkamp, genau wie ihr neuer Roman „Anton und Alma“, der seit Freitag in den Buchläden und auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 steht.

Man könnte aber auch so anfangen: Dana Vowinckel hat zwei Romane geschrieben, deren erzählerische Souveränität stark ist, weil es der Autorin gelingt, in wechselnden Perspektiven vom Gefälle zwischen Eltern und Kindern, vom Chaos und Glück und den Konflikten des Erwachsenwerdens zu erzählen, auch in der ersten richtigen Liebesbeziehung.Aber vielleicht ist das am besten: Die Schriftstellerin Dana Vowinckel ist die Tochter eines jüdischen Vaters aus Chicago und einer protestantischen Mutter aus Bielefeld, die sich in Israel kennengelernt und ihr gemeinsames Kind in Berlin großgezogen haben. In ihren beiden Romanen hat Vowinckel vom jüdischen Leben zwischen Deutschland, USA und Israel erzählt, pendelnd zwischen den Orten, wechselnd im Fokus auf kulturelle und religiöse Prägungen und generationale Konflikte – und all das in einer Prosa, die schwer und leicht zugleich ist, eine Art hochkomplexe Strandlektüre, die Politik, Religion, Geschichte und heartbreak im Wechsel verhandelt.Sie scheut sich nicht, auch über ganz große Motive zu sprechenAm Ende fängt man aber einfach damit an, wie Dana Vowinckel an einem Spätsommerdienstag ins Restaurant an der Berliner Torstraße kommt und im Gespräch über „Anton und Alma“ und „Gewässer im Ziplock“ selbstbewusst und selbstironisch zugleich die konzeptuellen Entscheidungen benennt, die ihren beiden Romanen vorangingen. Und die sich nicht scheut, auch über ganz große Motive zu sprechen, die sie bearbeiten will.„Gewässer im Ziplock“ erzählte 2023 von Margarita, die bei ihrem israelischen Vater Avi aufwächst, der Kantor einer Berliner Synagoge ist, in den Sommerferien erst zu ihren Großeltern nach Chicago und dann zu ihrer Mutter nach Jerusalem reist und so gar nicht klarkommt damit, wohin sie gehört, familiär, kulturell. Margarita ist zwar erst 15, aber sie muss ganz schön viel an Politik verkraften – auch, dass Lior aus Tel Aviv sie nicht so gut findet wie sie ihn und Nico aus Berlin ihr nicht textet.Der eine ist aus Schöneberg, die andere aus BiesdorfDer neue Roman handelt jetzt von Anton, Sohn einer jüdischen intellektuellen Schöneberger Familie, und von Alma, die aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen in Biesdorf im Osten der Stadt kommt. Davon, wie sie sich zu Schulzeiten im Frankreich-Austausch kennenlernen, Jahre später im Studium wiedertreffen, da sind beide Mitte zwanzig, und ein Paar werden, aber zerbrechen, weil Anton an der Columbia University promovieren will und Alma, die einen Uni-Job angenommen hat, statt weiter über „Müll in der Literatur“ zu forschen, das als Entscheidung gegen eine Zukunft zu zweit empfindet.Dana Vowinckel ist als Tochter deutsch-amerikanischer Eltern in Berlin geboren worden und aufgewachsen.Paulina HildesheimDann finden die beiden aber doch wieder zueinander: Denn Anton ist nach dem 7. Oktober in ihre gemeinsame Kreuzberger Wohnung zurückgekehrt, weil er es im polarisierten New York der Proteste und Kampagnen gegen und für den Gazakrieg nicht mehr ausgehalten hat. Irgendwann erzählt ihm sein bester Freund, was man als Leser längst weiß: dass Alma begonnen hat, in Antons Gemeinde zum jüdischen Glauben zu konvertieren. Und wieder droht die Beziehung zu zerbrechen.Gott spielt in diesem Schlamassel eine Nebenrolle, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit eine viel größere. „Ich glaube, es ist sehr, sehr schwer, sich dem komplett zu verweigern, dass man sich irgendwie erzählen muss, warum man auf dieser Erde ist“, sagt Dana Vowinckel über ihre beiden Hauptfiguren. Anton versucht sich über die Theorien, die er studiert, sein eigenes Leben zu erklären, passt sie an, so wie er es braucht. Alma hat als Teenagerin ihren Vater verloren, hasst ihren Stiefvater, hatte sich schon als Teenie in Anton verliebt – und als sie ihn dann viel später wieder verliert, hält sie sich an der Religion fest, die sie über Anton kennengelernt hat.Alma ist übrigens vielleicht entfernt mit Martin Bormann verwandt, dem Privatsekretär Hitlers. Man kann das echt too much finden, aber es ist eines der komischen Leitmotive des Buchs und ein weiteres Indiz für dessen großes Thema: Kontingenz, würde man es philosophisch nennen. „Es geht um die Zufälle im Leben“, stimmt Dana Vowinckel zu. „Aber als Autorin habe ich ja die Entscheidungsfreiheit, in welche Zufälle die Figuren im Roman hineinfallen. Anton denkt einmal: Alma Bormann will jetzt Jüdin werden. Einerseits kann man sagen, es ist ein Zufall. Andererseits kann man auch fragen: Es ist wirklich noch ein Zufall, wenn so viele Menschen in Deutschland konvertieren? Alma steht auch für eine bestimmte Art von Deutschen, die eine extreme Nähe zum Judentum und zum jüdischen Leben verspüren und die sie selber als zufällig wahrnehmen. Sie finden, es sei einfach eine wunderschöne Religion, eine total faszinierende.“Coming-of-Age-Story, Liebesgeschichte, Berlin-RomanAlmas Wunsch nach Zugehörigkeit und Antons Wunsch nach Emanzipation verwebt der neue Roman. 530 Seiten ist er lang, das Manuskript war noch mal 300 länger, auch das Debüt hatte 350 dicht bedruckte Seiten. Beide Romane spielen auf mindestens zwei Kontinenten. Beide erzählen aus jüdischem Alltagsleben in Berlin. Und das so detailliert, dass im Debüt noch ein Glossar angefügt war, für Halacha, treif, Hawdala, Schacharit. Coming-of-Age-Story, Liebesgeschichte, Berlin-Roman: Man kann zwar ein Element wichtiger finden als das andere, man kann mit Alma heulen und mit Margarita über ihre Eltern lachen. Immer aber berichtet Dana Vowinckel aus einem jüdischen Leben heute, in diesem Augenblick, in dieser Zeit.„Gewässer im Ziplock“ war sechs Wochen vor dem 7. Oktober 2023 erschienen, „Anton und Alma“ erzählt jetzt vom Hamas-Terrorangriff und davon, was auf ihn folgte. Im ersten Roman macht Margarita mit ihrer Mutter einen Roadtrip, der sie nah an die West Bank führt, im zweiten streitet sich Anton mit seinem amerikanischen Vater Gary am Berliner Küchentisch über die jüdischen Siedler dort: „Jetzt hat uns die Hamas zu diesem Krieg gezwungen und benutzt die Leute als menschliche Schutzschilde“, sagt Gary. „Wer sind denn wir“, fragt sein Sohn zurück. „Und niemand zwingt uns.“Dana Vowinckel: „Anton und Alma“SuhrkampDie Arbeit an „Anton und Alma“ hat zwei Jahre gedauert, inklusive eines Zusammenbruchs unter der Last all der Stoffe und Motive, die Dana Vowinckel behandeln wollte. Sie hat Anton die Idee der „Metahistory“ des Historikers Hayden White mit auf den Weg nach New York gegeben: „Der Geschichtswissenschaftler muss die Vergangenheit in ein Narrativ formen, weil sie formlos ist“, behauptet White, Historiker pressen, was gewesen ist, in Formate: Komödie, Romanze, Satire oder Tragödie. Anton versucht, damit in seiner Doktorarbeit die Geschichte der Massenkonversion der Chasaren zum Judentum zu deuten, eines frühmittelalterlichen Turkvolks – aber auch seinem eigenen Leben einen Sinn zu geben.Die Autorin selbst ist mit elf Jahren konvertiert. Sie hat die Sommerferien bei den jüdischen Großeltern in Chicago verbracht, ihre Großmutter ist kürzlich mit fast 100 Jahren gestorben. Sie nennt das Wechseln zwischen den Kontinenten das „Grundrauschen meines Lebens“, sagt, dass ihre Vorstellung von den USA „sehr eng mit dem 20. Jahrhundert zusammenhängt. Und damit, dass meine amerikanischen Großeltern junge Erwachsene waren, als sie von der Schoa erfahren haben. Mein Vater ist dann über Jerusalem nach Berlin gekommen und hat ein deutsches Kind bekommen.“ Dieses deutsche Kind hat vor unserem Gespräch noch seine Bielefelder Oma in einem Berliner Altenheim besucht. Und es träumt von dem Viertel, Hyde Park, wo die Chicagoer Oma aus dem 38. Stock ihres Apartments auf den Lake Michigan geschaut hat. „Ich glaube, Sie finden keinen deutschen Juden, der nicht mit dem Deutschsein hadert“, sagt Dana Vowinckel.Vor einiger Zeit hat sie ihren Freund, der Schweizer ist, geheiratet. „Immer wenn ich mit meinem Mann in der Synagoge war“, erzählt sie jetzt, „haben Leute gefragt, wann er denn konvertiert. Und ich dachte immer, eigentlich möchte ich das nicht, weil ich nicht besonders religiös bin. Ich fände es komisch, wenn jemand für mich in eine Religion konvertiert, die für mich eher etwas von Zugehörigkeit hat, so wie man in eine Familie gehört. Und dann habe ich irgendwann gedacht: Was wäre eigentlich, wenn er jetzt den dringenden Wunsch hätte, zum Judentum zu konvertieren?“ Und so schrieb sie ihren Roman auch, um Almas Entscheidung zu verstehen.Die Perspektive ist nicht auf individuelle Erfahrung verengtAber bei allen autobiographischen Motiven: Dana Vowinckel hat ihn nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben. Sie wechselt die Perspektiven vielmehr, im Debüt zwischen Vater und Tochter, im neuen Buch zwischen Anton und Alma. Und sie weitet so den Blick, der nicht verengt bleibt auf individuelle Erfahrung, sondern mehr erfassen muss, auch Distanz schafft zu den Figuren und so Humor ermöglicht. Man lacht oft, nicht nur über die Sache mit Bormann. Vor allem, wenn gegessen wird, wird es komisch, und es wird viel gegessen. Die Väter tun es meist mit offenem Mund.Als „Gewässer im Ziplock“ erschien, hatte sie noch davon gesprochen, einen ganz selbstverständlich jüdischen deutschen Familienroman schreiben zu wollen. „Das ist beim zweiten Roman anders“, sagt sie jetzt. „Mir ist in den vergangenen Jahren dieses Wirgefühl den Juden gegenüber abhandengekommen.“ Und um das zu erklären und warum dieser neue Roman nicht nur wegen der Liebesgeschichte um einiges dunkler geworden ist als der erste, spricht sie dann lange von dem, was seit dem 7. Oktober 2023 in ihrem eigenen Leben als Jüdin geschehen ist.Dana Vowinckels veränderter Blick auf den Gazakrieg„Mir wurde Anfang 2024 klar, wie gewollt das ist, was in Gaza passiert“, sagt sie. „Vielleicht war ich spät dran damit, aber es hat für mich gedauert, weil ich so beschäftigt war mit diesem Entsetzen über das, was im Oktober 2023 passiert ist. Ich bin natürlich nicht eines Tages aufgewacht und habe entschieden, ab jetzt von einem Genozid zu sprechen, aber ich würde schon sagen, dass da irgendwann eine Abwehr dem Entsetzen gewichen ist, dass sich für mich nicht mehr mit Sinn und Verstand leugnen lässt, dass in Gaza ein Völkermord stattfindet. Dadurch, das zu sagen, negiert man ja auch nicht, dass die Hamas in Gaza Unrecht, Willkür und grausamste Gewalt walten lässt.“Anton ist an diesem Punkt noch nicht angekommen, aber er verlässt New York in größter Verzweiflung und sucht nach einer Position, die sich nicht instrumentalisieren lässt. „Die antisemitische Gewalt nimmt neue Ausmaße an, während in Gaza Kinder verhungern, las Anton“, heißt es spät im Roman. Anton wünscht sich, dass er „nie wieder die bekloppte Phrase die Gleichzeitigkeit der Dinge lesen musste. Es ging nicht um die Gleichzeitigkeit, es ging um die Schrecklichkeit.“Am Ende des Romans steht ein Rätsel, keine Antwort„Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was ich kenne, außer mir selbst“, sagt Dana Vowinckel. „Aber ich kann nur noch mit sehr wenigen Leuten wirklich offen sprechen. Ich bin entsetzt, wenn ich lese, wie die ‚Jüdische Allgemeine‘ gegen Journalisten hetzt, die auch über die Katastrophe in Gaza berichten, wie beispielsweise Sophie von der Tann, und die Leute beim Zentralrat stört es nicht, von in andere Richtungen extrem diskriminierenden Politikern instrumentalisiert zu werden, etwa wenn es um Hetze gegen Muslime in Deutschland geht, solange das im Namen der Bekämpfung von Antisemitismus geschieht. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, ich biete den Leuten, die von Anfang an antisemitisch waren, Futter, weil ich jetzt ‚die gute Jüdin‘ bin, die es endlich ausspricht. Deswegen war es für mich wichtig, dass im Roman am Ende ein Rätsel steht und nicht eine Antwort. Es muss eigentlich alles zerfallen für Anton.“ Das spitzt sich auf den letzten Seiten des Romans zu.„Ich glaube, dass Menschen die politischen Aspekte auch sehr gut überlesen können“, sagt Dana Vowinckel über „Anton und Alma“. „Das ist für mich total in Ordnung. Ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass ich Leuten etwas über den Nahostkonflikt sagen wollte. Eigentlich wollte ich sagen: Ich weiß nichts mehr über den Nahostkonflikt. Ich bin alle. Ich bin völlig fertig, alle schreien nur noch. Und eigentlich ist der Roman für mich auch diese große Liebesgeschichte.“ Das ist er. Und alles andere auch.