Kurz vor dem Ende ihrer knapp achtminütigen Rede stockte Miroslava, genannt „Mirka“ Federer dann doch die Stimme. „Roger, danke dir“, schluchzte sie und setzte kurz ab. Lange hatte die 48-Jährige dagegen gekämpft, nun kullerten die Tränen. Zunächst bei ihr, Sekunden später bei ihrem Ehemann, Roger Federer. „Danke, dass du vor all den Jahren in Sydney so beharrlich geblieben bist“, sagte sie. „Danke, dass du dich seitdem jeden einzelnen Tag für unsere Familie entschieden hast. Dir bei deiner Karriere zuzuschauen und diese zu begleiten, war ein absolutes Privileg und hat mir die größte Freude bereitet. Das Leben mit dir zu teilen, ist noch ein größeres Privileg.“Die Worte seiner Frau waren der tränenreiche Höhepunkt eines rührseligen Abends, an dem Roger Federer am Rande der US Open in die „International Tennis Hall of Fame“ aufgenommen wurde. Federer selbst hatte die gebürtige Slowakin, die mehr als 20 Jahre die sportlichen und familiären Belange des Weltsportlers im Hintergrund managte, für die Laudatio ausgewählt. Mirka, einst selbst Profitennisspielerin, die Federer im Rahmen der Olympischen Spiele 2000 in Sydney kennengelernt hatte, meidet öffentliche Auftritte sonst strikt. „Oh, man. Sie spricht ja öffentlich richtig gut“, kommentierte Federer zu Beginn seiner folgenden Rede und erntete dafür die ersten Lacher.Als 271. Mitglied ist Federer nun Teil jener Ruhmeshalle, mit der der Tennissport seit 1955 seine prägendsten Personen, seien es Trainer, Funktionäre oder Journalisten, würdigt. Neben dem 45-Jährigen wurde am Samstag außerdem die frühere Profispielerin Mary Carillo aufgenommen, die schon lange als TV-Expertin arbeitet und in dieser Rolle auch nicht vor Themen wie sexualisierter Gewalt im Tennis zurückschreckt. Doch der Abend stand natürlich ganz im Zeichen Federers. Zu seiner Ehrung in Newport im US-Bundesstaat Rhode Island waren auch seine vier Kinder, etliche frühere Tennisstars und mehr als tausend Fans gekommen.Volley gegen McEnroe, Showmatch gegen RoddickFederer, der seine große Karriere im Herbst 2022 nach langwierigen Knieproblemen nicht ganz selbstbestimmt beendet hatte, besitzt auch vier Jahre nach seinem Abschied noch immer ein Charisma, eine Aura und eine Präsenz, die weit über das Tennis hinausstrahlt. Mit 22 Grand Slams und insgesamt 103 ATP-Titeln ist der Weltsportler aus der Schweiz einer der erfolgreichsten Spieler aller Zeiten. Vor allem aber gilt er dank seiner nach außen hin bescheidenen und stilvollen Art auf und abseits der Tennisplätze als vielleicht beliebtester Akteur in der Geschichte seiner Sportart.Wer dieser Tage in New York oder Newport weilte, spürte, dass Federer wie kein anderer Tennisprofi eine Aura besitzt, die die Amerikaner als „larger than life“ beschreiben, als „größer als das Leben“. Als er bei einem Show-Doppel unter anderem mit John McEnroe auf einem kleinen Rasencourt einen traumhaften Volley hinter dem Rücken schlug, ging das Video davon viral. Als er vor Beginn der US Open im Arthur Ashe Stadium zu einem Showmatch gegen Andy Roddick antrat, war das größte Tennisstadion der Welt nahezu vollbesetzt. Als er ins Stadion einlief, gab es Standing Ovations. Schlug er seine ikonische einhändige Rückhand, verzückte das die Fans und brachte Roddick zum Verzweifeln: „Das hasse ich immer noch“, klagter er scherzhaft.Der Kanadier Felix Auger-Aliassime, ein etablierter Topspieler und bei den US Open an Nummer drei gesetzt, gehört zu jener Tennis-Generation, die Federer noch selbst als Gegner begegnet ist. Bei dem Showmatch gegen Roddick sei er im Stadion gewesen, erzählte er. „Es war eine schöne Art, die größte Legende unseres Sports zu ehren. Man konnte sehen, was für einen riesigen Einfluss er auf die Tennisfans auch Jahre nach dem Karriereende noch hat. Ich meine, wer sonst füllt für ein Showmatch solch ein Stadion. Das ist verrückt und auch gut für die jungen Spieler zu sehen, welches Vermächtnis er uns und den jungen Spielern hinterlässt.“Niemals gegen Sinner und AlcarazAuger-Aliassime schätzt sich glücklich, in seinen frühen Jahren viel Zeit mit Federer verbracht zu haben. „Er war im und außerhalb des Trainings sehr großzügig mit seiner Zeit. Ich habe sehr davon profitiert.“ Die Liste der Profis, deren Karrieren Federer derart geprägt hat, ist noch immer lang. Die Liste derer, die ihn als ihr Idol nennen, auch. Und doch scheint es möglich, dass sich in dieser Hinsicht etwas verschiebt, je länger Federers Karriereende zurückliegt. Schon die aktuellen Dominatoren der Tenniswelt, Jannik Sinner und Carlos Alcaraz, standen dem Schweizer nie in einem Profimatch gegenüber. Eine einhändige Rückhand schlägt heute in der Weltspitze auch kaum noch jemand.Für Mirka Federer ist all das allerdings ohnehin gar nicht wichtig. „So viele Menschen auf der Welt kennen Roger als einen der besten Tennisspieler, die je gelebt haben“, sagte sie am Samstagabend. „Sie kennen alle Titel, alle Rekorde, seine Rekorde, seine Rivalen und Siege. All die Momente, die Teil der Tennishistorie geworden sind.“ Doch diejenigen, die ihn besser kennen, wüssten, dass das nur ein Teil seines Vermächtnisses sei. „Was mich am meisten stolz macht, ist nicht, was er erreicht hat, wenn die Welt zugeschaut hat. Sondern wer er ist, wenn niemand zuschaut.“
Roger Federer in die Tennis Hall of Fame aufgenommen: Größer als das Leben
Am Rande der US Open wird Roger Federer in die „Hall of Fame“ des Tennis aufgenommen. Die Laudatio seiner Frau rührt ihn zu Tränen. Sein Vermächtnis geht weit über das Geschehen auf dem Platz hinaus.











