Wie beim Hollywood-Werk „Odyssee“ ist auch bei der Gelsenkirchener Großproduktion „Mythos Schalke – ein Leben lang“ der Ausgang der Erzählung allen längst bekannt, bevor sie das Kino betreten haben. Das Publikum weiß: Die Helden in diesem wie in jenem Film werden Schmerzen und Schwierigkeiten überwinden müssen, aber sie werden ihr Ziel erreichen. Odysseus wird wieder König von Ithaka und schließt Penelope in die Arme, Schalke 04 kehrt in die Bundesliga zurück und wird liebevoll von Aki Watzke in Empfang genommen.Obwohl also längst alle Bescheid wissen, sind die Kinosäle voll. „Die Odyssee“ hatte in Deutschland bereits mehr als drei Millionen Zuschauer, und der just angelaufene Schalke-Film findet ebenfalls seine zahlreichen Besucher, im ganzen Land. Das UCI in Duisburg etwa meldete für die Vorstellung am Donnerstagabend: ausverkauft. Von Theatern in Wuppertal, Solingen, Düsseldorf und Köln bis zum CinemaxX am Münchner Isartorplatz – überall steht jetzt die Saga von Schalkes Aufstieg auf dem Programm.Die Parallelen sind aber auch offensichtlich. Beide Filme handeln von Legenden, die Stoff für Weltliteratur bieten. Blut, Schweiß und Tränen sind ihre Elemente. Und das eine wie das andere Kinoerlebnis beruht auf der Meisterschaft berühmter Regisseure und Darsteller: Hier Christopher Nolan, Matt Damon und Tom Holland, dort Frank Baumann, Miron Muslic und Kenan Karaman.Die komplette Mannschaft, Vorstand und Honoratioren und selbstverständlich auch das knollennasige Maskottchen Erwin haben sich am Mittwochabend in der ehrwürdigen Schauburg in Gelsenkirchen die Kinoversion ihrer Erfolgsgeschichte angesehen. Es gab Popcorn und Flaschenbier. Dem festlichen Anlass gemäß trug der fesche Trainer Miron Muslic einen Anzug, der Mao Zedongs Kleiderordnung zitierte – bloß in der zeitgemäß modischen Variante. Dass so ein Film ins Kino komme und dort von Zehntausenden geguckt werde, das sei „schon Wahnsinn“, meinte der Vorstandsvorsitzende Matthias Tillmann, „aber das zeigt, dass Schalke einfach mehr ist als ein Fußballverein, mehr ist als ‚Ich geh samstags oder sonntags ins Stadion und guck mir ein Spiel an‘“.In der zweiten Liga reichte das handwerkliche und psychologische Geschick des TrainersAm ersten Spieltag der Saison müssen die Schalker sonntags ins Stadion gehen, um ihr Team zu sehen. Allzu viele werden es nicht sein, der Aufsteiger startet auswärts, aber auch beim FC Augsburg wird garantiert viel Königsblau auf den Rängen zu finden sein. Mehr als 7000 Fans haben Schalke im Durchschnitt in der vergangenen Saison zu jeder Zweitligapartie begleitet, kein Verein in Deutschland hatte in fremden Stadien mehr Zulauf. Auf Platz zwei steht der Hamburger SV mit circa 6000. Wer auch immer wie auch immer diese Zahlen ermittelt – es ist nicht die Marketingabteilung des FC Schalke, die den Mythos zu polieren sucht. Der Mythos ist echt.Dinge, die selbstverständlich sind: Der Ball, die Erde und der Mond sind rund, Schalke hat eine riesengroße und unnormal leidenschaftliche Anhängerschaft. Die Frage vor dieser Saison lautet, wie der Verein seine größte natürliche Ressource zu nutzen weiß, damit die Kräfte des Publikums die Schwächen der Mannschaft kompensieren. Diese Schwächen gab es auch im Aufstiegsjahr, Trainer Muslic wusste dank psychologischem und handwerklichem Geschick damit umzugehen. In der ersten Liga wird die Aufgabe für ihn schwieriger.Andere Vereine, wie im Vorjahr der 1. FC Köln und der Hamburger SV, tauschen die halbe Mannschaft aus, wenn sie es aus der zweiten in die erste Liga geschafft hatten. Die Schalker haben das im Sommer nicht getan, aber das liegt weniger am Vertrauen gegenüber ihren geschätzten Aufsteigern, sondern vor allem daran, dass ihr Budget auf beinahe lachhafte Weise begrenzt ist. Beträge, wie sie die Mitaufsteiger aufwenden konnten, sind in Gelsenkirchen nicht denkbar. Während die SV Elversberg unter anderem sechs Millionen Euro für den jungen US-Profi Cole Campbell übrig hatte, der SC Paderborn je drei Millionen in die Angreifer Gabriel Vidovic und Marvin Pieringer stecken konnte, ging Frank Baumann seinem Frankfurter Kollegen Markus Krösche nicht wochen-, sondern monatelang auf die Nerven, um den Preis für Dina Ebimbe zu drücken. Es ging dabei um ein paar Hunderttausend Euro – inflationsbereinigt ein Geldbetrag aus den Zeiten, als Schalke noch mit dem STV Horst Emscher konkurrierte.Zwar haben Schalkes Zugänge einen sehr viel höheren Prominenz-Faktor als die in Elversberg und Paderborn. Sie eint jedoch ein zwiespältiges Merkmal. Der österreichische Verteidiger Maximilian Wöber, sein Landsmann Junior Adamu, der Franzose Ebimbe, der DFB-Nationalspieler Robin Gosens und der erneut angeheuerte Torjäger Edin Dzeko – sie alle hatten schon einen deutlich höheren Marktwert als jetzt. Das liegt unter anderem daran, dass Wöber in der Karriere öfter mit Verletzungen als mit Gegenspielern zu kämpfen hatte und der Stürmer Adamu scheinbar notorisch an Problemen beim Torschuss leidet. Bei Ebimbe mangelte es an der Konstanz seiner Leistungen, bei Gosens taten sich zu oft defensive Schwächen auf, beim 40-jährigen Dzeko gibt das Alter zu denken.Andererseits hat Adamu während der Vorbereitung mit seinem Tempo, seiner Laufstärke und dem einen oder anderen gelungen Steilpass geglänzt, und während sich Ebimbe und Gosens der Stammelf allmählich nähern, hat Dzeko am Montag beim Pokalspiel in Halle (5:2 n.V.) auf typische Weise Tatsachen geschaffen. Er kam in der 64. Minute von der Reservebank herein und war als Torschütze und -vorbereiter der Problemlöser, den das Team brauchte.Dem Kinofilm über den Aufstieg soll im nächsten Sommer ein zweiter Teil folgen. Sequels sind zwar immer heikel, aber wenn es mit dem Klassenverbleib klappen sollte, dann wird der nächste Film ein Blockbuster – und Miron Muslic goes to Hollywood.
Schalke 04: Das Publikum soll die Schwächen kompensieren
Der Kader der Schalker wird mit bekannten Zugängen verstärkt – die allerdings alle schon mal deutlich höhere Marktwerte hatten.










