Ein Klub, der nur die Extreme kennt – Schalke ist zurück und elektrisiert seine FangemeindeDie Verantwortlichen des notorisch nervösen Klubs erscheinen so vernünftig wie lange nicht mehr. Reicht das, um im emotionalen Umfeld Ruhe zu bewahren?Daniel Theweleit30.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenSchalke-Fans: Wer einmal eine Affäre mit diesem Klub eingeht, wird von einer Liebe ergriffen, die niemals ganz erlischt.Moritz Mueller / ImagoEmotionen. Überall Emotionen. Geradezu inflationär wird dieser Begriff beim FC Schalke 04 verwendet. Auf Pressekonferenzen, in Spielerinterviews und besonders redundant in einem Dokumentarfilm namens «Mythos Schalke», der in dieser Woche in die Kinos kommt. Selbst auf die Frage, was diesen «Mythos» ausmache, erwidert der Trainer Miron Muslic auf dem blauen Premierenteppich nur ein Wort: «Emotionen».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer einmal eine Affäre mit diesem Klub eingeht, wird von einer Liebe ergriffen, die niemals ganz erlischt, lautet die Erzählung. Und anlässlich der Rückkehr dieses aussergewöhnlichen Fussballklubs in die Bundesliga ist die über ganz Deutschland verteilte Fangemeinde elektrisiert wie lange nicht.100 000 Menschen kamen zur Saisoneröffnung. Innerhalb weniger Stunden waren die 40 000 weissen Auswärtstrikots fürs neue Spieljahr mit Retrowappen auf der Brust vergriffen. Im Vorverkauf für die Kinovorstellungen der Doku wurden zwischen Kiel und München mehr als 20 000 Tickets abgesetzt.Im Vorjahr war Schalke zum vierten Mal nacheinander der deutsche Klub, der die grössten Fanmassen zu Auswärtsspielen mitbrachte. Und wer durch die Stadt läuft, spürt es überall: Emotionen. «Das Besondere ist, dass diese Extreme da sind», sagt der vor einem Jahr aus Bremen nach Gelsenkirchen gewechselte Sportvorstand Frank Baumann, der ein Mastermind der jüngsten Erfolge ist. Es geht auf und ab, bis ans Äusserste, der Erlebnisfaktor ist gewaltig.Ein Moment tiefster DemütigungWährend die Bayern so gut wie immer Meister werden, Dortmund, Stuttgart, Leipzig oder Frankfurt irgendwo dahinter landen und Köln zwar einmal ab-, umgehend aber eher unspektakulär wieder aufsteigt, ist Schalke Drama pur. Ständig fehlt das Geld, vier der vergangenen fünf Jahre spielt der Klub in der zweiten Liga, ist vorübergehend in seiner Existenz bedroht. Trainer und Sportchefs kommen und gehen.Und dann ist da dieser finsterste Tag der jüngeren Vergangenheit im Mai 2025, als Schalke die schlechteste Saison seiner Geschichte auf dem 14. Platz der zweiten Liga beendet. Die Spieler werden mit einem grossen Transparent als «Versager» in die Sommerpause verabschiedet, ein Moment tiefster Demütigung. Und was für ein schönes Fundament für die Auferstehung dieses Phönix in Königsblau.Mit Muslic kam ein Trainer, der sagt, er verstehe die Menschen in der armen Stadt Gelsenkirchen, weil er selbst Anfang der 1990er Jahre als bosnisches Flüchtlingskind unter sehr schwierigen Bedingungen in Österreich aufgewachsen sei. Ähnlich bedeutsam ist der Sportchef Baumann, der uneitel und pragmatisch den Mangel beim unter hohen Schulden leidenden Klub verwaltet und zugleich fachlich kluge Entscheidungen trifft. Hinzu kommt Youri Mulder, der Direktor Profifussball und ein Schalker Held der Vergangenheit, der tief vertraut ist mit dem Wesen des Klubs. Nach Jahren der Konflikte ist nicht nur ein fruchtbares Arbeitsklima im Inneren entstanden, sondern auch eine erstaunliche Anziehungskraft nach aussen.Tatsächlich stimmt etwa die Geschichte über Edin Dzeko, der sich in der Winterpause eigeninitiativ beim FC Schalke bewarb. Von alleine wäre Baumann niemals auf die Idee gekommen, bei solch einem Weltstar anzufragen, schliesslich hatte der Klub in der Vorsaison schon Mühe, halbwegs brauchbare Zweitligaspieler zu bezahlen. Zudem lag Dzeko ein erheblich lukrativeres Angebot vom aufstrebenden französischen Erstligaverein Paris FC vor. Aber der Bosnier sagte, er habe mehr Lust auf ein Abenteuer gehabt, das ihn wirklich berühre, und legte dabei eine Hand auf sein Herz. Emotionen eben.In diesem Sommer schloss sich nun Robin Gosens dem Klub an, der noch 2023 gemeinsam mit Dzeko im Trikot von Inter den Final der Champions League gegen Manchester City bestritten hat. Gosens ist glühender Schalker Fan, mit dem Aufstieg sah er nach Jahren in Bergamo und Florenz endlich den passenden Moment gekommen, zu seinem Lieblingsverein zu wechseln.Auch Muslic ist längst Fan, schwärmt, wie Schalke ihn tief im Inneren «berührt» habe. Ab sofort gehe es darum, den Klub wieder «in der Bundesliga zu etablieren», sagt der 2025 vom englischen Zweitligaabsteiger Plymouth Argyle nach Gelsenkirchen gewechselte Coach. Er gilt längst als spannendste deutschsprachige Trainerentdeckung der jüngeren Vergangenheit. «Miron hat die Leidenschaft und das Leben für den Verein zurückgebracht mit seiner Art», sagt der Abwehrspieler Timo Becker, der ebenfalls eine wichtige Rolle spielt im Schalker Wiedergeburtsepos.Becker ist Schalker seit Geburt. Als Kind wundert er sich, dass sein Vater im Anschluss an die Spiele nach «ein, zwei Bier zu viel» noch den richtigen Eingang in der heimischen Bergarbeitersiedlung findet, wo alle Häuser gleich aussehen. Während seiner Zeit bei Holstein Kiel ging Becker als Fan zu den Spielen seines Herzensklubs, so etwas ist auf Schalke auch jenseits der reinen Leistung relevant.Erstmals seit der grossen Zeit des Managers Rudi Assauer sind alle wichtigen Schlüsselpositionen im Klub wieder mit Menschen besetzt, die als echte Schalker wahrgenommen werden, die sich nichts neiden, die ein ehrliches gemeinsames Interesse verfolgen und die keine Angst vor irgendwelchen gegenläufigen Kräften im Vereinskonstrukt haben.So gut sind die Voraussetzungen für eine stabile Zukunft lange nicht gewesen, denn die Intensität, mit der hier Erfolge und Misserfolge – mal konstruktiv, mal zerstörerisch – in Energie umgesetzt werden, ist zumindest in Deutschland einzigartig. Und im Moment wirken die Kräfte beflügelnd.Deswegen ist Schalke nach der Rückkehr in die Bundesliga auch sofort wieder relevanter als andere Traditionsvereine wie Werder Bremen oder Borussia Mönchengladbach. Als der Vorstandschef Matthias Tillmann in dieser Woche gefragt wird, was für eine Saison er sich wünscht, phantasiert er zunächst von einem «langweiligen ersten Jahr in der Bundesliga» im grauen Mittelmass, schliesslich wäre der Verbleib in der Bundesliga schon ein Erfolg angesichts der bescheidenen Mittel.Der Klub muss sogar einen Transferüberschuss erwirtschaften, um einen Punktabzug in der Saison 2027/28 zu vermeiden. Aber dann erinnert sich Tillmann umgehend daran, dass er diesen Wunsch vergessen könne, weil Schalke ohne Drama nicht mehr Schalke sei.Hoher Besuch: Schalke empfängt im August Real Madrid zum Testspiel.Ayman Alahmed / Steinsiek.ch / ImagoDie Frage ist nur, wo genau sich die negative Seite der Schalker Emotionalität im Moment verbirgt. Die Menschen in der Klubführung machen einen vernünftigen Eindruck. Aber wird der zum Pathos neigende Muslic womöglich in schwierigen Momenten überziehen? Eine in vielen Phasen unerfreuliche Saison für die von wirtschaftlichen Zwängen geprägte Mannschaft ist ja keinesfalls unwahrscheinlich.Vorstellbar ist aber auch ein abermaliger Höhenflug, in dessen Verlauf der besondere Trainer Miron Muslic eine mit sich und den Menschen im Verein verschworene Mannschaft über sich hinauswachsen lässt. Willkommen zurück, Schalke 04, Klub der Extreme.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel