Schon klar: Die Tore entscheiden, der Kader, die Fitness, die Taktik, die Punkte nach 34 Spielen in Folge. Die Gänsehaut-Doku „Mythos Schalke“, mit der Sky die Rückkehr der Knappen in die erste Liga begleitet, hat allerdings noch weitere Gründe auf Lager, warum dem Traditionsverein aus einem der ärmsten Flecken in Deutschland der Wiederaufstieg gelang. Es war die Sprachgewalt des neuen Trainers Miron Muslić, die zum sportlichen Erfolg geführt hat. Seine Wortwahl, sein Tonfall, seine Körpersprache in der Kabine.Und es war die Erinnerungsarbeit, die der Verein in seiner dunkelsten Stunde, nach dem Beinahe-Abstieg in die dritte Liga im Frühjahr 2025, aufnahm. Mit Nachdruck gemahnte man den Zweitligisten damals an seine Verantwortung für die Region. Schalke ist „Fußball-Aberglaube pur“, sagt der Verteidiger Timo Becker in Film, „wirklich ‚ne Religion“. „Das ist nicht normal, wie dieser Verein zu den Familien gehört“, erklärt Sebastian Pantförder, der Leiter des Schalke-Museums, der versammelten Mannschaft. Sie lauscht konzentriert, weil auch er die richtigen Töne anschlägt. Wortkünstler, Geschichtenerzähler haben Schalke gerettet. Erst anschließend kamen die Tore.Ein Film als FußballgottesdienstWeil Schalke eine Religion ist, darf man „Mythos Schalke“ von Christoph Küppers und Martin Schultheiß, ein Film von Sky, der vom „Media House“ des Vereins mit vielen stylishen Wackelvideos aus dem Innenleben beliefert wurde, ohne Weiteres einen Gottesdienst nennen.Einer der Erzähler ist der entschlossene Trainer. Wobei Muslić auch einen Hauch von Ted Lasso besitzt, wie er da bei seiner Ankunft in Gelsenkirchen erst mal Leitworte im Trainingszentrum aufhängen lässt. Beim sanften Ted war das „believe“. Bei ihm sind es die Worte „aggressiv“ „intensiv“, „mutig“. Er will ein „neues Mindset implementieren“.Die Spieler mustern den Neuling ebenso skeptisch wie viele Fans. Ausgerechnet ein Trainer, der mit seinem alten Team gerade aus der zweiten englischen Liga abgestiegen ist, soll sie auf Vordermann bringen. Er begrüßt sie mit markigen Worten auf Englisch: „So get your fucking self ready, okay? Fasten seat belts, and we fucking go, all together.“Noch kommt das nicht an. Aber dass Muslić, der als Kind mit seinen Eltern aus Bosnien nach Österreich floh, ein Mann der klaren Ansagen ist und kein Selbstmitleid duldet, dürfte in diesem Moment jeder verstanden haben. Später sind die Spieler hellwach. Die Worte von Muslić verfangen, auch die wütenden. Und familiär kann er auch.Für die Erläuterung der Schalker Eigenarten – die Blau-Weißen sind eine leicht bipolar gesinnte Gemeinschaft – sind derweil der Eurofighter Youri Mulder, jetzt Sportdirektor, die Knipser-Legende Klaas-Jan Huntelaar und andere wie Sophia Thomalla, Stieftochter Rudi Aussauers, einige Fans oder der gern in der Nordkurve weilende Fußball-Malocher Timo Becker zuständig. Er ist mit Schalke seit der Kindheit in einer Zechensiedlung in Buer so innig wie kein anderer aktiver Spieler verbunden – und trug durch seine pünktliche Rückkehr zur mentalen Einnordung bei.Ausgespart wird die Geschichte des Abstiegs, zu der auch die Geisterspiele der Covid-Pandemie 2020, der unrühmliche Abgang des Patriarchen Clemens Tönnies, der Name des unmöglich gewordenen Sponsors Gazprom 2022 und eine Vielzahl Schall und Rauch gewordener Trainernamen gehören würden.Hier geht es um die WiederauferstehungFür Rückschau und Aufarbeitung ist dieses knackig geschnittene Stück, das aus Vereinssicht auch eine wichtige Marketingmaßnahme darstellen dürfte, allerdings nicht der richtige Platz: Hier geht es um die Wiederauferstehung eines tief gefallenen, im Sommer 2025 (38 Punkte, Platz 14) selbst von härtesten Anhängern hämisch besungenen Teams.Die Dramaturgie führt von diesem historischen Tiefpunkt zur Ankunft des neuen Sportvorstands Frank Baumann und jener von Muslić, und dann geht es temporeich quer durch die Saison zur Rückkehr der stärkenden Fans, der wundersamen Erscheinung Edin Džekos und den Glückstränen Käpt’n Karamans nach seinem erlösenden Treffer zum Wiederaufstieg. „Es war fast zu viel“, sagt Muslić über den endlosen Jubel, „es war fast kitschig.“Die Heldenreise „Mythos Schalke“ ist bei all ihren solide gelösten Stilfragen ebenfalls eine kitschige Sache. In den Speichern der Streamingdienste liegen mittlerweile viele Dokus über Fußballvereine. Ob man dabei an die emotionalen Staffeln von „Sunderland ’til I die“ denkt, die aalglatten Stücke „Inside Borussia Dortmund“ und „FC Bayern – Behind the Legend“ oder Herzerwärmendes wie den aktuellen Film „Poldi“. „Mythos Schalke“ ist insofern nichts Besonderes mehr. An den Blick durchs Schlüsselloch ist man durch die perfekten Social-Media-Inszenierungen der Vereine und Spieler gewöhnt.Fans werden hier reichlich „Pippi inne Auge“ bekommen, wie man im Ruhrgebiet sagt. „Schalke ist ja auch Leiden“, heißt es in der Doku, und Euphorie bis zum Anschlag kommt selten vor. In der neuen Saison geht es um den Klassenerhalt und die wildestmöglichen Derbys gegen die Stadt mit dem unaussprechlichen Namen. Sky hofft auf Wunder und schickt die Doku-Kameras für Folge zwei.Mythos Schalke – Ein Leben lang läuft von Freitag an auf Sky und in etwas längerer Fassung an diesem Wochenende im Kino.
Fußball-Doku "Mythos Schalke" über den Kultverein
„Schalke, das ist ja auch Leiden“, heißt es in der Doku „Mythos Schalke“ auf Sky. Wie wahr. Aber im Film geht es ausnahmsweise einmal um Euphorie bis zum Anschlag: Er dokumentiert den Wiederaufstieg.







