Mit Gewalt und Skrupellosigkeit gelang es dem Ostgoten Theoderich, Italien zu erobern. Als der König im August 526 starb, führte er das mächtigste Germanenreich. Das Mittelalter machte aus ihm eine berühmte Sagengestalt.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDie Festhalle des Hunnenkönigs Etzel ist bereits voller erschlagener Kämpfer, als die überlebenden Burgunder Gunther und Hagen von Tronje vom Helden Dietrich und seinem Schwertmeister Hildebrand herausgefordert werden. „Im Grimm ward gewaffnet / da der Degen gut“, heißt es im Nibelungenlied über den „Berner“. Sie besiegen ihre Gegner und bringen sie gebunden vor Etzels Frau Kriemhild, die furchtbar Rache übt und die Mörder Siegfrieds, ihres Geliebten, erschlägt. „Dietrich und Etzel / huben zu weinen an“, hat Karl Simrock den Schluss des letzten „Abenteuers“ des berühmten Epos’ übertragen.Nicht nur im Nibelungenlied, das um das Jahr 1200 von einem unbekannten Dichter niedergeschrieben wurde, spielt Dietrich von Bern eine wichtige Rolle. Da er in zahlreichen Sagen den Helden gibt, spricht man sogar von einer „Dietrich-Epik“. Ihr Leitmotiv ist die Geschichte eines Königssohns, der aus seiner Heimat „Bern“ vertrieben wird, sich in zahlreichen Abenteuern im Exil beweisen muss, bis er im Alter seine Krone zurückgewinnen kann. Aber anders als der Drachentöter Siegfried hat Dietrich ein Vorbild in der Wirklichkeit: Theoderich den Großen, König der Ostgoten, einen der erfolgreichsten Politiker der Völkerwanderungszeit.Der Mann, der am 30. August 526 in seinem Palast in Ravenna gestorben ist, wäre allerdings kaum über einen gefallenen Gegner in Tränen ausgebrochen. Für die Führungsposition in einem überwiegend aus Goten bestehenden Kriegerverband hatte sich Theoderich mit der Ermordung eines Königs der Sarmaten qualifiziert. Später räumte er eigenhändig einen Rivalen aus dem Weg. Die Herrschaft über Italien gewann er schließlich, indem er den Söldnerführer Odoaker, mit dem er zuvor einen Pakt geschlossen hatte, 493 mit einem Schwertstreich tötete, der vom Schlüsselbein bis zur Hüfte geführt worden sein soll. Den Toten verhöhnte er mit den Worten: „Nicht ein Knochen war in diesem Schuft.“ Dessen Begleitung wurde massakriert.Dass es diesem Schlagetot gelang, dem gebeutelten Italien drei Jahrzehnte Frieden zu bescheren, zählt zu den erstaunlichen Wendungen dieser von Gewalt und Not geprägten Epoche. Es „gab im ganzen westlichen Teil der Welt kein Volk, das nicht Theoderich, solange er lebte, entweder in Freundschaft oder durch Untertänigkeit verbunden war“, urteilte der Historiker Jordanes, ein Gote, der das verlorene Geschichtswerk des Cassiodor zusammenfasste, der lange am Hof in Ravenna das Amt des Kanzleichefs innegehabt hatte. „Der König war mehr als ein erfolgreicher Warlord“, urteilt der Erlanger Althistoriker Hans-Ulrich Wiemer, der dem Goten eine große Biografie gewidmet hat. „Theoderich fand Mittel und Wege, sowohl seine Gefolgschaft als auch die römischen Eliten für seine Herrschaft zu gewinnen.“Bis dahin war es ein weiter Weg gewesen. Als er um 453 in Pannonien, dem heutigen Ungarn, geboren wurde, stand sein Vater einem gotischen Kriegerverband vor, der den Hunnen Gefolgschaft leisten musste und in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451 gegen die Römer und deren gotische Verbündete kämpfte. Diese, die 410 unter ihrem König Alarich Rom geplündert und anschließend im Süden Galliens ein Reich errichtet hatten, werden Westgoten genannt – Theoderichs Leute hingegen Ostgoten.Sie konnten sich nach der Niederlage der Hunnen im Oströmischen Reich in Sicherheit bringen, wo sie als Wehrsiedler aufgenommen wurden. Um ihre Vertragstreue zu gewährleisten, kam Theoderich als Geisel nach Konstantinopel, wo er die Erziehung eines Prinzen genoss. Intrigen am Kaiserhof dürften den jungen Mann, der nach dem Tod seines Vaters die Führung der Gemeinschaft übernahm, nachhaltig geprägt haben. In seiner Funktion hatte er für Beute und Tribute zu sorgen, um nicht von dürftigen Ernten abhängig zu sein. Mal kämpften Theoderichs Leute im Sold des Kaisers, mal unternahmen sie auf eigene Rechnung Raubzüge, mal schlugen sie sich mit gotischen Rivalen herum.Lesen Sie auchMit Geschick vergrößerte Theoderich seine Anhängerschaft, die um das Jahr 487 vielleicht 25.000 Krieger und 100.000 Frauen, Kinder und Alte gezählt haben mag. Der oströmische Kaiser Zenon hatte ihn zum Konsul und Heermeister erhoben und suchte nun nach einem Weg, den erfolgreichen Barbarenkönig zu beschäftigen. Er bot ihm als neues Betätigungsfeld Italien an, wo der germanische Söldnerführer Odoaker 476 den letzten weströmischen Kaiser abgesetzt hatte. Sollte Theoderich scheitern, wäre es sein Pech gewesen. Sollte er siegen, dürfe er das Land „als Lohn für seine Mühen“ im Namen des Kaisers beherrschen.Lesen Sie auchNach endlosen, auch verlustreichen Kämpfen und dem Sieg über Odoaker in der sagenhaften „Rabenschlacht“ 493 vor den Toren Ravennas blieb Theoderich am Ende Sieger. „Die ungeheure Größe des Gemetzels verkündete den Vollstrecker“, feierte ihn ein Panegyriker. Nach der Beseitigung seines Widersachers, mit dem zunächst eine Teilung der Herrschaft vereinbart worden war, ging es darum, eine heterogene Untertanenschaft zusammenzuführen, in der die Goten vielleicht 2,5 Prozent ausmachten. Die übrigen waren römische Senatoren, städtische Notabeln, Handwerker und Kaufleute, Bauern und Hirten, Leibeigene und Sklaven, Kleriker und jüdische Gemeinden. „Integration durch Separation“ nennt Wiemer Theoderichs Konzept.Da der König nicht mehr selbst an der Spitze seiner Truppen ins Feld zog, sondern dies zuverlässigen Generälen überließ, musste er ein Mittel finden, um die Goten an sich zu binden. Er tat dies, indem er einmal im Jahr in Ravenna eine Musterung durchführte und jedem Krieger persönlich fünf Goldstücke schenkte. Den Goten kam die Rolle zu, den Schutz gegen äußere Feinde zu übernehmen. Für ihren Lebensunterhalt erhielten sie in Grenznähe, also vor allem in Norditalien, Höfe, die ihnen ein auskömmliches Leben ermöglichten.Die Besitzer des Landes wurden enteignet, was kaum ohne Leid und Klagen ablief. Aber anders als im Reich der Vandalen in Nordafrika führte dies nicht zu einer nachhaltigen Spaltung der Gesellschaft. Die Verluste zumindest der Großgrundbesitzer blieben überschaubar und die lange Friedenszeit ließ die Wirtschaft in einer Weise prosperieren, wie es vergangenen Generationen nicht vergönnt gewesen war. Kam es zu Rechtsstreitigkeiten, in denen Goten und Römer aufeinandertrafen, hatte ein „Gotengraf“ einen römischen Anwalt hinzuzuziehen.Vor allem aber beteiligte Theoderich die römischen Eliten an der Herrschaft. Dem Senat in Rom, trotz seiner Machtlosigkeit eine traditionsreiche Versammlung, ließ er seine Würden. Auch waren die drei wichtigsten Hofämter Römern vorbehalten. In den Provinzen blieb die römische Zivilverwaltung unangetastet. In seinen Erlassen in geschliffenem Latein präsentierte sich Theoderich als „König der Goten und Römer“ und reihte sich selbst als Flavius Theodericus Rex in die Riege der römischen Herrscher ein, indem er den kaiserlichen Familiennamen Flavius mit dem Titel eines Stammeskönigs verband.Mit großem Pomp feierte Theoderich in der alten Metropole des Imperiums das 30. Jubiläum seiner Herrschaft, gerechnet vom Sieg über den Sarmatenkönig Babai, den er 471 umgebracht hatte. Dabei verhielt er sich so, wie man es von einem Imperator erwartete: Es gab Zirkusspiele, ein Wiederaufbauprogramm und ein Geschenk von 120.000 Scheffeln Getreide für die Armen. Weiterhin ließ er die Stadt von einem senatorischen Präfekten verwalten und gestand ihrem Bischof, dem Papst, den Primat über jene Christen in seinem Reich zu, die der katholischen Konfession anhingen.Wie die meisten germanischen Völker hatten die Goten das Christentum in der homöischen Form übernommen. Danach war Jesus seinem Vater nur wesensähnlich (griech.: hómoiousios), aber nicht wesensgleich (griech.: hómoousios). Weil das dem Dogma der Trinitätslehre widersprach, galten die Homöer als Häretiker, was zum Beispiel im Vandalenreich die Spaltung der Gesellschaft in homöische Herren und katholische Untertanen befördert hatte. Theoderich dagegen beließ den Katholiken ihre Rechte und verzichtete auf jegliche Mission. Gegenüber den Juden hielt er zwar Distanz, schützte sie aber vor Verfolgung. Theoderich nahm den Erlass ernst, dass niemand zu seinem Glauben gezwungen werden könne, den sein Kanzler Cassiodor in seiner Sammlung amtlicher Schriftstücke überliefert hat. „Mit dieser Duldsamkeit war er unter den Herrschern seiner Zeit ein Einzelfall“, sagt Wiemer.Auch in der Außenpolitik setzte der Gote auf Ausgleich und Diplomatie. Nach anfänglichen Konflikten gelang ihm mit dem Hof in Konstantinopel der Ausgleich, indem er dem Kaiser den Ehrenvorrang zugestand und Münzen in dessen Namen prägte. Mit Westgoten, Burgundern und Vandalen knüpfte er Heiratsbeziehungen. Der Expansion der Franken leistete er erfolgreich Widerstand. Eroberungen im Süden Galliens festigten Theoderichs Status als mächtigster Herrscher „im westlichen Teil der Welt“.Aber gegen Ende seines Lebens zeigte sein Reich erste Risse. Verfolgungen der Homöer in Ostrom belasteten das Verhältnis zu Konstantinopel. Das stellte die Loyalität der römischen Eliten gegenüber den Goten auf die Probe, die durch die Hinrichtung von zwei prominenten Senatoren, darunter dem Gelehrten Boethius, einen weiteren Schlag erhielt. Lesen Sie auchDer Schwiegersohn Eutharich, den Theoderich zum Nachfolger aufgebaut hatte, starb vor ihm. Weil Theoderich vor seinem eigenen Tode 526 seine Tochter Amalaswintha als Regentin für den minderjährigen Enkel Athalarich bestimmte, stieß er die Goten vor den Kopf, die sich schwer taten, eine Frau zu akzeptieren. Mehr noch: Als ihr Sohn 534 starb, machte sie sich selbst zur Königin. Im selben Jahr eroberte Justinian I. das Vandalenreich und bereitete die Invasion Italiens vor.Dass das Reich der Ostgoten trotzdem 28 Jahre Widerstand leistete und zeitweilig sogar in die Offensive gehen konnte, zeigt zum einen, dass Theoderichs Schöpfung ungleich gefestigter war als das Reich der Vandalen in Nordafrika, das die Oströmer in einem Jahr eroberten. Zum anderen jedoch erkennt man die schwierige Balance von Theoderichs „Doppelstaat“. Denn ihre permanente „Separation“ machte es den römischen Untertanen leicht, auf die Seite des Kaisers zu wechseln. Eine Identifikation mit der Herrschaft der Goten begründete diese Form der Integration nicht.In der mittelalterlichen Sagengestalt des Dietrich spiegeln sich solche Probleme nicht. „Er wurde zur exemplarischen Figur des heimatlosen, kämpfenden und duldsamen Helden“, sagt Wiemer. Dessen Abenteuer hatten nichts mit dem Gotenkönig der Spätantike zu tun, wenn man einmal von seiner Heimatstadt Bern (womit Verona gemeint ist) absieht. Wenn der Habsburger Kaiser Maximilian I. um 1500 so weit ging, Dietrich in seine Ahnengalerie aufzunehmen, verweist das immerhin auf eine Facette, die der Held des Epos mit seinem historischen Vorläufer gemein hat: „Sie schufen Europa“, lautet der Titel eines Sammelbandes, den Wiemers Tübinger Kollege Mischa Meier herausgegeben hat und in dem Theoderich eine prominente Rolle einnimmt.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.