Die Versuche Roms, Germania magna zu erobern, endeten mit dem Triumph des Germanicus 17 n. Chr. Dabei wurde die gefangene Thusnelda, Gattin des Varus-Besiegers Arminius, vorgeführtQuelle: Wikipedia/Public DomainNach dem Untergang des Varus 9 n. Chr. in Germanien soll nur noch ein römisches Kastell den Angriffen der Germanen widerstanden haben. Vieles spricht für Haltern an der Lippe. Neue Funde zeigen, welche Bedeutung der Ort für das Imperium hatte.Noch Jahre nach der Katastrophe des Quinctilius Varus im Teutoburger Wald 9 n. Chr. soll der römische Kaiser Augustus „den Tag dieser Niederlage in Trauer und Niedergeschlagenheit begangen haben“, berichtet sein Biograf Sueton. Denn die völlige Vernichtung von drei Legionen samt Hilfstruppen, rund 20.000 Mann, habe „das Imperium fast an den Rand des Abgrunds gebracht“. Andere antike Autoren wissen, dass damals fast alle Kastelle östlich des Rheins von den siegreichen Germanen erobert wurden – mit Ausnahme eines, das in den Quellen „Aliso“ genannt wird. Die Suche danach ist fast so alt wie die nach dem Ort, an dem sich Varus in sein Schwert stürzte. Neue Funde fügen sich in die Indizienkette ein, dass das große Römerlager von Haltern in Westfalen diese letzte Bastion gewesen sein könnte. Mehr noch: Auch im Jahr 16 n. Chr. könnte der Feldherr Germanicus dieses Lager „Aliso“ noch als Basis für seine Rachefeldzüge genutzt haben, wie der Historiker Tacitus schreibt.Seit 1816 beim St. Annenberg drei römische Grabhügel entdeckt wurden, haben Archäologen um Haltern Spuren von bislang acht Militärlagern aus der frühen Kaiserzeit identifiziert. Zum einen handelt es sich um Marschlager mit einer Größe von bis zu 34 Hektar, in denen bis zu drei Legionen für einige Tage kampiert haben können. Das sogenannte Hauptlager war dagegen ein massives Fort mit vier mächtigen Torbauten, Türmen, Holz-Erde-Mauer und Doppelgraben. Das Westtor und ein Teil dieser Mauer sind beim Römermuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) in situ rekonstruiert worden, in dem Funde aus den zahlreichen Grabungskampagnen in Haltern und aus den anderen Römerstandorten an der Lippe ausgestellt sind. Die strategische Bedeutung des Ortes verdeutlicht das sogenannte Uferkastell an der Lippe, denn bis hierher konnten die vom Rhein kommenden römischen Kriegsschiffe problemlos den Fluss befahren.Die ältesten Lagerteile datieren möglicherweise schon in die Jahre ab 12 v. Chr. Damals begann Drusus, der Stiefsohn des Augustus, mit seinen Vorstößen nach Germania magna. Haltern bot sich als Standort für einen Stützpunkt an. „Eine römische Armee, die am Westufer des Rheins bei Xanten zusammengezogen war, brauchte etwa ein bis zwei Tage, um den Fluss zu überqueren. Nach zwei Tagesmärschen von je 20 Kilometern erreichten sie Haltern“, rechnet Bettina Tremmel, Referentin für das Römerlager in Haltern der LWL-Archäologie, vor. Lesen Sie auchBis dahin konnten große Lastkähne die Versorgung der Legionäre sicherstellen. Denn an einem Tag verbrauchte eine Legion allein 5000 Kilogramm Weizen, hinzu kamen Wein, Öl, Garum (Fischsoße), Hülsenfrüchte sowie Ausrüstungsmaterial. Weiter flussaufwärts erzwangen die Stromschnellen der Lippe (lat. Lupia) ein Umladen auf kleinere Boote. Als Versorgungsroute war der Fluss, der eine ideale Aufmarschroute nach Osten Richtung Weser darstellte, für Vorstöße ins Innere Germaniens von entscheidender Bedeutung. Auch Varus dürfte von Haltern aus aufgebrochen sein, wie der Fund eines Bleibarrens mit der Signatur der ihm unterstellten 19. Legion wahrscheinlich macht. Leider blieben im Halterner Boden keine Bauhölzer erhalten, die eine dendrochronologische Analyse zulassen und damit eine exakte Datierung der Bauphasen ermöglichen könnten. Einzig Bronzemünzen aus der Prägestätte von Nemausus (Nimes), die die Legionäre als Sold erhielten, weisen auf die Zeit der frühen Feldzüge unter Drusus.Nach dem Tod des Drusus 9 v. Chr. übernahm dessen Bruder Tiberius das Kommando über die Germanien-Operationen. In diesem Zusammenhang entstanden bis zur Zeitenwende Anlagen in Haltern, in denen Geschirr aus gallischen Manufakturen und Münzen aus Lugdunum (Lyon) dominieren. In diese Periode fällt der Ausbau des Hauptlagers. Wie neueste Funde einmal mehr belegen, veränderte sich damit der Charakter der römischen Präsenz.In dem gut 20 Hektar großen Areal wurden zahlreiche Bauwerke errichtet, die nicht mehr zu einer sporadischen Nutzung passen, sondern zu einer dauerhaften Anwesenheit nicht nur von Militär-, sondern auch von Zivilpersonen. Es entstanden repräsentative Häuser für hohe Beamte, die das Militär bei der Einrichtung von Verwaltungsstrukturen rechts des Rheins unterstützen sollten. „Diese zusätzlichen Bauten, die man in diesem Militärkontext nicht erwarten würde, ähneln in ihrer Struktur eher römischen Villen als Militärbauten“, sagt Bettina Tremmel. Im Osten wurde das Hauptlager sogar noch erweitert. In diesem zusätzlich gewonnenen Areal finden sich ebenfalls Überreste eines zivilen Gebäudes.Auch das große Gräberfeld, auf dem nicht nur Männer, sondern auch Frauen bestattet wurden, spricht für die Anwesenheit von Zivilisten. Das Gleiche gilt für die zahlreichen Töpferwerkstätten in einem eigenen Viertel außerhalb des Hauptlagers, in denen Keramik nicht nur für den Eigenverbrauch hergestellt wurde, sondern die sich auch in anderen Lagern wie Anreppen bei Paderborn nachweisen lässt. „Die zivile Bebauung innerhalb des Hauptlagers war derart umfangreich, dass keinesfalls noch eine ganze Legion hier untergebracht werden konnte“, sagt Bettina Tremmel.Lesen Sie auch„Das macht es plausibel, dass Haltern zu einem Verwaltungszentrum für das Gebiet östlich des Rheins ausgebaut wurde“, folgert Josef Mühlenbrock. Der Leiter des LWL-Römermuseums Haltern zitiert den Historiker Velleius Paterculus, der beschreibt, dass Tiberius das Gebiet „beinahe in den Status einer tributpflichtigen Provinz“ überführt habe, und verweist auf den zeitgleichen Ausbau der Römerstadt Waldgirmes unweit von Wetzlar. Dort haben neuere Grabungen zahlreiche Funde ans Licht gebracht, die auf einen zivil geprägten Verwaltungsstandort schließen lassen. „Haltern könnte, allerdings mit militärischem Primat, eine ähnliche Funktion zugekommen sein.“ Anders als an der Lahn, wo in der Nachbarschaft erprobte Verbündete wohnten, hatte man es an der Lippe jedoch mit Stämmen zu tun, die der römischen Herrschaft bestenfalls indifferent gegenüberstanden.Aber wie lässt sich Haltern mit den schriftlichen Quellen verbinden? War es das eine „castellum“, das die Germanen nach dem Untergang des Varus 9 n. Chr. nicht erobern konnten, wie der Senator Cassius Dio schreibt? War es gar das legendäre Aliso, dessen Garnison sich trickreich retten konnte? Der hohe Offizier Velleius Paterculus, der selbst an Feldzügen in Germanien teilgenommen hatte, berichtet von diesem Kastell: „Der Lagerkommandant L. Caedicius und die, die mit ihm in Aliso eingekesselt waren, wurden durch riesige Massen von Germanen belagert … Sie fassten eine günstige Gelegenheit ins Auge und schlugen sich mit dem Schwert in der Hand zu ihren Kameraden (am Rhein; d. Red.) durch.“Lesen Sie auchIn der materiellen Hinterlassenschaft Halterns fand sich bislang kein eindeutiger Beleg für eine Gleichsetzung mit Aliso. „Die Zahl an Waffenfunden, die bislang außerhalb des Hauptlagers geborgen wurden, spricht nur bedingt für einen schweren Belagerungskampf“, sagt Josef Mühlenbrock. Eine Reihe von Pfeilspitzen passt immerhin zu der Nachricht, dass sich „zahlreiche Bogenschützen“ unter den Verteidigern befunden hätten.Vertreter der Aliso-These führen noch ein anderes Indiz an. Aus einer Arbeitsgrube im Töpfereibezirk kamen die Skelette von 24 Menschen ans Licht. Bei den Toten handelte es sich überwiegend um Männer zwischen 20 und 50 Jahren. Strontiumisotopenanalysen zeigten, dass sechs der Männer (und ein Hund) aus der näheren Umgebung stammten, vier jedoch eindeutig nicht lokalen Ursprungs waren, sondern möglicherweise aus Süddeutschland und Böhmen stammten, also aus Gebieten jenseits der Reichsgrenzen. Das lässt den Schluss zu, dass es Römer waren, die in der Grube getötete Feinde entsorgten und also mit dem Leben davonkamen.Was sich so treffend in die Vorgänge um die Varuskatastrophe einfügt, hat allerdings einen Haken. Der Historiker Tacitus weiß nämlich, dass „das ganze Gebiet zwischen dem Kastell Aliso und dem Rhein durch neue Heerstraßen und Dammwege erschlossen und gesichert wurde“, als sich der Prinz Germanicus 15 n. Chr. anschickte, an den Germanen Rache zu nehmen. Mit 80.000 Mann, einem Drittel der imperialen Kriegsmacht, wurde das Land zwischen Rhein und Elbe durchpflügt, bis Augustus’ Nachfolger Tiberius im Jahr 17 die Notbremse zog und den Feldherrn nach Rom zurückrief. Denn Kosten und Opfer standen in keinem Verhältnis zum Ertrag, der zwischen Wäldern, Mooren und Bergen zu gewinnen war.Lesen Sie auchErstaunlich ist, dass die römischen Militäranlagen von Haltern – zu welchem Zeitpunkt auch immer – von römischer Seite kontrolliert abgerissen wurden. „Abrissschutt wurde in Gruben verscharrt, Gegenstände wurden gezielt darin abgelegt, nachdem die Bauten angezündet worden waren“, sagt Bettina Tremmel: „Alles spricht für eine zeremonielle Niederlegung, um die Hausgötter gnädig zu stimmen.“ Dieser Befund würde zwar zu einer geordneten Räumung, wie sie Germanicus durchführte, durchaus passen. Noch komplizierter wird die Sache durch neue Untersuchungen, die bei Kalkriese nördlich von Osnabrück gemacht wurden. Dort wird seit den 1980ern ein Schlachtfeld ausgegraben, auf dem Römer gegen Germanen kämpften. In dem Streit, ob in Kalkriese Legionäre des Varus im Jahr 9 den Tod fanden oder ob einem General des Germanicus im Jahr 15 ein verlustreicher Durchbruch nach Westen gelang, haben die Varus-Anhänger unlängst ein starkes Argument gewonnen. Chemische Analysen belegen nämlich, dass römische Objekte aus Buntmetall, die in Kalkriese geborgen wurden, in einer Werkstatt der 19. Legion hergestellt worden sind. Sie gehörte zu den Großverbänden, die mit Varus in den Tod gingen.„Solche Analysen ergeben völlig neue Chancen. Leider sind sie auch sehr teuer. Wir würden diese Untersuchungen zu Buntmetallobjekten gerne um Proben aus anderen Römerstandorten in Westfalen erweitern und so diese Theorie auf eine breitere Basis stellen“, sagt Josef Mühlenbrock. Er räumt ein, dass sich durchaus noch ein anderes Bild ergeben könnte, da immer noch viele Puzzleteile vom römischen Haltern fehlen.So stellt sich etwa die Frage, ob Tiberius, der bereits 11/12 eine Strafexpedition in Germanien unternahm, Haltern nicht wieder als Basis genutzt haben könnte. Oder geht eines der Marschlager, in denen naturgemäß nur wenige Funde in den Boden gelangten, auf seinen Feldzug zurück? Und diente Haltern auch nach dem Abzug der Römer als eine Art Handelsposten, über den das begehrte Blei aus dem Siegerland, von dem einige Stücke in den Lagern gefunden wurden, weiterhin in das Imperium umgeschlagen wurde?Auch wurden für Aliso weitere Lager an der Lippe-Linie vorgeschlagen, etwa in Oberaden oder Anreppen bei Paderborn. Dieser Standort lag etwa sieben Tagesmärsche östlich von Haltern und kann eindeutig mit den Feldzügen des Tiberius in den Jahren 4 bis 6 n. Chr. in Verbindung gebracht werden. Zwar finden sich auch in Anreppen komfortable Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude, Thermen und große Magazin-Komplexe. Es ist aber schwer vorstellbar, dass ausgerechnet dieser vorgeschobene Posten 9 n. Chr. den Germanen widerstanden haben soll, während weiter westlich das wichtige Haltern zerstört und damit der Garnison der Rückweg verlegt wurde.Es gibt viele Gründe, die Haltern weiterhin zu einem Hotspot der Archäologie machen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.
Mit dieser riesigen Festung wollte Rom die Germanen unterwerfen - WELT
Nach dem Untergang des Varus 9 n. Chr. in Germanien soll nur noch ein römisches Kastell den Angriffen der Germanen widerstanden haben. Vieles spricht für Haltern an der Lippe. Neue Funde zeigen, welche Bedeutung der Ort für das Imperium hatte.








