KommentarWer sich ins Abseits stellt, kann im Ernstfall nicht auf Unterstützung hoffenDie Neutralitätsinitiative behauptet, nur wer sich isoliere, sei wirklich neutral. Wir sollten diesem gefährlichen Fehlschluss nicht erliegen.30.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEine Mehrheit der Bevölkerung stützt laut Umfragen das Neutralitätskonzept, das sich seit bald zweihundert Jahren bewährt hat.Ennio Leanza / KeystoneSie gehen abends zu Bett und wissen nicht, ob sie und ihre Familien den Morgen erleben. Sie eilen als Rettungskräfte zu einem Einkaufszentrum, wo ein russischer Drohnenangriff Tote und Verletzte gefordert hat – nur um selbst Opfer eines weiteren Angriffs zu werden, der es auf die Retter abgesehen hat. Die Perfidie, mit der Russland gezielt ukrainische Zivilisten tötet, fordert immer höhere Opferzahlen. Allein im Juli starben mindestens 437 Zivilpersonen, so viele wie noch nie seit Mai 2022. Der Westen ist zu schwach und zu wenig entschlossen, diese russischen Kriegsverbrechen zu stoppen, etwa mit der Lieferung von ausreichend Munition für Flugabwehrsysteme an die Ukraine.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und die offizielle Schweiz? Steht seit Jahren abseits bei der Unterstützung der Ukraine. Und soll sich nun, geht es nach der SVP, komplett aus der Verantwortung stehlen. Die Neutralitätsinitiative würde es künftig verunmöglichen, mit der Übernahme von Sanktionen gegen einen Aggressor wie Russland zu zeigen, dass man sich der internationalen Gemeinschaft zugehörig fühlt und Völkerrechtsverletzungen nicht einfach schulterzuckend zur Kenntnis nimmt.Die Initiative ist ein Affront gegen so ziemlich alles, was die Schweiz bisher ausgemacht hat. Jahrzehntelang hat unser Land eine Neutralität gepflegt, die auf einem klaren Fundament stand: Wir sind Teil der westlichen Staatengemeinschaft, die sich zu Demokratie und Rechtsstaat bekennt. Die sowjetische Niederschlagung der Freiheitsbewegungen in der Tschechoslowakei und in Ungarn trieben hierzulande Zehntausende auf die Strasse. Vor allem von bürgerlicher Seite wurde der Aggressor Russland scharf verurteilt.Ein erschreckender NihilismusHeute indes hat sich bei der stärksten bürgerlichen Partei ein erschreckender Nihilismus breitgemacht. Für sie ist die angemessene Reaktion auf Völkerrechtsverletzungen und gezielte Terrorakte gegen Zivilisten: wegschauen. Geht uns nichts an, ist nicht unser Krieg. Geradezu sinnbildlich für dieses Wegducken ist die omnipräsente Plakatkampagne «Kein Krieg», mit der für die Neutralitätsinitiative geworben wird.Hier segelt die SVP auf dem intellektuellen Niveau von Linksaussen-Pazifisten, die nicht zwischen Aggressor und Opfer unterscheiden und ihre «Gewalt ist nie eine Lösung»-Argumente über das Recht auf Selbstverteidigung stellen. Es ist denn auch kein Wunder, dass die Initiative vom russischen Aussenministerium sowie einer ganzen Reihe von Wirrköpfen unterstützt wird, die sich gestern auf dem Bundesplatz versammelt haben. Das Pro-Lager erstreckt sich von Kommunisten über Corona-Massnahmengegner bis zur Schweizerischen Friedensbewegung, die sich inzwischen komplett diskreditiert hat und dagegen kämpft, dass man einen Kriegstreiber mit Sanktionen belegt.Mehr denn je auf Kooperation angewiesenWie erste Umfragen zeigen, dürfte die SVP mit ihrer Initiative auf die Nase fallen, und das ist gut so. Offensichtlich stützt eine Mehrheit der Bevölkerung das Neutralitätskonzept, das sich seit bald zweihundert Jahren bewährt hat. Dieses sah nie vor, dass die Schweiz zu schwersten Völkerrechtsverletzungen schweigt und so tut, als schwebe sie wertfrei über allen Interessensphären. Unser Land hat bereits vor dem Ukraine-Krieg westliche Sanktionen mitgetragen, etwa im Kalten Krieg oder während der Jugoslawienkriege.In einer Zeit, da Europa von Russland bedroht wird, ist die Schweiz mehr denn je auf diese Kooperation mit der westlichen Staatengemeinschaft angewiesen. Die gegenseitige Unterstützung würde Schaden nehmen, wenn wir uns – mit Ausnahme von Serbien – als einziges europäisches Land nicht an den Russland-Sanktionen beteiligten und wenn wir die militärische Zusammenarbeit mit anderen Staaten einschränkten. Wer sich ins Abseits stellt, kann im Ernstfall nicht auf die uneingeschränkte Unterstützung seiner Partner zählen. Oder wie es der Armeechef Benedikt Roos bemerkenswert offen sagte: «Ich bin nicht mehr so überzeugt, dass die Neutralität ein wirklicher Schutz ist.»Es ist eine historische Tatsache, dass die Neutralität nicht vor militärischer Aggression schützt – in Zeiten hybrider Kriegsführung schon gar nicht. Und es ist eine moralische Bankrotterklärung, aufgrund eines dogmatischen Neutralitätsverständnisses Opfer und Aggressor gleich zu behandeln.Regelmässig stimmen wir über Vorlagen ab, die in wohlklingenden Worten daherkommen, deren Folgen für unser Land aber verhängnisvoll wären. So ist es auch bei der Neutralitätsinitiative. Wir sollten darauf eine klare Antwort geben. Aus purem Eigennutz – und als Bekenntnis zu den freiheitlichen und humanitären Werten, die unser Land zu dem gemacht haben, was es ist.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel