Spionage, Propaganda und Tarnvereine: Was machen Putins Leute in der Schweiz?Russlands Umtriebe mehren sich: Falsche Diplomaten kaufen Waffenteile, ein Konsul verbreitet Fake News, und die Botschaft verteilt mysteriöse Diplome an Putin-Freunde. Ein russischer Ex-Diplomat, der in Genf unter Polizeischutz lebt, warnt die Schweiz.29.08.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenWas wird hier geplant? Blick auf die russische Botschaft in Bern.Valentin Hehli / CH MediaOffiziell waren die zwei Männer in der russischen Handelsvertretung in Bern als Diplomaten tätig. Doch im Geheimen hatten sie einen ganz anderen Auftrag. Sie trafen sich jahrelang mit einem Zürcher Geschäftsmann, mal im Baumarkt, mal im Hotel. Von ihm erhielten sie Hightech-Laborgegenstände, mit Bestimmungsort Russland. Auf die Deals wurde der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) aufmerksam. Denn die beschafften Materialien können zur Herstellung von Chemiewaffen verwendet werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Behörden griffen schliesslich ein, und der Geschäftsmann erhielt diesen Mai vom Bundesstrafgericht eine bedingte Freiheitsstrafe von sechzehn Monaten für seine «schwere Widerhandlung gegen das Güterkontrollgesetz». Die zwei Russen hingegen sind wie vom Erdboden verschluckt.Der Fall steht exemplarisch für eine grössere Frage: Was machen eigentlich all die offiziellen Vertreter Russlands in der Schweiz? In Bern unterhält Moskau eine Botschaft und eine Handelsvertretung, in Genf ein Generalkonsulat und die Uno-Mission – mit insgesamt rund 220 Angehörigen. Mehr als 70 von ihnen arbeiten nach Einschätzung des NDB eigentlich für russische Nachrichtendienste. Die Botschaft weist dies kategorisch zurück und schreibt, in Bern arbeiteten «ausschliesslich Diplomaten».Doch der NDB verschärft seine Warnung im neuesten Lagebericht: Russland sei unter den Staaten mit getarnten Stützpunkten in der Schweiz führend. Regelrechte Agentennetzwerke betrieben der russische Auslandsnachrichtendienst SVR und der Militärnachrichtendienst GRU hier – für Spionage, politische Beeinflussung, Propaganda, Desinformation und Güterbeschaffung.Der verlorene DiplomatEiner, der den Apparat von innen kennt, muss sich seit Jahren vor ihm versteckt halten: Der russische Ex-Diplomat Boris Bondarew lebt an einem geheimen Ort irgendwo bei Genf, unter Polizeischutz. Bondarew war zwanzig Jahre lang russischer Diplomat, zuletzt bis im Mai 2022 bei der russischen Uno-Mission in Genf. Nach dem Angriff auf die Ukraine quittierte er aus Protest den Dienst und wurde daraufhin vom Kreml-Sprecher Dmitri Peskow öffentlich als Gegner bezeichnet. 2024 veröffentlichte Bondarew seine Erlebnisse im Buch «Im Ministerium der Lügen».Boris Bondarew.PDIn einem Videogespräch mit der «NZZ am Sonntag» gab Bondarew diese Woche einen Einblick ins Innenleben der russischen Spionagediplomatie. Die getarnten Nachrichtendienstler üben in ihrem Alltag in der Schweiz «systematische Kontaktarbeit» aus, wie er es nennt: «Die Geheimdienstoffiziere suchen Kontakt zu Beamten, Politikern, Parteivertretern und anderen Menschen, die Zugang zu Informationen oder Einfluss haben.» Die Spione sammelten Wissen, erschlössen Quellen und versuchten auch, öffentliche Debatten zu beeinflussen. Von normalen Diplomaten seien sie grundsätzlich nicht zu unterscheiden: «Beide laufen in Anzug und Krawatte herum und fahren die gleichen Autos.»Gemäss Experten spionieren Russen die Schweiz aus und nutzen das Land gleichzeitig, um vom internationalen Genf aus andere Staaten auszuhorchen. Bondarews diesbezüglicher Befund ist drastisch: Für russische Geheimdienste werde die Schweiz stetig wichtiger. Seit Kriegsbeginn hätten zahlreiche europäische Staaten russische Nachrichtendienstoffiziere ausgewiesen oder deren diplomatische Strukturen verkleinert. «Viele dieser Stellen sind seither in die Schweiz verlagert worden», sagt Bondarew. Personal, das anderswo nicht mehr arbeiten könne, werde hierher umgeleitet.Die Schweiz bleibe für professionelle Geheimdienstoperationen «sehr, sehr nützlich» – wegen ihrer Lage mitten in Europa und, wie Bondarew sagt, mit einer Spionageabwehr, die nicht ausreicht, um das Geschehen wirksam zu kontrollieren.Russland versucht offenbar insbesondere auch im Militärbereich an Informationen zu gelangen. Offiziell wird das immer schwieriger. Seit 2022 werden der russische Verteidigungsattaché und sein Stellvertreter beispielsweise nicht mehr zu Anlässen des Verteidigungsdepartements VBS eingeladen. «Für Angehörige der Schweizer Armee gilt die Vorgabe, Kontakte zu russischen Vertretern zu unterlassen», schreibt das VBS dazu.Ganz verhindern lässt sich der Kontakt aber nicht: Auch lange nach Kriegsausbruch trafen etwa bei den regelmässigen Empfängen der chinesischen Botschaft noch russische Militärdiplomaten unter anderem auf ranghohe Schweizer Militärs. Ein ehemaliger Schweizer Verteidigungsattaché sagt, gerade Botschaftsempfänge seien typische Orte für informellen Austausch und könnten so auch für Informationsbeschaffung genutzt werden: «Man weiss nie, wen andere Botschafter einladen und wohin der Abend führt.»Keine Visa für kranke Russen?Ausser mit klassischer Spionage fallen russische Vertreter in der Schweiz derzeit zunehmend mit Propagandaaktivitäten auf. Schon seit die Schweiz 2022 die EU-Sanktionen übernommen hat, verbreitet Moskau systematisch das Narrativ, sie habe ihre Neutralität aufgegeben. Laut dem NDB publizierte das im Rest von Europa verbotene Newsportal Russia Today letztes Jahr ein Viertel mehr Beiträge über die Schweiz als im Vorjahr, mit stark negativem Grundton. Mit Blick auf die Neutralitätsinitiative vom 27. September hat sich der Ton nochmals verschärft. Beiträge der Botschaft in Bern richten sich gegen Bundesrat und Medien, beklagen angebliche Menschenrechtsverstösse und eine Schweizer «Doppelmoral».Eine neue Episode betrifft Igor Popow, den russischen Generalkonsul in Genf. Er behauptete gegenüber der russischen staatlichen Nachrichtenagentur RIA erst vor wenigen Tagen, Schweizer Behörden verweigerten Russen ohne Angabe von Gründen die Einreise zur medizinischen Behandlung. In Bundesbern wird der Vorwurf als Propaganda zurückgewiesen. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hält auf Anfrage fest: Von Januar bis Ende Juli seien 158 medizinisch begründete Visa für russische Staatsangehörige erteilt worden. Der Generalkonsul äusserte sich auf Anfrage nicht zu seinen Aussagen.Eine weitere, schwer durchschaubare Tätigkeit von Putins Personal in Bern und Genf ist der Kontakt zu russlandfreundlichen Milieus. Das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik (Sepos) weist warnend darauf hin, dass Russland «betont apolitische Tarninstitutionen und -vereine als Fassade» nutze. Öffentlich sichtbar wird zumindest immer wieder, wie Russland diese Milieus bewusst pflegt.So wurden am 22. Juni zahlreiche Personen vom russischen Botschafter Sergei Garmonin in Bern empfangen. Manche erhielten Diplome und Dankesschreiben des russischen Aussenministeriums – unter den Geehrten war gemäss Bildern auch der Präsident der Schweizer Nachtwölfe. Dabei handelt es sich um einen Putin-nahen Motorradklub. Auf Anfrage sagt die russische Botschaft dazu: «Die Botschaft zeichnet jene Landsleute und Schweizer aus, die zur Pflege des historischen Gedenkens beigetragen oder einen Beitrag zu unseren bilateralen Beziehungen geleistet haben.»Botschaft moniert «Verteufelung»Was kann die Schweiz tun? Was die Propaganda angeht, beobachtet eine Arbeitsgruppe des Bundes gegen Beeinflussungsaktivitäten und Desinformation die Lage aufmerksam, insbesondere vor dem Abstimmungstermin Ende September. Und als Reaktion auf die vielen Spione hat der NDB jüngst gezielt «Intelligence-Officers» mit Schwerpunkt Russland und Ukraine rekrutiert – für Analysen, aber auch für die verdeckte Informationsbeschaffung.Die russische Botschaft zeigt sich derweil uneinsichtig, spricht im Kontakt mit der «NZZ am Sonntag» von einer «Entmenschlichung russischer Bürger durch die Schweizer Presse» und einer «Verteufelung Russlands durch die Schweizer Behörden». Das Fazit: «Die Eidgenossenschaft wird von russischer Seite nicht mehr als Vermittlerin wahrgenommen. Auch ihr Potenzial als sogenannte Plattform für den Dialog ist für uns erschöpft.»Für den Ex-Diplomaten Boris Bondarew sind solche Aussagen eine Bestätigung seiner Position. Er hält die Vorstellung für naiv, die Schweiz könne sich durch Zurückhaltung aus der Konfrontation heraushalten, wie es die Neutralitätsinitiative suggeriere. «Russland wird jede Gelegenheit nutzen, die Geschlossenheit Europas zu schwächen. Je stärker sich die Schweiz politisch von Europa abkoppelt, desto nützlicher ist sie für Moskau.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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