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Wirtschaftswissenschaftler Lars Feld Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur Schuldenkrise: „Ein zentraler Hebel zur Entschuldung ist stets die Inflation“ Ökonom Lars Feld sagt eine stark steigende Inflation in den USA voraus. Im Interview warnte er vor anhaltenden Unruhen an den Finanzmärkten.
WirtschaftsWoche: Herr Feld, in vielen Staaten laufen die Schulden aus dem Ruder, in den USA ist der Anleihemarkt in Alarmstimmung. Droht uns eine neue Finanzkrise? Lars Feld: Nicht zwangsläufig. Aber die aktuelle Situation ist heikel. Die Voraussetzungen für eine Finanzkrise sind gegeben. Die Staatsverschuldung ist weltweit viel zu hoch, in manchen Ländern kommt eine enorme private Verschuldung hinzu. Die beiden großen Volkswirtschaften USA und China sind davon besonders betroffen. In China übernimmt die Zentralregierung inzwischen kommunale Schulden und muss wegen der Immobilienkrise das Bankensystem rekapitalisieren. In den USA ist die Schuldendynamik ebenfalls beängstigend.Ist eine Situation vorstellbar, in der die USA ihre Schulden nicht mehr bedienen können?So weit würde ich nicht gehen. Für die USA ist ein klassischer Zahlungsausfall derzeit unwahrscheinlich. Das bedeutet aber nicht, dass Amerika ohne schmerzhafte Anpassungen davonkommt. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die US-Notenbank ihre umstrittenen Anleihekäufe wieder aufnehmen und ausweiten muss.Der neue Chef der US-Notenbank, Kevin Warsh, hat aber das genaue Gegenteil versprochen. Ja, er steht vor einem Dilemma. Die Fed ist angetreten, ihre Bilanz zu verkürzen und die Inflation auf zwei Prozent zurückzuführen. Nun gerät sie durch die hohe Staatsverschuldung und steigende Renditen unter Druck, den Staat am Anleihemarkt zu unterstützen. Das hat nicht nur Folgen für die USA, sondern auch für die globalen Finanzmärkte und für Europa. Zur Person Lars Peter Feld (* 1966) ist Professor für Wirtschaftspolitik in Freiburg und Direktor des Walter-Eucken-Instituts. Er vertritt ordoliberale Positionen wie Schuldenbremse, schlanken Staat, Wettbewerbsförderung. Feld war Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Zudem war er Chefberater des ehemaligen Finanzministers Christian Lindner (FDP).Hat die US-Regierung angesichts einer Verschuldung von über 40 Billionen Dollar die Kontrolle über die Staatsfinanzen verloren? Entscheidend ist das Zusammenspiel von Wachstum, Zinslast und Defizit. Die USA haben auf der Einnahmeseite noch Spielraum. Ich habe die Unternehmenssteuersenkungen der ersten Trump-Regierung begrüßt. Für natürliche Personen wären nun aber Steuererhöhungen notwendig. Auf der Ausgabenseite ist es schwieriger. Das Militär ist der eine große Block. Die Sozialprogramme sind der andere. Bei Medicaid und Medicare zu sparen, ist politisch äußerst schwer. Auch bei der Altersvorsorge sind Kürzungen kaum durchzusetzen.Was bleibt also?Die Wirtschaftsgeschichte zeigt: Ein zentraler Hebel zur Entschuldung ist stets die Inflation. Auch die USA werden auf diesen Hebel setzen. Ich sage nicht, dass sie dies politisch bereits bewusst tun. Aber ökonomisch wird es am Ende darauf hinauslaufen. Der Staat kann seine Schulden durch ein höheres Preisniveau real entwerten, ohne politisch unpopuläre Einschnitte vornehmen zu müssen.Derzeit liegt die US-Inflationsrate bei rund 3,4 Prozent. Wie weit könnte es nach oben gehen? Mittelfristig ist ein Anstieg der US-Inflationsrate auf fünf Prozent und mehr möglich. Eine Teuerung um die drei Prozent könnten die USA relativ gut verkraften. Fünf Prozent sind eine andere Größenordnung.Wer wären die Verlierer einer solchen Entwicklung?In der Regel Menschen mit geringem Einkommen. Die Preise für Güter des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel und Energie steigen häufig besonders stark. Inflation wirkt dann regressiv: Sie belastet die unteren Einkommen relativ stärker.Gefahren an den Börsen „Diese Ignoranz ist üblich im Vorfeld jeder Finanzkrise“ KI-Euphorie, Renditen, Kredithebel, Schattenfinanzierung: Fondsmanager Jochen Felsenheimer sieht Risse im Finanzsystem – und hält deshalb viel Cash. von Heike SchwerdtfegerImmerhin könnten Sparer von höheren Zinsen profitieren.Nur, wenn die Zinsen auch real positiv sind. Ein höherer Nominalzins hilft nicht, wenn die Inflation überraschend stärker steigt. Grundsätzlich ist Inflation ein gutes Geschäft für Schuldner – und ein schlechtes für Gläubiger.Die Anleiherenditen in den USA sind schon jetzt auf den höchsten Stand seit gut 15 Jahren geklettert. Wie nachhaltig ist dieser Anstieg?Mittelfristig – also über etwa fünf Jahre – dürften sich die Renditen auf einem im Vergleich zu den Vorjahren deutlich höheren Niveau bewegen. Erstens wegen des enormen Kapitalbedarfs der KI-Industrie. Die Unternehmen werden hier zu direkten Konkurrenten des US-Finanzministeriums um das Geld der Anleger. Und zweitens wegen der hohen Verschuldung. Wir kennen das aus der europäischen Schuldenkrise: Risikoaverse Investoren verlassen irgendwann die Staatsanleihemärkte von Ländern, deren Schuldentragfähigkeit sie infrage stellen. Dann steigen die Zinsen so lange, bis ein neues Gleichgewicht entsteht – oder die Situation eskaliert. Fakt ist: US-Staatsanleihen genießen nicht mehr wie früher automatisch den Status als sicherer Hafen.Anleihen Was passiert, wenn die Renditen weiter steigen? Die Renditen vieler Staatsanleihen sind so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr, die Turbulenzen könnten auch die Aktienmärkte belasten. Welche Bonds jetzt das Depot stützen. von Susanne Bickel und Saskia LittmannGibt es konkrete Anzeichen für eine wachsende Vorsicht der Anleger?Ein Signal war die Entscheidung von Berkshire Hathaway, seine Kassenbestände deutlich zu erhöhen. Das Unternehmen hält also mehr Liquidität, weil es nicht bereit ist, bestimmte Risiken einzugehen. Viele Investoren sind besorgt, wenn sie auf die Haushaltspolitik der großen Industriestaaten blicken. Weder in den USA noch in Frankreich ist ein überzeugender Ansatz für eine Konsolidierung zu erkennen. Auch Japan scheint mit seiner neuen Regierung auf höhere Defizite zuzusteuern.Welche Rolle spielt Japan für die USA? Japan ist der wichtigste ausländische Gläubiger der USA. Zugleich liegt die japanische Schuldenquote bei mehr als 200 Prozent. Die Lage wurde lange mit dem Hinweis beschönigt, dass Japan vor allem im Inland verschuldet sei und über ein hohes Nettoauslandsvermögen verfüge. Wenn aber mehrere große Gläubigerländer gleichzeitig unter Druck geraten, kann sich die Situation an den Anleihemärkten verschärfen. Dann geht es nicht mehr nur um die Schulden eines einzelnen Landes. Sondern um das Vertrauen in das gesamte internationale Finanzsystem.Könnte der Euro als globale Reservewährung von den Problemen der USA profitieren, die ja auch ein Problem des Dollars sind? Im Moment ist das nicht zu erkennen. Anleger, die sich aus dem Dollar zurückziehen, investieren derzeit vor allem in Gold. Zeitweise ist auch viel Kapital in Kryptowährungen geflossen. Damit der Euro tatsächlich profitieren könnte, müsste sich die EU institutionell weiterentwickeln und die Nationalstaaten ein Stück weit nationale Souveränität im Haushaltsbereich abgeben. Dafür sehe ich keine politischen Mehrheiten.Sie sagen also: Der Dollar als Weltreservewährung ist sakrosankt? Nein, das nicht. Die Gefahr besteht darin, dass das Vertrauen in den Dollar und US-Staatsanleihen weiter sinkt, es aber global keinen gleichwertigen Ersatz gibt. Das macht die aktuelle Entwicklung volkswirtschaftlich heikel. Wenn es im Bewusstsein der Anleger nirgendwo mehr einen sicheren Hafen gibt, führt das mit Sicherheit zu einer deutlich höheren Volatilität an den Finanzmärkten.Dieser Artikel wurde erstmals am 28. August 2026 veröffentlicht. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick











