KommentarAmerika hat keine Lust, seine Schulden zurückzuzahlen – und wird irgendwann seine Gläubiger dafür büssen lassenDie Politik in Washington ist derart zerstritten, dass sich der riesige Berg von Staatsschulden wohl nur noch mit einer kräftigen Inflationswelle wegspülen lässt. Investoren sollten sich vorsehen.30.06.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenSeit Jahren wird davor gewarnt, und seit Jahren werden die Warner ignoriert. Doch das wird immer schwieriger. Der fiskalische Zusammenbruch der Vereinigten Staaten rückt näher, weil das politische System unter den Regierungen Trump, Biden und erneut Trump erstarrt und nicht zu einer Reaktion fähig ist. Das Problem sind nicht die Schulden an sich. Das Problem ist, dass sich in Washington niemand um das Problem kümmern will.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Trotzdem beträgt das Haushaltdefizit 6 Prozent der Wirtschaftsleistung.Die Zeit spielt gegen Washington, auch weil sich geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand verabschieden. Die Neurentner zahlen auf einen Schlag weniger Steuern und beziehen mehr staatliche Leistungen. In den USA fällt dies besonders ins Gewicht, weil der Staat über sein Medicare-Programm die Gesundheitskosten aller Einwohner über 65 Jahren übernimmt – und bekanntlich sind diese Gesundheitskosten in den USA enorm hoch.Die Amerikaner glaubten lange: Ihr Land, das Fernsehsendungen wie «16 and Pregnant» hervorgebracht hat, werde nie Probleme wie Japan oder Italien erfahren, wo immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner unterstützen müssen. Doch auch die amerikanischen Frauen gebären weniger Kinder, zudem ging die Zuwanderung junger Arbeitskräfte stark zurück.Unfähige PolitikerTrump und seine republikanischen Partner im Kongress könnten die USA auf einen nachhaltigen Pfad zurückführen, wenn sie die grössten Budgetposten anpacken: Sie müssten Kürzungen bei den staatlichen Sozial- und Gesundheitsprogrammen oder beim Militär vornehmen. Oder aber sie erhöhen die Steuern.Beide Pfade sind komplett verstellt, denn die Amerikaner wollen weder auf ihren üppigen Sozialstaat noch auf ihre niedrige Steuerbelastung verzichten. Die Republikaner haben 2025 bei der staatlichen Krankenkasse für Arme, Medicaid, etwas gespart. Der Aufschrei war aber derart laut, dass sie die Übung kaum wiederholen werden.Weder die Republikaner noch die Demokraten erklären den Wählern den Ernst der Lage. Stattdessen präsentieren sie Sündenböcke und Scheinlösungen. Manche Demokraten suggerieren, dass eine Vermögenssteuer für ein paar Superreiche genüge, um den Haushalt ins Lot zu bringen und neue staatliche Wohltaten zu finanzieren.Trump und der republikanische Kongress machen es nicht besser. Eine Sparkommission unter Führung von Elon Musk hat 2025 vor allem Chaos gestiftet, bevor der Tech-Unternehmer das Projekt fallenliess und sich wieder einfacheren Vorhaben wie der Besiedelung des Mars widmete.Viel gespart wurde nicht, im Gegenteil. Im Sommer 2025 boxte der Präsident weitere Steuersenkungen durch, um Wahlversprechen einzulösen. Jetzt will er die Militärausgaben um weitere 400 bis 500 Milliarden Dollar erhöhen. Dass die USA wegen des Iran-Kriegs massenhaft teure Raketen nachkaufen müssen, ist in dieser Rechnung noch gar nicht enthalten. Die von Trump so geliebten Zölle werden das riesige Loch im Haushalt auch nicht stopfen.Wie die Schuldenkrise «gelöst» wirdWann kommt es zum Zusammenbruch? Entscheidend ist das Verhältnis der Kosten des Schuldendiensts, derzeit knapp 1,1 Billionen Dollar pro Jahr, zu den Staatseinnahmen – 5,2 Billionen im abgelaufenen Steuerjahr. Der Schuldendienst frisst also bereits mehr als einen Fünftel aller Staatseinnahmen auf.Das Verhältnis könnte sich weiter verschlechtern. Der Schuldzins hängt davon ab, ob die Finanzmärkte die USA als zuverlässigen Schuldner betrachten. Die Bonität der USA wurde seit der Finanzkrise 2008 aber von allen drei grossen Rating-Agenturen heruntergestuft.Zudem müssen die USA laufend alte Schulden durch neue ablösen. In der Tiefzinsphase zwischen 2011 und 2022 konnte sich Washington aber noch sehr günstig verschulden. Auf zehnjährige Staatsschulden musste man zwischen 1 und 3 Prozent Zins zahlen. Heute werden etwa 4,5 Prozent fällig. Der Durchschnittszins im Schuldenportfolio – er beträgt derzeit 3,4 Prozent – dürfte somit weiter ansteigen.US-Finanzminister Scott Bessent versucht den Wert zu drücken, indem er mehr kürzer laufende Schuldverschreibungen ausgibt. Damit spart er ein paar Zehntelprozentpunkte an Zinskosten. Allerdings muss das Finanzministerium die Schulden dann in viel höherer Kadenz umwälzen, und jeder Zinsanstieg wird sofort zum Haushaltproblem. Bessent hat einst seine Vorgängerin Janet Yellen kritisiert, weil sie diesen Trick anwandte – jetzt tut er dasselbe.Das Fed als FeuerwehrDie Schuldenmacherei wird kaum in einem Staatsbankrott enden. Die USA werden alte Versprechen mit neuen Dollars erfüllen können. Finanzminister Bessent wird dafür aber auf die Hilfe der Notenbank angewiesen sein, wenn der Markt für amerikanische Staatsanleihen ihm die Unterstützung versagt.Über Jahrzehnte handelte es sich dabei um den grössten und liquidesten Markt überhaupt, was ihn zum Fundament der Weltwirtschaft machte. Anlagefonds, Banken, Versicherungen und ausländische Notenbanken hielten gerne US-Staatsanleihen, weil sie wussten, dass sie die Wertschriften jederzeit und problemlos verkaufen können.In den vergangenen Jahren ist dieser Markt aber mehrfach ins Stocken geraten. Kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie fror er komplett ein; das Fed musste enorme Mengen an Staatsanleihen aufkaufen, bis die anderen Marktteilnehmer sich wieder zurückwagten.2025 verursachte Trump mit der Ankündigung seiner «Liberation Day»-Zölle die nächste Krise. Staatsanleihen verloren rasch an Wert. Das zwang Hedge-Funds dazu, aus stark gehebelten Wetten auszusteigen, indem sie noch mehr Staatsanleihen in einen ängstlichen Markt hinein verkauften.Wacklige KäuferDer «sicherste Markt der Welt» ist verletzlich geworden, weil sich die Zusammensetzung der Käufer stark verändert hat. Ausländische Zentralbanken und Versicherungen kaufen kaum mehr zu. Sie galten als sehr berechenbare Gläubiger, weil sie mit den Papieren nicht in erster Linie Geld verdienen, sondern ihre eigenen Risiken verwalten wollten.Stattdessen halten Hedge-Funds immer mehr Treasuries, oftmals über stark gehebelte Kredite, die sie von Banken erhalten. Sie nutzen die gigantischen Hebel, um ein bisschen Geld mit Arbitragegeschäften zu verdienen; was Beobachter gern mit dem Bild vergleichen, ein paar Cents vor einer Dampfwalze aufzulesen. Bei einer starken Marktkorrektur kann dieses Kreditkonstrukt rasch auseinanderfallen.Die USA verstärken die Volatilität, weil sie derart viele neue Schuldtitel emittieren, die alle einen Käufer finden müssen. Zwar hat die Trump-Regierung letzthin einige Finanzmarktregeln gelockert, weshalb einheimische Banken und Emittenten von Stablecoins in Zukunft mehr US-Staatsanleihen halten werden. Diese zusätzliche Nachfrage reicht aber nicht aus, um das riesige Angebot an neuen Schulden aufzunehmen.Es ist daher eine Frage der Zeit, bis der Treasury-Markt wieder verrücktspielen wird. Insgeheim vertrauen alle Marktteilnehmer darauf, dass das Fed dann wieder den grossen Staubsauger auspackt und alle Schuldpapiere aufsaugt – selbst wenn sich der neue Fed-Chef Kevin Warsh gegen eine Aufblähung der Bilanz der Notenbank sträubt.Inflation, die alle Versprechen aushöhltDe facto befinden sich die USA schon jetzt in einer Vorstufe zur sogenannten «fiskalischen Dominanz»: Im Notfall wird das Fed das eigene Inflationsziel opfern, um den amerikanischen Staat vor der Pleite zu retten. Etwa, indem es den Leitzins künstlich tief hält, um dem Finanzministerium den Schuldendienst zu erleichtern.Das führt dann früher oder später zu einer neuen Inflationswelle. Für die Regierung ist das riskant, weil die Teuerung die Bevölkerung enorm erzürnen wird. Andererseits hilft die Inflation, die bestehende Schuldenlast wegzuspülen. Man wird sich einen Sündenbock suchen – die Importeure vielleicht oder wie zuletzt die «Fleischverarbeiter-Kartelle in fremdem Besitz», welche laut dem Weissen Haus die Preise für Rindfleisch «künstlich erhöhen» und Konsumenten ausnehmen würden. Abgesehen davon muss man den Dingen wohl ihren Lauf lassen.Anleger sollten sich für eine solche stille Enteignung wappnen. Wer in Sachwerte wie die Aktien der vielen hervorragenden amerikanischen Unternehmen investiert, könnte vom Schlimmsten verschont bleiben; allerdings könnte die kalte Enteignung auch mit einer Dollarschwäche einhergehen.Wer dagegen in amerikanische Staatsanleihen investieren will, sollte sich das gut überlegen. Uncle Sam wird sein Versprechen, das Geld zurückzuzahlen, nicht brechen. Aber wohl so sehr dehnen, dass es auch nicht mehr viel wert ist.Passend zum Artikel
Steigender Schuldenberg: Droht den USA eine Inflationswelle?
Die Politik in Washington ist derart zerstritten, dass sich der riesige Berg von Staatsschulden wohl nur noch mit einer kräftigen Inflationswelle wegspülen lässt. Investoren sollten sich vorsehen.







