Er ist einer der großen Kunststars unserer Zeit und zeigt in Berlin seine erste umfassende Einzelausstellung in Deutschland. Wir trafen Maurizio Cattelan in Mailand. Von einer Kindheit im Schatten des Kreuzes und seinem Plan, eine Familie zu gründen.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDer Mann, der an diesem Nachmittag in schwarzen Nylonshorts und einem rosafarbenen Poloshirt im Grand Hotel in Mailand vor einem Glas Wasser Platz genommen hat, könnte ein ehemaliger Leistungssportler sein. Um seinen Kopf freizukriegen, gehe er jeden Morgen mindestens eine Stunde lang schwimmen, erklärt der 65-Jährige seinen durchtrainierten Körper – sein seit Jahrzehnten praktiziertes Ritual. In Berlin wird Maurizio Cattelan Anfang September eine doppelte Ehrung zuteil. Er erhält den „Preis der Nationalgalerie 2026“ – die Neue Nationalgalerie zeigt zudem seine erste große Einzelausstellung „Night“ in Deutschland.WELT: Herr Cattelan, angenommen, Sie drehen einen Film über Ihr Leben: Mit welcher Szene beginnen Sie?Maurizio Cattelan: Meiner Beerdigung. Mit 51 habe ich mich für einige Jahre von der Kunst verabschiedet. Meine Versagensängste waren so übermächtig geworden, dass ich die Freude an meiner Arbeit verloren hatte. Indem ich meine Kunst zu Grabe trug, beerdigte ich das Leben, das ich bis dahin geführt hatte. Durch das Niederreißen meines Egos konnte ich mich und meine Vergangenheit erstmals von außen sehen. Ich sah einen Teenager mit blockierten Emotionen, der eine Mauer um sich gebaut hatte und unfähig war, mit anderen Menschen mitzufühlen. Das war schmerzhaft.WELT: Ihr Vater war Lastwagenfahrer, Ihre Mutter Putzfrau. Beide waren fundamentalistische Katholiken und haben Sie gnadenlos geschlagen.Cattelan: Ich bin im Schatten des Kreuzes aufgewachsen. Meine Mutter wollte ein Mädchen. Weil sie mich lieben sollte, habe ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr mit einer Mädchenstimme gesprochen. Bei meiner Geburt hatte sie Krebs, es folgte eine Kette anderer Krankheiten. Als sie starb, war ich 23. Es ist eine meiner traurigsten Erinnerungen, dass ich nicht zu ihrer Beerdigung gegangen bin. Eltern und Religion sind Supermächte, wenn es darum geht, Kinderseelen zu versauen. Wenn ich vergessen könnte, woher ich komme, würde ich es tun.WELT: Haben Sie inzwischen Frieden mit Ihrer Mutter gefunden?Cattelan: Viele Jahre nach ihrem Tod habe ich bei der Biennale in Venedig mit einem indischen Mönch gearbeitet. Er ließ sich von uns jeden Tag so begraben, dass nur noch seine betenden Hände aus der Erde ragten. Das war der Moment, in dem ich Frieden mit meiner Mutter schloss. In unserer Jugend sind wir überzeugt, ganz anders als unsere Eltern zu sein. Spätestens mit 50 begreifen wir, wie sehr wir ihnen ähneln. Eine meiner Schwestern lebt bis heute in einer katholischen Ordensgemeinschaft.Lesen Sie auchWELT: Sie haben Ihr Elternhaus in Padua an Ihrem 18. Geburtstag verlassen.Cattelan: Als ich meine Sachen in zwei Plastiktüten verpackt hatte, fragte meine Mutter verblüfft, wann ich denn wiederkomme. Ich sagte: „Nie!“ Heute tut mir meine Härte leid. Meine Mutter war ein Waisenkind, das ohne Liebe aufwuchs. Wie soll so jemand den eigenen Kindern Liebe geben? Mein Vater kam mir immer wie ein leerer Kühlschrank vor. Inzwischen weiß ich, dass er unter Depressionen litt.WELT: Sie sind Autodidakt und erst im Alter von 29 Jahren Künstler geworden. Bis dahin haben Sie Ihr Geld als Koch, Gärtner, Postbote, Krankenpfleger, Leichenwäscher und Samenspender verdient.Cattelan: Ich brauchte diese elf Jahre, um mich von dem zu reinigen, was meine Eltern mir über das Leben beigebracht hatten. Die Kunst bot mir die Aussicht, keinen Chef zu haben und dennoch Geld zu verdienen. Ich habe dann aber ziemlich schnell begriffen, dass Kunst auch Fluch und Verdammnis bedeutet. Wegen ihr lebe ich so diszipliniert und asketisch wie ein Mönch. Konsum und Luxus haben mir nie viel bedeutet. Ich bin dabei, das Meiste wegzugeben. Erinnerungen sind mir lieber als Besitz.WELT: Sie verdienen Millionen und haben Apartments in Mailand und New York. Das nennen Sie mönchische Askese?Cattelan: Meine Wohnung in Mailand hat ein Zimmer und ist 70 Quadratmeter groß. Es gibt ein Bett in der Mitte, eine kleine Küchenzeile und einen Tisch mit einem Stuhl. Der Computer auf dem Tisch ist mein Atelier.WELT: Welche Künstler hängen bei Ihnen?Cattelan: Keine, die Wände sind leer. Es stehen auch keine Arbeiten von mir herum. Ich würde es hassen, sie um mich zu haben. Leere ist bei mir eine Voraussetzung für Inspiration. Ich gehe im Zimmer umher und jage unsichtbare Tiere. Man muss vorbereitet sein, wenn man auf eine mögliche Beute stößt. Da wir über meinen Vater sprachen: Als Künstler bin ich ein leerer Kühlschrank, der auf eine Salami wartet.WELT: Sie haben drei Jahre in einem Krankenhaus gearbeitet. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?Cattelan: Dass die Sterbestunden eines Menschen die am wenigsten dramatischen sind. Und dass eine Leichenhalle zu den friedlichsten Orten dieser Welt gehört. Als Krankenpfleger habe ich begriffen, dass man seine persönlichen Probleme zu Hause zu lassen hat. Ein Patient hat das Recht, Freude und Energie von mir zu verlangen, vor allem dann, wenn er um sein Leben kämpft.WELT: Ihre ersten Ausstellungen waren demonstrative Anti-Kunst. Sie präsentierten lediglich ein Schild, auf dem „Torno subito“ („Komme gleich wieder“) stand, oder vermauerten den Eingang zu den Ausstellungsräumen.Cattelan: Aus Angst, als Dilettant entlarvt zu werden, unterlief ich die in mich gesetzten Erwartungen. In den Augen meiner Eltern war ich ein Versager. Deswegen gab es eine Stimme in mir, die sagte, ich werde mit meiner Kunst scheitern. Dieser Schatten verfolgt mich immer noch. Mit jeder neuen Arbeit will ich meinen toten Eltern beweisen, dass aus mir etwas geworden ist. Vielleicht werde ich erst auf dem Sterbebett sagen können: „Jetzt bin ich frei!“Lesen Sie auchWELT: Ihr amerikanischer Galerist Larry Gagosian besitzt eine private Kunstsammlung im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar, beschäftigt einen Butler namens Eddie und fliegt in einer Bombardier Global 7500 umher, einem privaten Jet, der rund 60 Millionen US-Dollar kostet. Imponiert Ihnen das?Cattelan: Kunsthändler wie Larry inszenieren ihren Lebensstil mit der Absicht, dass andere ihn kopieren wollen, indem sie Kunst bei ihnen kaufen. Dieses System funktioniert – oder sagen wir besser: Es funktioniert noch, denn auf dem Kunstmarkt verändert sich gerade fast alles. Larry ist für mich die Person, die den kürzesten Weg von A nach B kennt. Deshalb arbeite ich mit ihm. Ob er einen Privatjet hat oder mit dem Fahrrad fährt, interessiert mich nicht. Will ich wie er sein? Nein. Ist er berühmter als die Künstler, deren Werke er verkauft? Nein. Wird er wie wir alle sterben? Ja.WELT: Ein Witz über Ihren Galeristen geht so: Bei einem Abendessen erzählt Gagosian, dass einer seiner engsten Freunde nach plötzlicher Krankheit gerade verstorben sei. „Was hatte er denn?“, fragt einer der Anwesenden. Gagosian antwortet: „Einen Lichtenstein, Zeichnungen von Basquiat und einen ziemlich guten Warhol.“Cattelan: Kunsthändler sind scharf auf Todesfälle, Scheidungen und Reiche, die bankrottgehen. Das ist ihre Natur, da schlägt ihre große Stunde. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die aberwitzigen Preise auf dem Kunstmarkt für uns Künstler ein Segen sind. Wer Millionen für eine Skulptur zahlt, sorgt dafür, dass sie in einem erstklassigen Zustand erhalten bleibt. Wenn ich in dieser Sekunde tot vom Stuhl falle, erben meine beiden Schwestern die Werke von mir, die mir gehören. Das wäre dramatisch, weil sie nichts über die professionelle Aufbewahrung von Kunst wissen. Da ist es schon besser, sie würden alles verkaufen und mit dem Geld Gutes tun.WELT: Ein Künstler braucht Distanz, um beurteilen zu können, ob ein Werk von ihm fertig ist und etwas taugt. Gibt es in Ihrem Leben einen Menschen, dessen Auge Sie hundertprozentig vertrauen?Cattelan: Es gab diesen Menschen, aber er ist vor kurzem gestorben. Eine andere Instanz, mit der ich mich auseinandersetzen könnte, sehe ich nicht. Ich muss nun lernen, allein mit dem ständigen Für und Wider in meinem Kopf zu leben und künstlerische Entscheidungen zu treffen.WELT: Mit Arbeiten wie „Comedian“ – eine an die Wand geklebte Banane, die vor zwei Jahren für 6,2 Millionen US-Dollar versteigert wurde – halten Sie dem System Kunst den Spiegel vor, und das System applaudiert: Wie erklären Sie dieses Paradox?Cattelan: Kunst, die einem Programm folgt oder bloß auf Provokation aus ist, ist keine. Meine Fantasie würde blockieren, wenn ich mir die Reaktionen auf meine Arbeiten ausmalen würde. Nehmen Sie meine Skulptur „America“ …WELT: Ein funktionstüchtiges Klo aus 18-karätigem Gold, das mehr als hundert Kilogramm wiegt.Cattelan: Die Idee entstand bei einem Abendessen mit einem vermögenden Mailänder Immobilienentwickler. Ich riet ihm im Scherz, in einem seiner Wohntürme ein Klo aus echtem Gold einbauen zu lassen. Als ich wieder zu Hause war, ließ mich die Idee eines goldenen Klos nicht mehr los. Nach zwei, drei Wochen machte ich mich auf die Suche nach einem Geldgeber. Obwohl ich schon hunderte Male auf Toiletten der Firma American Standard gesessen hatte, fiel mir kein Titel ein. Es war dann mein Freund Francesco Bonami, der „America“ vorschlug. Als ich dem Guggenheim-Museum in New York den Titel mitteilte, hieß es, ob „Amerika“ für mich auch okay sei. Das „k“ würde Besucher an Kafka denken lassen. Meine Antwort war: „No way!“WELT: Noch einmal: Wie erklären Sie den Applaus, den Sie von denen bekommen, die Sie kritisieren?Cattelan: Der Kunstbetrieb umarmt die Regelbrecher und Disruptoren. Als „America“ ausgestellt wurde, sagte der Immobilienentwickler zu mir, wie dumm er gewesen sei, meinen großartigen Ratschlag nicht befolgt zu haben. Vielleicht ist es bequemer, mir zu applaudieren, als sich auf meine Arbeiten einzulassen. Bei manchen Leuten gelte ich immer noch als Witzbold, der den Kunstmarkt mit Satire und Ironie verulkt. In Wirklichkeit ist mein Sinn für Humor eher schwach ausgeprägt, meine Werke sind alles andere als lustig. Wenn Sie die Oberfläche abkratzen, sind sie todernst, verstörend und melancholisch. Das Lachen bleibt Ihnen im Halse stecken.WELT: 2001 sorgten Sie mit einer gespenstisch realistischen Wachsfigur von Adolf Hitler für Aufruhr, die Sie „Him“ genannt haben. Erinnern Sie sich an die Zündsekunde für Ihre Skulptur?Cattelan: Das Kunsthaus Färgfabriken in Stockholm hatte mir eine Ausstellung angeboten. Ich wollte irgendwas über den Inbegriff des Bösen zeigen. Da fällt einem natürlich Hitler ein, aber weiter kam ich in meinem Kopf nicht. Wochen später musste ich eines Morgens an meine Zeit als Messdiener denken. Vielleicht war es diese Gedankenverbindung, die mich darauf brachte, Hitler auf Knien zu zeigen, vielleicht auch nicht. Kein Künstler kann diese Sorte Fragen beantworten. Viel interessanter ist: Warum kniet Hitler und faltet die Hände? Bittet er Gott im Gebet um Vergebung, oder fleht er Gott an, noch einmal sechs Millionen Juden ermorden zu dürfen? Wird Gott einem reuigen Massenmörder vergeben? Ich weiß es nicht.WELT: Von Ihrer kindsgroßen Hitler-Figur gibt es drei Originale. Gekauft haben sie drei Juden. Einer von ihnen hat den Holocaust überlebt.Cattelan: Das war eine Form von Applaus, die mich gefreut hat. Ist es Ausdruck von Souveränität oder Rache, mit einer Figur zu leben, die für das absolut Böse steht und womöglich die eigenen Vorfahren ermorden ließ? Diese Frage wird mich nie loslassen. Ich erinnere mich noch genau, dass die Hitler-Figur erst 24 Stunden vor Ausstellungsbeginn in Stockholm eintraf. Weil sich die Herstellung verzögert hatte, hatte ich sie noch nie zuvor gesehen. Ich wusste nur eins: Wenn die Figur nicht exakt meinen Vorstellungen entspricht, nehme ich einen Baseballschläger und zertrümmere Hitlers Kopf. Eine ähnlich heikle Situation gab es, als ich 1999 erstmals „La Nona Ora“ ausgestellt habe …WELT: Eine lebensgroße Nachbildung von Papst Johannes Paul II., der von einem Meteoriten getroffen auf einen roten Teppich sinkt.Cattelan: Die Figur war eine Woche vor Beginn der Ausstellung fertig, aber irgendwas an ihr gefiel mir nicht. Plötzlich wurde mir klar, dass die aufrechte Körperhaltung des Papstes falsch war. Wir nahmen eine Säge und durchtrennten die Beine auf Kniehöhe. Es klingt seltsam, aber beim Durchsägen der Beine habe ich Frieden mit meinem Vater geschlossen.WELT: Waren Sie je in Therapie?Cattelan: Nein, ich habe ja die Kunst. Ein Kunstwerk ist ein Werkzeug, um sich selbst besser zu verstehen und sich von seiner Familiengeschichte zu emanzipieren. Entschuldigen Sie, dass ich immer wieder auf meine Eltern zu sprechen komme, aber ich habe durch meine Kunst gelernt, dass ich meinen Eltern auch so etwas wie Dankbarkeit schulde. Als ich 16, 17 war, haben sie verhindert, dass aus mir ein Krimineller wurde.WELT: Vom 10. September an zeigt die Neue Nationalgalerie in Berlin Ihre erste große Einzelausstellung in Deutschland. Auch Ihr Wachsfiguren-Hitler wird zu sehen sein. Gab es deswegen Bedenken?Cattelan: Nein, denn in welcher Stadt könnte diese Skulptur mehr Menschen berühren? Im Mittelpunkt wird aber eine Installation stehen, die ich für die Neue Nationalgalerie entwickelt habe. Sie werden meine Version des Brandenburger Tors zu sehen bekommen.WELT: Warum sind Erotik und Sex keine Themen Ihrer Kunst?Cattelan: Weil Sex überschätzt wird, zumindest als künstlerisches Thema. Sich Sex auszumalen, ist in der Regel schöner als der Akt selbst, und Sex ohne Liebe ist wie ins Gym zu gehen: Man baut Stress ab, aber viel mehr auch nicht. Meine Arbeit handelt von den Beziehungen zwischen Menschen.WELT: „Die Vorstellung zu heiraten“, sagten Sie in einem Interview, sei für Sie „das Ende von allem“. Haben Sie mit einer Frau jemals unter einem Dach gelebt?Cattelan: Einmal. Und dann nie wieder. Die Kunst ist meine Geliebte, meine Freundin, meine Ehefrau. Ich zerstöre jede Beziehung, wenn sie meiner Kunst zu nahekommt. Traurig, oder?WELT: Sie sind 65 Jahre alt. Hatten Sie jemals den Wunsch, Vater zu werden?Cattelan: Ich bin gerade dabei, einen Menschen zu adoptieren. Kein Kind, sondern jemanden Mitte 30. Damit überspringe ich die Probleme, die Teenager einem bereiten. Dieser Mensch wird eines Tages alle Probleme erben, die die Dinge verursachen, die mir noch gehören. Meine bisherige Familie bestand aus den Figuren, die ich als Künstler geschaffen habe. Mal sehen, wohin meine neue Familie mich führen wird.Maurizio Cattelan. NIGHT Neue Nationalgalerie 10. September 2026 bis 7. März 2027
Maurizio Cattelan: „Vielleicht war es diese Gedankenverbindung, Hitler auf Knien zu zeigen“ - WELT
Er ist einer der großen Kunststars unserer Zeit und zeigt in Berlin seine erste umfassende Einzelausstellung in Deutschland. Wir trafen Maurizio Cattelan in Mailand. Von einer Kindheit im Schatten des Kreuzes und seinem Plan, eine Familie zu gründen.







