El Niño könnte diesmal so stark werden wie seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr – das bedroht die NahrungsversorgungDie Prognosen deuten auf eine extreme Erwärmung des tropischen Ostpazifiks hin. Indonesien leidet bereits jetzt unter Dürre. Aber nicht nur im Pazifikraum wird man die Folgen von El Niño spüren.29.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenBauern in Indonesien sehen sich wegen der von El Niño verursachten Dürre gezwungen, die Ernte von Reispflanzen vorzuziehen.Hotli Simanjuntak / EPAIm Pazifischen Ozean braut sich etwas zusammen. Das Meer an der Küste von Peru war in den vergangenen Wochen viel wärmer als sonst – das Wasser hat sich dort um bis zu sieben Grad Celsius aufgeheizt. In diesem Sommer hat erneut das gefürchtete Pazifikphänomen begonnen, das mit Wetterkapriolen rings um den Erdball einhergeht: El Niño.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diesmal könnte der Welt ein besonders kräftiger El Niño bevorstehen. Mehrere Prognosezentren haben bereits warnend auf die aussergewöhnliche Intensität in diesem Jahr hingewiesen. Laut dem britischen Wetterdienst könnte sich das intensivste Ereignis seit dem 19. Jahrhundert entwickeln.Ob es das stärkste El-Niño-Ereignis seit Beginn der Messungen werde, sei noch nicht ganz klar, schreibt der Klimaforscher Dietmar Dommenget von der Monash University in Melbourne, Australien, in einer E-Mail. Sicher werde es aber ähnlich stark werden wie El Niño von 1997, das bis anhin heftigste Ereignis. Damals erreichten die weltweiten ökonomischen Schäden laut einer Schätzung eine Höhe von 5,7 Billionen Dollar.Noch hat das Phänomen seinen Höhepunkt nicht erreicht – dieser ist Ende des Jahres zu erwarten. Aber schon jetzt sind an vielen Orten die ersten Folgen zu spüren. In Mittelamerika ist sommerliche Trockenheit eine der typischen Konsequenzen: Honduras, El Salvador und Panama haben bereits Alarm wegen Dürre geschlagen. Der indische Monsunregen fällt wegen El Niño schwächer aus als sonst.Das Meer erwärmt sich, und der Passatwind flaut abDie Veränderungen, die sich derzeit im Pazifik abspielen, haben gewaltige Ausmasse; sie erstrecken sich über Zehntausende von Kilometern. Und das Wasser erwärmt sich nicht nur an der Meeresoberfläche: Auch in tieferen Wasserschichten des Pazifiks sind die Temperaturen um mehrere Grad Celsius gestiegen, wie man dank Bojenmessungen weiss. Diese Entwicklung ist typisch für ein extremes El-Niño-Ereignis und hat die Fachleute in ihren seit dem Frühjahr geäusserten Warnungen noch bestärkt.In der Atmosphäre sind die ersten Zeichen von El Niño ebenfalls schon wahrzunehmen. Normalerweise wehen die Passatwinde in den Tropen kräftig von Osten nach Westen. In diesem Sommer sind sie aber deutlich schwächer ausgeprägt. Der Luftdruck im Westen des Pazifiks ist gestiegen und im Osten des Pazifiks gefallen – eine charakteristische Entwicklung in El-Niño-Jahren. Dadurch kommt es im Osten des Ozeans häufiger zu Regengüssen, und im Westen bleibt es vermehrt trocken.In den kommenden Monaten dürften Indonesien, der Norden Australiens und Teile des Amazonas-Regenwalds unter erheblicher Trockenheit leiden. Andernorts sind ungewöhnlich starke Regenfälle zu erwarten, die Überschwemmungen auslösen können, etwa an der südamerikanischen Pazifikküste.Folgen von El Niño können aber auch ausserhalb des Pazifikraums zu spüren sein. Zum Beispiel teilte die Weltwetterorganisation der Vereinten Nationen mit, von Oktober bis Dezember seien am Horn von Afrika wärmere und feuchtere Wetterbedingungen zu erwarten als üblich. Diese Entwicklung, die zum Beispiel Äthiopien, Eritrea und Somalia betrifft, kann günstige oder schädliche Folgen für die Menschen haben: Einerseits kann der zusätzliche Regen die Bedingungen für das Weiden von Nutztieren verbessern, andererseits können Überschwemmungen die Ernte beeinträchtigen.Auf Europa wirkt sich El Niño hingegen nur schwach aus. Laut dem britischen Wetterdienst kann es im kommenden Herbst und Winter in Nordwesteuropa mehr Wind und mehr Regen geben. Ob dieser Einfluss auch in der Schweiz oder Deutschland spürbar sein wird, ist aber fraglich. Hierzulande wird man wohl eher indirekte Folgen von El Niño registrieren.Fachleute rechnen zum Beispiel damit, dass der Preis mancher Nahrungsmittel steigen wird – etwa von Kaffee, Kakao und Zucker. El Niño beeinträchtigt nämlich oft die Ernte in den Anbaugebieten.Korallen deuten darauf hin, dass El Niño stärker geworden istIn den letzten vierzig Jahren hat es auffällig kräftige El-Niño-Ereignisse gegeben. Eine Gruppe amerikanischer Forscher behauptet nun, die mit El Niño verbundenen Temperaturschwankungen seien um fast 40 Prozent stärker geworden, als sie zu vorindustriellen Zeiten gewesen seien. Das folgern sie aus einer Analyse von 13 Korallen in der Umgebung der Galápagos-Inseln. Korallen bilden Kalkschichten, deren chemische Zusammensetzung Rückschlüsse auf die einstige Wassertemperatur erlaubt – und damit auf El Niño.Schon seit langer Zeit diskutieren Wissenschafter, ob der Klimawandel das Pazifikphänomen verändert. Die neue Studie, die im Wissenschaftsmagazin «Science» erschienen ist, stützt nun jene Forscher, die an eine Verstärkung von El Niño glauben. Nachweisen kann das Team um Julia Cole von der University of Michigan den ursächlichen Zusammenhang anhand der Korallenanalyse allerdings nicht.Das Science Media Center Germany hat unabhängige Wissenschafter um eine Einschätzung der Studie gebeten. Diese reagieren eher reserviert auf die Resultate. Ihre Vorbehalte betreffen etwa die Eignung der Korallen für die El-Niño-Rekonstruktion. Zum Beispiel weist Andreas Fink vom Karlsruher Institut für Technologie darauf hin, auch lokale Einflüsse wie der Salzgehalt oder der Säuregrad des Ozeans könnten die Korallendaten beeinflussen – nicht nur die Wassertemperatur.Zwar gibt es zunehmend Indizien für die Annahme, dass El Niño an Stärke zunehmen könnte. Aber einen hieb- und stichfesten Beweis, dass der Klimawandel El Niño intensiver macht, können Wissenschafter derzeit nicht führen. Das liegt auch daran, dass Klimamodelle noch uneinheitliche Ergebnisse liefern, wenn sie die Zukunft des Phänomens vorhersagen sollen.Für die Vorbereitung auf das El-Niño-Ereignis im Jahr 2026 ist die Diskussion über den Klimawandel ohnehin nicht relevant. Den betroffenen Ländern und den Hilfsorganisationen bleibt nichts anderes übrig, als sich jetzt auf die Wetterkapriolen vorzubereiten. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen befürchtet, dass El Niño die Zahl der Menschen, die keinen verlässlichen Zugang zu ausreichendem und gesundem Essen haben, von 225 Millionen auf 274 Millionen steigen lassen könnte.Passend zum Artikel
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