KommentarDer schwache Franken ist eine Chance für die SNB: Jetzt sollte sie ihre riesige Bilanz verkleinernWann, wenn nicht jetzt? Der Franken schwächelt, die Inflation ist im Griff, und die Exportwirtschaft erholt sich. Für die Nationalbank bietet das eine günstige Gelegenheit, ihren Berg an Fremdwährungen abzutragen.29.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Schweizerische Nationalbank hat ein Zeitfenster, das sie nutzen sollte.Illustration Anja Lemcke / NZZDer Franken schwächelt. Seit Anfang März hat er gegenüber dem Euro um 4 Prozent an Wert verloren, gegenüber dem Dollar sogar um 5 Prozent. Auf den ersten Blick überrascht die Entwicklung. Denn in geopolitisch unsicheren Zeiten fliesst meistens viel Geld in den sicheren Hafen des Frankens, was die Währung stärkt. Doch momentan überwiegt ein anderer Faktor: die Zinsdifferenz. Im Euro-Raum und in den USA werden Anlagen höher verzinst als in der Schweiz. Das macht deren Währungen attraktiver und setzt den Franken unter Druck.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Risiken sind kalkulierbarDass der Franken momentan nicht als Fluchtwährung dient, ist für die Schweizerische Nationalbank (SNB) eine Chance, die sie nutzen sollte. So könnte die Währungsbehörde ihre aufgeblähte Bilanz verkleinern. Da diese Bilanz vor allem aus Devisenanlagen besteht, müsste sie hierzu Fremdwährungen abstossen. Solche Geschäfte scheut die SNB in Zeiten eines starken Frankens. Denn wenn sie Devisen verkauft, erhöht dies die Nachfrage nach Franken, wodurch sich die Währung noch mehr aufwertet.Doch derzeit ist die Situation anders. Der Franken ist schwach. Sollte er sich aufgrund von Devisenverkäufen leicht aufwerten, wäre dies besser verkraftbar. Zwar weiss niemand, wie stark eine Aufwertung ausfallen würde. Mit einer geschickten Platzierung ihrer Devisenverkäufe kann die SNB jedoch dazu beitragen, den Effekt in Grenzen zu halten. Das dafür nötige Wissen hat sie. Nach Jahren des Mindestkurses (2011 bis 2015) und stetiger Devisenmarktinterventionen kennt die SNB die Feinmechanik des Währungsmarktes so gut wie kaum eine andere Zentralbank.Gewiss, ein Abbau der Bilanz, wie ihn auch das amerikanische Fed oder Englands Notenbank anstreben, ist stets mit Risiken verbunden. Doch das taugt nicht als Ausrede. Eine perfekte Ausgangslage gibt es nie; ein Grund gegen Devisenverkäufe findet sich immer. Heute sind die Risiken aber kalkulierbar: Die Inflation ist weder zu hoch noch zu niedrig, und die vom Frankenkurs abhängige Exportindustrie befindet sich in einer Phase der Erholung. Für die SNB läuft es gerade ziemlich rund.Gefährliche Politisierung der BilanzWann, wenn nicht jetzt? Ist es der Nationalbank ernst damit, ihre im internationalen Vergleich riesige Bilanz auf überschaubare Dimensionen zu verkleinern, sollte sie nun handeln. Denn es könnte lange dauern, bis die Rahmenbedingungen wieder so günstig sind. Niemand verlangt von der SNB, dass sie ihre über 900 Milliarden Franken schwere Bilanz gleich um mehrere hundert Milliarden entschlackt. Es genügen weit kleinere Summen. Wichtig ist zudem das Signal, dass die nach der Finanzkrise aufgetürmten Devisenberge nicht als Normalität betrachtet werden.Denn die Bilanz ist eine Belastung. So steigen mit deren Grösse auch die Begehrlichkeiten. Wann immer in Bundesbern nach zusätzlichen Geldern gesucht wird (und das ist fast immer der Fall), findet sich ein Politiker, der einen Rückgriff auf das «Volksvermögen» der SNB fordert. Momentan verhandelt die SNB gerade mit dem Finanzdepartement über eine neue Vereinbarung zu den Gewinnausschüttungen der Nationalbank an Bund und Kantone. Dass diese Gespräche schon ungewöhnlich lang andauern, deutet auf zähe Verhandlungen und hohen politischen Druck auf die SNB hin.Die Politisierung der Bilanz ist nicht der einzige Nachteil. Weil die vielen Devisen im Ausland angelegt sind, holt man sich allerlei Risiken ins Haus. Sollte sich der KI-Hype rund um Amerikas Technologiekonzerne als Blase herausstellen, bekäme dies auch die SNB als Grossaktionärin dieser Firmen zu spüren. Noch grösser ist die Verletzlichkeit gegenüber ausländischen Staatsanleihen, die 61 Prozent der Anlagen ausmachen. Die derzeitigen Turbulenzen an den Anleihenmärkten und die Sorgen über die weltweit steigende Staatsverschuldung dürften auch bei der SNB für wachsende Nervosität sorgen.Auch Nichtstun hat einen PreisWenn die SNB nun Devisen verkaufen würde, wäre das kein Novum. Auch 2022 und 2023 hat die SNB den damaligen Inflationsanstieg genutzt, um die Bilanz zu verkleinern. Ähnliches wäre heute möglich. Zwar ist die SNB-Bilanz ein Resultat der Geldpolitik; deren Umfang ist kein Ziel per se, sondern hat sich dem Ziel der Preisstabilität unterzuordnen. Doch stabile Preise liessen sich auch mit kleinerer Bilanz und stärkerem Franken erreichen. Die inflationären Kräfte rund um den Globus sind stark genug, um ein Abrutschen in eine Deflation zu verhindern und die Teuerung mittelfristig im Zielband von null bis zwei Prozent zu halten.Die Probleme der Riesenbilanz gehen so schnell nicht weg. Doch die SNB kann sie verkleinern – und der Politik und den Märkten klarmachen, dass sie entsprechende Gelegenheiten zu nutzen bereit ist. Den USA könnte man so auch in Erinnerung rufen, dass die vermeintlichen Währungsmanipulationen der Schweiz nicht immer nur auf eine Schwächung des Franken abzielen. Noch ist nicht erkennbar, dass die SNB tatsächlich Devisen verkauft. Es ist für sie risikoärmer, diskret im Hintergrund zu bleiben und die Dinge zu lassen, wie sie sind. Doch wer heute nichts tut, läuft Gefahr, die Probleme von morgen zu verschärfen.Passend zum Artikel
Der Franken schwächelt – jetzt sollte die SNB handeln und ihre Bilanz verkleinern
Wann, wenn nicht jetzt? Der Franken schwächelt, die Inflation ist im Griff, und die Exportwirtschaft erholt sich. Für die Nationalbank bietet das eine günstige Gelegenheit, ihren Berg an Fremdwährungen abzutragen.






