Kurt Daluege war ein Nazi der ersten Stunde und machte im «Dritten Reich» Karriere: Als Chef der Ordnungspolizei war er massgeblich am Holocaust und an Kriegsverbrechen beteiligt. Nun ist die erste wissenschaftliche Monografie über ihn erschienen.Konstantin Sakkas29.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenVon Zeitgenossen und Historikern lange unterschätzt: der NS-Täter Kurt Daluege.Ullstein/GettyEr war Heinrich Himmlers ranghöchster Polizeigeneral – und steht doch bis heute im Schatten anderer Täter des NS-Regimes: Kurt Daluege (1897–1946), Chef der Ordnungspolizei im nationalsozialistischen Deutschland und von 1942 bis 1943 als Nachfolger von Reinhard Heydrich auch stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, also im deutsch besetzten Tschechien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die SS und die Polizei waren zwei getrennte Bereiche, aber auch die Polizei selbst war zweigeteilt: hier die Sicherheitspolizei, in der ab 1936 die Kriminal- und Staatspolizeibehörden der deutschen Länder zentralisiert und zusammengefasst waren und die 1939 mit dem Sicherheitsdienst (SD, einer NSDAP-Institution) im Reichssicherheitshauptamt vereinigt wurde. Und dort die zahlenmässig viel stärkere Ordnungspolizei (Orpo) mit Schutzpolizei, Gendarmerie und staatlicher Feuerwehr. Chef des «Hauptamts Ordnungspolizei», in dem die eigenständigen Landespolizeibehörden zentralisiert waren, war Kurt Daluege, dem 1939 etwa 131 000, im Krieg dann mehrere Millionen bewaffnete Kräfte unterstanden.«Fussvolk der Endlösung»Literatur zur Ordnungspolizei als «Fussvolk der Endlösung» (Klaus-Michael Mallmann) gibt es reichlich seit Christopher Brownings bahnbrechender Studie «Ganz normale Männer» über das Reserve-Polizeibataillon 101, die im Jahr 1992 erschien. Doch das Hauptamt Ordnungspolizei wurde lange kaum beachtet, ebenso sein Chef. Nun hat der Historiker Sascha Steger die erste, archivalisch gestützte Monografie über Daluege veröffentlicht.Daluege, geboren in Kreuzburg/Oberschlesien, hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und war dann innerhalb der völkischen Bewegung rasch aufgestiegen: Beim Hitler-Putsch 1923 war er als Verbindungsmann Hitlers in Berlin, 1926 wurde er unter dem neu ernannten Berliner Gauleiter Goebbels regionaler SA-Chef. 1930 in die SS übergetreten, erwarb er sich Hitlers Dankbarkeit, indem er im April 1931 die Stennes-Revolte niederschlagen half, jenen Aufstand von SA-Männern gegen die Führung der NSDAP. 1932 wurde er Abgeordneter im Preussischen Landtag. Privat arbeitete der Ingenieur Daluege unter anderem als Führungskraft bei der Berliner Müllabfuhr; dass er im Berliner Milieu «Dummi-Dummi» hiess, verleitete Zeitgenossen und Historiker dazu, ihn zu unterschätzen.Doch Daluege nahm in der «normalen» Polizei eine vergleichbar wichtige Rolle ein wie Himmler und Heydrich in der politischen Polizei: 1933 wurde er Leiter der Polizeiabteilung im Preussischen Innenministerium, das 1934 mit dem Reichsinnenministerium verschmolzen wurde, und avancierte zum Polizeigeneral und SS-Obergruppenführer. Nach dem Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei Himmler war Daluege der zweithöchste Polizeioffizier im Reich.Zum Instrument der «rassenimperialistischen Imperative» der deutschen Führung wurde die Orpo schon beim Überfall auf Polen 1939, wie Steger zeigt: «Daluege, der in der Vorkriegszeit enge dienstliche Kontakte zu polnischen Polizeiführern gepflegt hatte, zeigte keinerlei Skrupel, den von Hitler gegebenen Auftrag zur Vernichtung Polens auszuführen», und zählte «zu den wichtigsten Akteuren im geplanten Feldzug gegen die politischen und rassischen Feinde des NS-Staates».In Prag gehenktZentral war die Rolle der Orpo in der Shoah ab 1941: Nach Schätzungen ermordeten Dalueges Polizeibataillone knapp eine Million Juden in den besetzten sowjetischen Gebieten und töteten oder deportierten über 500 000 Juden im besetzten Polen. Auch die Transporte von Juden aus dem Reichsgebiet in die Konzentrationslager im Osten wurden standardmässig von der Orpo begleitet. Den ersten reichsweiten Deportationsbefehl unterzeichnete am 4. Oktober 1941 Daluege, der schon «bei der Ingangsetzung der Massenmorde an jüdischen Zivilisten in den ersten Wochen des Krieges gegen die Sowjetunion» ab Juni 1941 eine «Schlüsselrolle» gespielt hatte, wie Steger schreibt.Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich und dessen Tod am 4. Juni 1942 wurde Daluege, seit dem 20. April SS-Oberst-Gruppenführer und Generaloberst der Polizei, zum neuen stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren ernannt. Da der offizielle Reichsprotektor Konstantin von Neurath seit 1941 beurlaubt war, oblag Daluege die Regierungstätigkeit. Er hat die brutalen Vergeltungsmassnahmen angeordnet, darunter das Massaker von Lezaky und wahrscheinlich auch, so Steger, das von Lidice.Brutale Vergeltungsmassnahmen nach der Ermordung Reinhard Heydrichs: die Leichen der erschossenen Männer im Dorf Lidice im Juni 1942.ImagoIm August 1943 war es mit seiner Karriere im «Dritten Reich» vorbei: Der an Syphilis (offiziell an «Herzproblemen») leidende Daluege verlor den Posten in Prag an den SS-General Karl Hermann Frank, und auch die faktische Führung der Polizei musste er abgeben, blieb aber auf dem Papier Orpo-Chef.Anfang Mai 1945 geriet Daluege in Lübeck in Kriegsgefangenschaft, war beim Hauptkriegsverbrecherprozess aber nur Zeuge; statt seiner sass in Nürnberg Konstantin von Neurath als Reichsprotektor auf der Anklagebank. Daluege wurde aber an die wiederhergestellte Tschechoslowakei ausgeliefert und in Prag vor Gericht gestellt – zu seinem Entsetzen, glaubte er doch, er solle dort nur als Zeuge gegen Karl Hermann Frank aussagen, den er nach Kräften zu belasten suchte. Doch wie Frank wurde auch Daluege zum Tod verurteilt, freilich nur für seine Handlungen in Tschechien, nicht als Orpo-Chef und Treiber der Judenvernichtung. Am 23. Oktober, sieben Tage nach Vollstreckung der Nürnberger Todesurteile, wurde er in Prag gehenkt.Sascha Steger: Die Organisation der Gewalt. Kurt Daluege – Chef der Ordnungspolizei im NS-Staat. Metropol 2026, 495 S., Fr. 51.90.Passend zum Artikel