PfadnavigationHomeGeschichteKorruption im Dritten ReichSo schamlos bedienten sich höchste Generäle – mitten im Zweiten WeltkriegVeröffentlicht am 12.09.2025Lesedauer: 6 MinutenNeuernannte Generalfeldmarschäle des Heeres am 19. Juli 1940 mit Göring und Hitler in der Neuen Reichskanzlei. Die meisten von ihnen erhielten gigantische und steuerfreie DotationenQuelle: Scherl/SZ Photo/picture allianceNeuerdings digitalisierte Akten im Bundesarchiv geben Einblick in das Ausmaß der Selbstbereicherung auf der obersten Ebene des nationalsozialistischen Deutschlands. Ansehen und herunterladen kann man sich das Material ohne Antrag oder Anmeldung.Zu den Standardvorwürfen im politischen Kampf gehören Korruption und Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit seit Jahrtausenden – mindestens seit der griechischen und römischen Antike. Es war also wenig überraschend, als Sebastian Haffner 1940 dem NS-Regime maßlose Selbstbedienung vorwarf. In seinem ersten Buch „Germany: Jekyll & Hyde“ attestierte der damals unbekannte, nach London emigrierte deutsche Journalist, der eigentlich Raimund Pretzel hieß, den Mächtigen des Dritten Reiches ein „riesiges Ausmaß des Diebstahls“ und „dreisteste Inanspruchnahme öffentlicher Gelder“. Doch seinerzeit, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, konnte Haffner noch nicht wissen: Nicht allein Parteigrößen der NSDAP, sondern auch die Führungsspitze der Wehrmacht nutzte die Gelegenheit, um sich persönlich zu bereichern. Das ganze Ausmaß der Vorteilsgewährung zeigen Akten des Reichsfinanzministeriums und vor allem der Reichskanzlei, die das Bundesarchiv im Zuge seiner Digitalisierungsstrategie gescannt hat und die der Öffentlichkeit ohne Antrag und sogar ohne formale Anmeldung im Suchsystem „Invenio“ zur Verfügung stehen. Nun sind großzügige Geschenke an Heeresführer, Politiker und Vertraute, sogenannte Dotationen, in der Geschichte nichts Ungewöhnliches. Napoleon belohnte seine Mitstreiter, ebenso österreichische Kaiser und preußische Könige. Sie alle zeichneten herausragende Personen nach wichtigen Erfolgen öffentlich mit großen Summen oder wertvollen Landgütern aus. Im Dritten Reich war das anders: Dotiert wurde hier in aller Diskretion, ohne erkennbare Regeln – und all das mitten in einem Krieg, nicht nach einem Sieg.Detailliert lässt sich etwa nachvollziehen, wie Hitler drei Berliner Baubeamte für die Eröffnung des ersten Teils der Ost-West-Achse und der Grundsteinlegung verschiedener Bauvorhaben mit jeweils mehreren durchschnittlichen Jahresgehältern belohnte. Ebenfalls übernommen wurden Klinikkosten für den „Reichsbühnenbildner“ Benno von Arent. Die Tochter des verstorbenen NS-Reichskirchenministers Hanns Kerrl erhielt ein Hochzeitsgeschenk (alles R 43 II/985). Lesen Sie auchFür den NS-Verlagschef Max Amann (der sich an den ihm unterstellten Betrieben hemmungslos selbst bereicherte) erwarb die Reichskanzlei mit 20.000 Reichsmark Steuergeldern (umgerechnet etwa neun Durchschnitts-Jahreseinkommen) das Gemälde „Rinder auf der Weide“ von Friedrich Voltz. Eine Frau Schaarmann aus der Nähe von Linz, die in 16 Monaten fünf Kinder (einmal Zwillinge und einmal Drillinge) geboren hatte, bekam außer Glückwünschen des „Führers“ für jedes Kind ein Sparkassen-Sparbuch über 500 Reichsmark und bis zum 16. Lebensjahr pro Monat 60 Reichsmark Zuschuss – zusätzlich zu einem „namhaften Betrag“, den bereits die lokale NSDAP angewiesen hatte (R 43 II/985a).Problematischer waren jedoch andere Zahlungen, die ebenfalls in den insgesamt neun Archivbänden dokumentiert sind. So erhielten von den zwölf Generälen, die nach dem Frankreich-Feldzug 1940 zu Generalfeldmarschällen befördert wurden, nachweislich acht steuerfreie Dotationen in Höhe von jeweils 250.000 Reichsmark. Wilhelm Ritter von Leeb beispielsweise bekam die Viertelmillion zu seinem 65. Geburtstag am 5. September 1941 diskret in Form eines Schecks, überreicht durch Hitlers Chefadjutant (R 43 II/1092b). Gerd von Rundstedt erhielt ebenfalls 250.000 Reichsmark (R 43 II/985a). Er diente Hitler in verschiedenen Funktionen stets treu – bis hin zum „Ehrenhof“, der die Widerständler des 20. Juli 1944 unehrenhaft aus der Wehrmacht ausschloss, sodass sie dem Volksgerichtshof überantwortet werden konnten. Außerdem bekamen alle Generalfeldmarschälle seit 1940 monatlich zusätzlich zu ihrem regulären Gehalt von 2000 Reichsmark aus den geheimen Kassen der Reichskanzlei 4000 Reichsmark steuerfreie „Aufwandsentschädigung“ – wofür auch immer. Und das bei einem – steuerpflichtigen! – durchschnittlichen Jahreseinkommen in Deutschland von 2156 Reichsmark. Auf heutige Kaufkraft umgerechnet entspräche allein diese Zahlung einem steuerfreien Bonus von einer Million Euro pro Jahr für jeden einzelnen Empfänger.Lesen Sie auchMehrere der Generalfeldmarschälle nutzten die „Führer“-Geschenke, um Landgüter zu erwerben oder zu erweitern. Doch überstiegen die Kosten für einen „standesgemäßen“ Besitz trotz der Dotationen oft ihre Möglichkeiten. Ritter von Leeb, der Mitte Januar 1942 im Streit mit Hitler aus dem aktiven Dienst geschieden war, wollte als Ruheständler einen Wald im Wert von rund 638.000 Reichsmark erwerben. Hitler zeigte sich Leeb gegenüber großzügig und entschied am 13. Juli 1944, dass der wertvolle Landbesitz dem pensionierten Feldmarschall zusätzlich zur bereits ausgezahlten Dotation geschenkt werden sollte. Insgesamt erhielt Leeb also 888.000 Reichsmark aus dem Geheimfonds der Reichskanzlei.Lesen Sie auchNoch skrupelloser bediente sich Wilhelm Keitel. Er wollte ein ererbtes Gut in Niedersachsen erweitern und bat am 30. Dezember 1942, als in Stalingrad mehr als 150.000 deutsche Soldaten eingekesselt waren, um finanzielle Unterstützung. Doch seine Wünsche waren so orbitant, dass die Beamten in der Reichskanzlei fast zwei Jahre benötigten, um den Kauf unter Dach und Fach zu bringen. Hitler genehmigte zusätzlich zu einer bereits gezahlten Dotation von 250.000 Reichsmark eine Summe von 764.331 Reichsmark für Keitel. Im September 1944 konnte er schließlich die ersehnten Ländereien sein Eigen nennen. Zu diesem Zeitpunkt standen feindliche Truppen sowohl an der West- wie an der Ostfront kurz vor der deutschen Grenze. Doch Hitlers ranghöchster militärischer Berater kümmerte sich mit Inbrunst um seinen Landbesitz.Nach den überlieferten Akten gibt es keinen einzigen Fall, in dem ein General eine Dotation Hitlers ausgeschlagen hätte. Die Behauptung, der „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel und der Generalstabs-Chef des Heeres, Kurt Zeitzler, hätten sich den „Führergeschenken“ verweigert, lässt sich mit dem allerdings lückenhaft überlieferten Material aus der Reichskanzlei weder beweisen noch widerlegen.Dagegen steht fest, dass einmal eine Dotation von rund einer Million Reichsmark sogar im Nachhinein an die Erben eines verstorbenen Feldmarschalls gezahlt wurde: Walther von Reichenau war im Januar 1942 überraschend an einem Schlaganfall gestorben. Trotzdem ließ Lammers seiner Familie anlässlich des 60. Geburtstages des Generals 1944 ein großzügiges Geschenk des „Führers“ zukommen.Auch Hitler selbst bereicherte sich übrigens schamlos. Zwar hatte er Anfang 1933 publikumswirksam auf das Reichskanzler-Gehalt von jährlich gut 47.000 Reichsmark verzichtet. Doch schon anderthalb Jahre später floss dieses Geld wieder regelmäßig. Außerdem wurde eine Steuernachforderung von über 400.000 Reichsmark stillschweigend niedergeschlagen. Aus den Reichshaushalten standen Hitler zudem jedes Jahr mehrere Millionen zur freien Verfügung; wie viel genau wofür ausgegeben wurde, ist nicht mehr genau zu rekonstruieren.Außerdem kassierte der „Führer“ als Honorar für die Abbildung seines Kopfes auf Briefmarken ab 1937 regelmäßig zweistellige Millionensummen. Der Öffentlichkeit wurde dieses lukrative Geschäft als „Sonderfonds des Führers zur Erfüllung der großen und für das Volksganze wichtigen kulturellen Aufgaben“ verkauft. Tatsächlich jedoch kaufte Hitler damit unter anderem Bilder seiner Lieblingskünstler. Der Rest wanderte in das unüberschaubare Gewirr von Geheimtöpfen des „Führers“, die wiederum die großzügigen Geschenke an die militärische Elite ermöglichten. Mindestens indirekt floss also ein Teil der Briefmarken-Honorare an die Feldmarschälle. Das nennt man am treffendsten wohl „Umverteilung von unten nach oben“. WELTGeschichte-Redakteur Sven Felix Kellerhoff befasst sich seit 35 Jahren wissenschaftlich mit dem Nationalsozialismus. 2017 erschien sein Buch „Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder“ – die erste Gesamtdarstellung der einflussreichsten Partei, die es jemals in Deutschland gab.