PfadnavigationHomeGeschichteHitler digitalWie die Reichsregierung Deutschland in den Krieg führteVeröffentlicht am 25.04.2026Lesedauer: 5 MinutenAdolf Hitler mit seinem Reichskabinett vor einer Regierungssitzung 1935Quelle: picture alliance/SZ PhotoDas Bundesarchiv stellt die Edition der „Akten der Reichskanzlei“ für die ersten knapp sieben Jahre der Regierung Hitler online. Das ist ein wichtiger Schritt, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Dritten Reich allgemein verfügbar zu machen.Nicht wichtig genug für den Chef. Der Reichskanzler hatte keine Zeit für die Sitzung seiner eigenen Regierung – nicht einmal am ersten Tag des Krieges. So leitete der zweite Mann des Dritten Reiches, Hermann Göring, am 1. September 1939 die Sitzung des Ministerrats für die Reichsverteidigung, die anstelle des Reichskabinetts 14 Verordnungen formal bestätigte, darunter die Kriegswirtschaftsverordnung. Immerhin gab es an diesem Freitag, dem ersten von 2076 Tagen Krieg in Europa, ungewöhnlicherweise tatsächlich einmal eine Diskussion unter den anwesenden fünf Ministern und sieben Staatssekretären. Joseph Goebbels, der so wenig wie Hitler zur Sitzung erschienen war, hatte in seiner Funktion als Propagandaminister eine Verordnung vorgeschlagen, laut der „jedes Abhören ausländischer Sender und die Verbreitung von Nachrichten ausländischer Sender unter schwere Strafen gestellt und unter Umständen die Ablieferung sämtlicher Rundfunkempfangsgeräte vorgeschrieben werden“ solle.Lesen Sie auchLaut Protokoll lehnten die meisten Anwesenden eine solche Regelung ab: „Die Auffassung der Mitglieder des Ministerrats ging übereinstimmend dahin, dass so weitgehende Maßnahmen, besonders die Ablieferung der Empfangsgeräte, besser nicht in Erwägung gezogen werden sollten“, hielt der Schriftführer Friedrich Wilhelm Kritzinger fest, Ministerialdirektor der Reichskanzlei (und übrigens am 20. Januar 1942 Teilnehmer der berüchtigten Wannsee-Konferenz). Trotzdem wurde Goebbels’ Entwurf noch am selben Tag offiziell veröffentlicht, angeblich mit Billigung des Ministerrats für die Reichsverteidigung. Der Fauxpas löste in den folgenden Tagen eine erhebliche Korrespondenz zwischen verschiedenen Institutionen des NS-Staates aus. Der Justizminister äußerte „schwerste Bedenken“, das Propagandaministerium bestand auf seinem Vorschlag. Schließlich musste Hitlers Stellvertreter in der NSDAP Rudolf Heß den Diktator persönlich behelligen. Der „Führer“ entschied wie üblich kurz entschlossen, und weil sein Wort praktisch Gesetzeskraft hatte, war das Thema damit erledigt: Künftig standen „Rundfunkverbrechen“ wie das Abhören ausländischer Radiosender unter Strafe. Das verkündete Heß intern am 3. September 1939.Lesen Sie auchAllein für die Zeit bis Ende 1942 verzeichnete die Reichskriminalitäts-Statistik im Deutschen Reich (ohne Österreich und das Sudetenland) 2704 Verurteilungen nach dieser Verordnung; für die Jahre 1943 bis 1945 fehlen entsprechende Zahlen. Ebenfalls nur ausschnittsweise ist die Zahl der verhängten und vollstreckten Todesurteile dokumentiert: 1943 waren es mindestens elf.Lesen Sie auchHeß hatte in seinem Brief das zentrale Interesse des Regimes klar formuliert: „Es kann als sicher angenommen werden, dass im Hinblick auf die angedrohte Strafe und aus Angst, zur Anzeige gebracht werden zu können, diejenigen, die ausländische Nachrichten nach wie vor abhören, sich im Reden mehr im Zaum halten als ohne Verbot.“Diese Dokumente waren schon seit Langem, teilweise sogar seit 1948, zugänglich – aber jetzt stehen sie auch im Internet und sind online recherchierbar. Denn das Bundesarchiv hat die digitale Fassung seiner gedruckten Edition „Akten der Reichskanzlei“ freigegeben. Damit kann man bequem das Material der obersten Reichsbehörden für die Zeit 1919 bis (zunächst) 1939 durchsuchen. Mit der jüngsten Veröffentlichung der Vorkriegsjahre der Regierung Hitler 1933 bis 1939 (einschließlich der ersten vier Kriegsmonate September bis Dezember 1939) sind weitere mehr als 6000 wissenschaftlich kommentierte Dokumente nutzbar.Lesen Sie auch„Gerade in unserer heutigen Zeit ist es wichtig, sich mit den Mechanismen der Macht der menschenverachtenden Nazi-Diktatur auseinanderzusetzen“, sagt Bundesarchiv-Präsident Michael Hollmann zur Veröffentlichung: „Wenn Autokratien in der Welt auf dem Vormarsch sind und frühere Diktaturen verharmlost oder gar schöngeredet werden, ist es spätestens an der Zeit, sich anzuschauen, was wirklich geschehen ist.“ Mit der erweiterten Online-Edition zur Reichskanzlei ermöglicht das größte deutsche Archiv genau das. „Die Edition schlägt Schneisen durch die Aktenmassen der Ministerialbürokratie“, betont der Zeitgeschichtler Hans Günter Hockerts, der für die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften das Vorhaben begleitet hat: „Sie erschließt eine Fülle von Themen und Bezügen und ist daher unter vielen Blickwinkeln nutzbar. Dabei tritt die bürokratische Dimension der ,Führerherrschaft‘ erschreckend deutlich hervor.“Nutzer können in der Online-Edition deutlich komfortabler nach Details suchen als in der bisher schon in allen relevanten Fachbibliotheken vorhandenen Druckversion. Da außerdem Links zum Reichsgesetzblatt und zum Portal „Deutsche Biografie“ hinzugefügt wurden, erleichtert sich die Arbeit mit der Edition weiter. Das Reichskabinett war 1919 bis 1933 das Machtzentrum der deutschen Politik, die entscheidende Institution der staatlichen Exekutive. Das änderte sich deutlich ab dem 30. Januar 1933, denn insgesamt tagte die Regierung Hitler kaum hundertmal, also im Schnitt nur achtmal pro Jahr. Tatsächlich versammelte der erste und einzige nationalsozialistische Reichskanzler (die gut 32 Stunden Amtszeit seines Nachfolgers Goebbels vom Nachmittag des 30. April bis zum Abend des 1. Mai 1945 kann man vernachlässigen) aber vor allem in den ersten anderthalb Jahren seine Minister um sich: 1933/34 nämlich 79-mal. 1936 gab es dann nur noch vier, 1937 immerhin sechs und 1938 eine einzige, die letzte Kabinettssitzung. Parallel damit wurde der Staatsapparat immer mehr zum Instrument der nationalsozialistischen Herrschaft. Statt förmlicher Sitzungen entscheidend wurden nun die mündlichen „Führervorträge“, die meist Hans-Heinrich Lammers, der Chef der Reichskanzlei, bei Hitler hielt. Die Edition enthält das komplette Material über die 470 derartigen Termine, bei denen rund 3800 verschiedene Themen angesprochen und entschieden wurden.Die folgenden Jahre 1940 bis 1945 werden im nächsten Schritt für die Online-Veröffentlichung aufbereitet. Denn der letzte gedruckte Editionsband ist erst 2022 erschienen.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Hitler und die NS-Zeit gehören zu seinen Themenschwerpunkten. Dazu hat er fast ein Dutzend verschiedene Bücher publiziert, unter anderem „Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder“ (2017) und „Hitlers Ende im Führerbunker“ (2018).
„Akten der Reichskanzlei“ jetzt online: Wie Hitlers Reichsregierung Deutschland in den Krieg führte - WELT
Das Bundesarchiv stellt die Edition der „Akten der Reichskanzlei“ für die ersten knapp sieben Jahre der Regierung Hitler online. Das ist ein wichtiger Schritt, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Dritten Reich allgemein verfügbar zu machen.






