Revision einer Schriftstellerbiografie: Der Deutschlanderklärer Ingo Schulze kehrt zu seinen Ursprüngen zurückIm Roman «Das Wasser im August» schreibt der preisgekrönte Autor über Aufbruchsgefühle vor dem Mauerfall – und darüber, wie es dann wirklich kam. Ein Zusammentreffen in Berlin.Paul Jandl29.08.2026, 05.30 Uhr7 Leseminuten«Wir hatten plötzlich die Macht in der Hand»: der Schriftsteller Ingo Schulze.Stefan Boness / VisumDer Himmel trägt Blau, Ingo Schulze auch. Künstler-Casual. Leinenhemd, Leinenhose, Sandalen. Ohne Socken, versteht sich. Wo man sich verabreden könne, war die Frage. Als Treffpunkt hat der Schriftsteller ein städtisches Gebilde Berlins vorgeschlagen, das im Vormittagssonnenlicht genauso absurd wirkt, wie es heisst: Schwerbelastungskörper. Mit seinen fast dreizehntausend Tonnen steht der Betonzylinder am Rande einer Kleingartensiedlung. Gegärtnert wird hier seit 1916, geklotzt wurde 1941. Um das Projekt «Welthauptstadt Germania» voranzutreiben, musste Hitlers Leibarchitekt Albert Speer die Tragfähigkeit des Bodens im Stadtteil Tempelhof testen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Triumphbogen nach Skizzen des «Führers» selbst sollte gebaut werden. Triumphaler als der von Paris. Fast hundertzwanzig Meter hoch und hundertsiebzig Meter breit. Mitten durch die Stadt wollte man eine Schneise schlagen. Zum Projekt nationalsozialistischer Selbstverherrlichung gehörte auch eine Transversale durch die Stadt. Nichts von alledem wurde verwirklicht. Nur der Schwerbelastungskörper blieb. Man kann ihn gut als Metapher für die deutsche Geschichte sehen. Nicht umsonst steht er unter Denkmalschutz.Ingo Schulze hat über den Koloss und über diese seltsame Berliner Landschaft einmal einen feinsinnigen Essay geschrieben. Über die nahen Backsteinbauten des ehemaligen preussischen Eisenbahnregiments, über das frühere SA-Gefängnis, über die Autowerkstätten und Hundeschulen, die sich heute auf den Brachen breitmachen. Es ist ein Gegenort zu dem, was man bei seinem neuen Roman «Das Wasser im August» leicht als gegenwartsflüchtige Idylle missverstehen kann: die Seenlandschaft Mecklenburgs.Ein DDR-Sommer in den späten 1970er Jahren. Und ein Sechzehnjähriger, der gerade zwei Dinge für sich entdeckt: die Kunst und die Liebe. Das ist der eine Teil der Geschichte. Die Handlung einer autobiografischen Novelle, an der der fiktive Schriftsteller des Romans gerade schreibt. Der fiktive Schriftsteller aus der Gegenwart hat natürlich Ähnlichkeit mit dem echten Ingo Schulze. Da ist es wieder, das literarische Hütchenspiel, mit dem der 1962 in Dresden Geborene berühmt geworden ist. Das Einfache kann da ganz schön vertrackt sein.Die neuen DDR-RomaneSeit seinem 1998 erschienenen Roman «Simple Storys» ist Schulze auch ein Deutschlanderklärer. Ein Autor der gemischten Gefühle, weil mit der Wiedervereinigung zweier Landesteile auch unterschiedlichste Befindlichkeiten zueinanderfinden mussten. Dies hat bis heute nicht recht geklappt. Warum, das steht in einem Werk, mit dem noch einmal die durch den Mauerfall obsolet gewordenen Wünsche und Lebensentwürfe der Menschen aus der DDR einer Überprüfung unterzogen werden. Abseits der politischen Gängelung durch den kommunistisch-diktatorischen Staat gab es ja auch noch die privaten Utopien. Der Roman «Das Wasser im August» ist in diesem Sinn eine Selbstüberprüfung Ingo Schulzes. Revision einer Schriftstellerbiografie.Ein Porträt des Künstlers als junger Mann, übermalt mit einem Porträt des Künstlers als mittelalter Mann. In Ingo Schulzes jetzt ergrauter Lockenfrisur steckt immer noch ein Rest von früher. Seit Jahrzehnten trägt er runde Brillen mit dünnem Metallrahmen. Wie jung schreibt er heute noch? Und wie schreiben die Jungen?Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises finden sich gleich drei explizite DDR-Romane. Eine spannende Konkurrenz. Da gibt es den dreiundsechzigjährigen Schulze und dann Peggy Mädler, Jahrgang 1976, mit «Selbstregulierung des Herzens». Lukas Rietzschel, geboren 1994, hat seinen Roman «Sanditz» schon aus der Perspektive derer geschrieben, die den ostdeutschen Staat nicht mehr selbst erlebt haben. Ob er, Schulze, die anderen beiden Bücher schon gelesen hat? «Noch nicht.»Nach sechs Jahren ohne Roman sei es alles andere als unangenehm, mit «Das Wasser im August» jetzt wieder einmal beim Deutschen Buchpreis dabei zu sein, sagt der Autor. Er freut sich auf die Lesungen. Auf bestimmte Weise vielleicht sogar doppelt. In der Rahmenhandlung des Buches ist der fiktive Schriftsteller zu einer Lesung in die mecklenburgische Provinz unterwegs. Er will aus der neuen Novelle vortragen. Auf einer Zwischenstation geht der Dichter unsachgemäss mit dem Hochdruckschlauch einer Autowaschanlage um. Der VW Polo springt nicht mehr an. Ein Landarzt stellt sich mit seinem Auto als Taxi-Ersatz zur Verfügung. Eine Pfarrerin, wie «eine Stewardess, nur ohne Make-up», kommt auch noch mit.Die Lesung in einem Landhotel ist ein Geschenk der Frau eines ehemaligen Schulkollegen des Autors an ihren Mann. Dieser Manfred war in der Schule ein Aussenseiter, die Eltern bei der Stasi. Weil der Schriftsteller im Roman aus seiner Novelle über frühere Zeiten liest, geht es im Pingpong hin und her. Das Jahr 1979 und die Gegenwart. Damals: Pubertär-schwärmerischer Möchtegernautor versucht sich beim mecklenburgischen Tollensesee an Naturskizzen und landet in einer amourösen Affäre mit einer dreizehn Jahre älteren Frau. Das Heute: Die Lesung wird zu einer Art Klassentreffen. Die Frage, wie das früher wirklich alles war, kommt auf. Die ehemalige Geliebte ist auch da. Man hat sich Jahrzehnte nicht gesehen.«Freiraumvergrösserung»Den einzigartigen Sommer auf dem Land hat es in Ingo Schulzes Leben wirklich gegeben. Weg von zu Hause, zu Gast bei einem Malerehepaar. Ein Aufbruchsgefühl, bei dem die ersten Schreiberfahrungen mit etwas diffus Politischem gekoppelt waren: mit der Idee, dass Literatur in diesem und gegen diesen Staat namens DDR etwas erreichen kann. Es war die Zeit nach der Ausbürgerung des Sängers und Dichters Wolf Biermann. Die Obrigkeit witterte die Gefahr, dass ihr sozialistisches Projekt aus den Angeln gehoben werden könnte. Ausgerechnet durch einen Künstler.Und dann gab es in den 1970er und 1980er Jahren in der DDR noch Romane, die den Nachwuchsschriftsteller glauben liessen, dass Grosses möglich sei. Das, was der heutige Ingo Schulze unter dem blauen Himmel Berlins «Freiraumvergrösserung» nennt. «Die Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss. Christa Wolfs «Kassandra» und Volker Brauns «Hinze-Kunze-Roman».Ingo Schulze ist ein Epiker. Ein Nostalgiker ist er nicht. Ein Gespräch mit ihm ist ein angenehmes Mäandern durch das Leben. Durch Last und Freude, Seufzen und Halleluja. In der Berliner Kleingartenkolonie neben dem Schwerbelastungskörper erzählt er von seiner Datsche bei Prieros in Brandenburg.Vladimir Nabokov hatte nahe Prieros nach seiner Emigration aus Russland ein Grundstück, das er allerdings nie abbezahlte. Wilhelm Pieck, der einzige Präsident der DDR, bewohnte hier eine Villa. Ingo Schulze, nicht nur Schriftsteller, sondern auch Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, bewohnt übers Wochenende und im Sommer manchmal eine Waldhütte. Kiefern, Kraniche überm See. Bei Windstille morgens spiegelglattes weiches Wasser. Augustwasser. Das ganze Erholungsprogramm. Das Amt als Akademie-Chef nimmt den Schriftsteller mehr in Beschlag, als ihm lieb sein kann. Weil er ein Menschenfreund ist. Ein Genaunehmer.Wir haben die Gleise des Bahnhofs Südkreuz überquert. Im «Café Mon Cherie» nimmt Ingo Schulze den Nusskuchen. «Beim hausgemachten Nusskuchen kann ich nicht widerstehen», sagt er zur Thekenkraft. Es ist ein typischer Schulze-Satz, wie er auch in seinen Büchern stehen könnte. Ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber authentisch. In der Mimik der Frau mit Migrationshintergrund zuckt das «nicht widerstehen» kurz nach. Den Wespen ist ohnehin alles egal. Sie können sich auch nicht beherrschen und werden das Backwerk im Kaffeehausgarten eifrig umschwirren, während Ingo Schulze von seinen Jugendjahren zurück in die ostdeutsche Gegenwart kommt. Das muss sein. Er ist ja auch eine Art literarischer Erbschaftsverwalter und hat zu den emotionalen Abrisskanten, die sich nach dem Mauerfall zeigten, vieles geschrieben.Die Kränkung hält anEs gibt Kleinigkeiten im speziellen kulturellen Gefühlshaushalt, und es gibt etwas, das immer grösser wird: die AfD. Ingo Schulze will nichts relativieren, aber um Relationen geht es ihm doch. Nicht nur in Ostdeutschland seien die Rechten im Vormarsch, sondern auch in Frankreich, den Niederlanden, Österreich und natürlich in Amerika. «Woher kommt die eine Million AfD-Wähler in Bayern oder Baden-Württemberg?», fragt Ingo Schulze. «Ich muss zugeben, dass ich auch viele Dinge nicht verstehe: «Die AfD hat ja keine Politik für Arbeiter im Programm, und trotzdem wird sie gerade von denen am häufigsten gewählt.»Es bleibt die grosse Frage nach dem Warum, und die beantwortet sich der Schriftsteller so: «Ich glaube, es gibt eine ostdeutsche Kränkung, die anhält. Wir, die wir diese Revolution damals gemacht haben und dieses Land als Handwerker, als Lehrer oder Krankenschwester tragen, haben eigentlich gar keine Stimme mehr, aber mit der Wahl der AfD erregen wir Aufmerksamkeit. Die enorme Souveränitätserfahrung der Ostdeutschen von 1989/90 wird unterschätzt. Das war auch eine Demokratieerfahrung. Wir hatten plötzlich die Macht in der Hand. Das war unverhofft und auch furchtbar anstrengend.»Vom Energiepotenzial der damaligen Anstrengungen handelt Ingo Schulzes neuer Roman, auch wenn er sehr sanft daherkommt. Er ist ein subtiles Ding. Er zeigt Menschen, wie sie waren und was aus ihnen geworden ist. Der eine hat sich eingerichtet in den neuen Umständen, der andere nicht.Im Baumschatten des Kaffeehausgartens kommt die Atmosphäre eines Klassentreffens auf, als Schulze die SMS eines früheren Schulkollegen vorliest. Der hat ihn im Fernsehen gesehen, hat ihn reden gehört über die DDR und lässt seiner Wut freien Lauf. Er wettert über die heutigen «Realitätsverweigerer» und schreibt, dass er «für einen echten Patriotismus» sei. Und dann noch der Nachsatz: «Rothschild hat alles im Griff. Armes Deutschland.» Ingo Schulze sagt: «Der hat früher bei uns Disco gemacht. Hat mir die ersten Bowie-Platten ausgeliehen.»Ist da einer falsch abgebogen? Konsequenterweise ist der idealistische Jungschriftsteller Ingo Schulze der siebziger Jahre zum Ingo Schulze von heute geworden. Ein Menschen- und Landschaftsmaler, der jetzt gleich losmuss. Erst noch in den Baumarkt, dann zu den Seen von Prieros. Mit wehenden Locken hinein ins Augustwasser.Ingo Schulze: Das Wasser im August. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt 2026. 320 S., Fr. 37.90.Passend zum Artikel